Direkt zum Inhalt springen
Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Die EM-Kolumne (2)


Spieler ohne Grenzen



Von Luca Geisseler




 Weitere Sprachen: 5  Sprachen: 5

Wir. Und die anderen. So einfach ist letztlich das Konzept der Nation. Denn es beruht ganz wesentlich auf der Abgrenzung. Der Abgrenzung von dem wie auch immer gearteten Anderen. Die Grenze, die eine Nation – selbst, oder vielleicht auch gerade die viel zitierte Willensnation – überhaupt erst konstituiert. Sie trennt primär.

Soweit die Theorie.

Doch Abgrenzung ging auch schon einfacher. Wie die Europameisterschaft in Frankreich so wunderbar zeigt. Spätestens dann, wenn es auf dem Fussballfeld zum Bruderduell kommt, wird es schwierig. Xhaka gegen Xhaka. So lautete die Affiche beim Spiel Schweiz-Albanien, dem erstem Auftritt der Schweizer Nationalmannschaft an der Euro2016. Granit hier auf der einen Seite, Taulant dort auf der anderen Seite der Mittelline. Und wo bitte, wo verläuft jetzt hier die Grenze? Die Grenzen zwischen uns und den anderen?

Überhaupt, die Partie Schweiz gegen Albanien. Bei Lichte betrachtet doch ein schmieriger Etikettenschwindel, den der Europäische Fussballverband UEFA uns da wieder vorgesetzt hat. Denn eigentlich hat an diesem Tag doch Schweiz A gegen Schweiz B gespielt. Oder Albanien 1 gegen Albanien 2. Je nach Perspektive.  

Die Partie wird für immer als das Spiel erinnert werden, in dem anlässlich eines Länderspiels doch tatsächlich Brüder gegeneinander angetreten sind. Und mit Brüdern sind ausdrücklich nicht nur Taulant und Granit gemeint.

Das Spiel Schweiz gegen Albanien hat so ihrem biederen sportlichen Niveau zum Trotz vor allem eins gezeigt: Die Schweizer Fussball-Nationalmannschaft ist längst transnational.

Und damit ist die Schweiz weiss Gott nicht allein. Österreichs Leistungsträger heissen David Alaba, Marko Arnautovic und Zlatko Junuzovic. Schweden hätte sich ohne die Tore von Zlatan Ibrahimovic erst gar nicht für die EM qualifiziert. Deutschland hofft auf die Magie der Pässe von Mesut Özil und Sami Khedira sowie auf die gute Nachbarschaft von Jerome Boateng.

Die Leistungsträger des ewigen Geheimfavoriten Belgien heissen Romelu Lukaku, Marouane Fellaini und Radja Nainggolan. Der beste Spieler der Kroaten ist mit Ivan Rakitic eigentlich ein Schweizer. Und auch bei den Italienern, dieser so stolzen Fussballnation, trägt die magische Nummer 10, die Nummer von Alessandro del Piero, Roberto Baggio oder Francesco Totti, mit Thiago Motta ein – leider gänzlich talentfreier - gebürtiger Brasilianer. Die Homogenität ist längst der Heterogenität der Herkünfte gewichen.                                     

Gerade die Nationalmannschaft, erdacht zur Selbstvergewisserung des Nationalen, wird damit zum Exempel, wie brüchig das Konzept der Nation längst geworden ist. Die Europameisterschaft, der Wettkampf verschiedener europäischer Nationen um einen Fussball-Pokal, erscheint so zu Zeiten der aufgehobenen Grenzübergänge als abstrakter Anachronismus.

Wir und die anderen. Die Abgrenzung ist heute, da sich Brüder in Länderspielen gegenüberstehen, schwieriger denn je. Paradoxerweise scheinen gerade deshalb Grenzen wieder an Bedeutung zu gewinnen. Das Nationale kehrt in Form von Rechtspopulisten zurück nach Europa. In England. In Österreich. In Deutschland. In der Schweiz.

Je schwieriger die Abgrenzung, je undeutlicher die Differenz zwischen ihnen und uns, desto wichtiger wird sie. Selbst wenn die Grenze mitten durch Familien verläuft und Brüder trennt.

Die Europameisterschaft mag so einem Anachronismus gleichkommen. Politisch betrachtet aber durchaus ein zeitgemässer Anachronismus.


Fussball-NATIONALmannschaften: Machen sie in Zeiten der globalisierten Gesellschaften noch Sinn? Schreiben Sie uns Ihre Meinung in den Kommentaren!


swissinfo.ch

Urheberrecht

Alle Rechte vorbehalten. Die Inhalte des Web-Angebots von swissinfo.ch sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen nur zum Eigengebrauch benützt werden. Jede darüber hinausgehende Verwendung der Inhalte des Web-Angebots, insbesondere die Verbreitung, Veränderung, Übertragung, Speicherung und Kopie darf nur mit schriftlicher Zustimmung von swissinfo.ch erfolgen. Bei Interesse an einer solchen Verwendung schicken Sie uns bitte ein Mail an contact@swissinfo.ch.

Über die Nutzung zum Eigengebrauch hinaus ist es einzig gestattet, den Hyperlink zu einem spezifischen Inhalt zu verwenden und auf einer eigenen Website oder einer Website von Dritten zu platzieren. Das Einbetten von Inhalten des Web-Angebots von swissinfo.ch ist nur unverändert und nur in werbefreiem Umfeld erlaubt. Auf alle Software, Verzeichnisse, Daten und deren Inhalte des Web-Angebots von swissinfo.ch, die ausdrücklich zum Herunterladen zur Verfügung gestellt werden, wird eine einfache, nicht ausschliessliche und nicht übertragbare Lizenz erteilt, die sich auf das Herunterladen und Speichern auf den persönlichen Geräten beschränkt. Sämtliche weitergehende Rechte verbleiben bei swissinfo.ch. So sind insbesondere der Verkauf und jegliche kommerzielle Nutzung unzulässig.

×