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Direkte Demokratie Ukraine


"Die junge Generation wird die Ukraine verändern"



Von Nadja Capone, Kiew




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Bohdan Hawrylyshyn (Mitte) setzt mit seiner Stiftung auf die junge und engagierte Generation in der Ukraine. Diese soll in den nächsten 20 Jahren einen tiefgreifenden Transformationsprozess vorantreiben. (bhfoundation.com.ua)

Bohdan Hawrylyshyn (Mitte) setzt mit seiner Stiftung auf die junge und engagierte Generation in der Ukraine. Diese soll in den nächsten 20 Jahren einen tiefgreifenden Transformationsprozess vorantreiben.

(bhfoundation.com.ua)

Wie bildet man eine neue Generation von aktiven Bürgern aus, die am öffentlichen Geschehen interessiert sind, und das in einer jungen Demokratie, die aktuell unter Kriegseinflüssen leidet? Ein Programm mit dem Ziel, die Ukraine zu einem europäischen Land zu machen, orientiert sich auch stark an den Erfahrungen der Schweiz.

Konnte sich Bohdan Hawrylyshyn, der mit 20 seine Heimat Ukraine verliess, je vorstellen, welch erfolgsgekrönte Karriere er absolvieren und welchen Einfluss er auf die globale Wirtschaft und politische Prozesse ausüben würde? Wohl kaum. Aber genau dies ist geschehen.

Im Zweiten Weltkrieg nach Deutschland verbracht, emigrierte er danach nach Kanada. Seit den 1960er-Jahren lebt der heute 89-Jährige in Genf. An der dortigen Universität doktorierte er in Ökonomie. Später wurde Hawrylyshyn Mitglied des wegweisenden Club of Rome.

Um seinem krisengeschüttelten und geopolitisch exponierten Heimatland zu helfen, gründete er 2010 die Bohdan Hawrylyshyn Foundation. Ziel der wohltätigen Organisation: die Herausbildung einer neuen Generation von Bürgern.

Nun, wer genau sind diese neuen Staatsbürger und wie sollen sie handeln? Gemäss der Stiftungs-Charta sind es "berufstätige, patriotische Ukrainer, die sich um das Gemeinwohl kümmern und sich aktiv am öffentlichen und politischen Leben beteiligen, die mit anderen zusammenarbeiten und eine kritische Masse von Menschen bilden, um die Ukraine in der Zukunft verändern zu können".

Chance für die Jugend

Seit Ende 2012 läuft das langfristig angelegte Programm "Die junge Generation wird die Ukraine verändern". Wer ausser den Jungen, die gut ausgebildet und aktiv sind, soll fähig sein, die vielfältigen Probleme des Landes anzupacken? Sie sollen die Bewohner zu einer europäischen Gesellschaft transformieren. Diese soll auf den Säulen politische Freiheit, Effizienz und Transparenz, wirtschaftliches Wohlergehen, soziale Gerechtigkeit und einem harmonischen Verhältnis zur Natur stehen.

Politik und Stadtplanung

"Die Hauptidee besteht darin, junge Menschen aus der Ukraine auf Studienreisen ins Ausland zu schicken. Dort gewinnen sie an Erfahrung, neuem Wissen und Kompetenzen. Diese können sie anwenden, wenn sie wieder in der Ukraine sind", sagt Olga Melykh, welche die Vereinigung der Programmteilnehmenden leitet.

Diese werden in sechs Zielländer entsandt. Es sind dies Polen, Österreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und die Schweiz.

"Dort können sie dann so viele neue Ideen aufnehmen wie möglich, weil diese Länder über gut entwickelte Zivilgesellschaften, funktionierende Demokratien, effiziente Wirtschaftssysteme und keine grossen Gräben zwischen Arm und Reich verfügen." Zudem, so Melykh, würden die Menschen dort in Frieden mit der Natur leben und auf nachhaltige Entwicklungen setzen.

Botschafter einer neuen Ukraine

Das Programm "The Young Generation will Change Ukraine" wurde 2012 von der Bohdan Hawrylyshyn Foundation lanciert.

Die Teilnehmenden sind junge, engagierte Bürger zwischen 20 und 35 Jahren, die über solide Kenntnisse in ihrem jeweiligen Spezialgebiet verfügen. Dazu müssen sie die englische Sprache beherrschen.

Gruppen aus sechs bis sieben Teilnehmenden studieren einzelne Problem- und Themenfelder in den sechs Ländern Polen, Österreich, Deutschland, Norwegen, Schweden und Schweiz.

Daheim setzen sie die gewonnenen Erkenntnisse in ihrer täglichen Arbeit um. Dies geschieht in exekutiven oder legislativen Bereichen der Regierung, und zwar erst auf lokaler, später wenn möglich auf nationaler Ebene.

"Die Teilnehmer tragen so viele Informationen wie möglich über die Länder zusammen, in die sie zum einwöchigen Studienaufenthalt reisen", erklärt Melykh. Dort stehen dann Treffen mit Politikern und Unternehmern sowie Vertretern von Nichtregierungs-Organisationen, Ministerien und anderen Regierungsbehörden auf dem Programm. Die nötigen Kontakte organisieren sich die Teilnehmenden selbst, wobei sie auf die Unterstützung der Stiftung zählen können. Etwa, was Kontakte zur Botschaft des jeweiligen Gastlandes betrifft.

Die Bewerber müssen zwischen 20 und 35 Jahren alt sein und solide Kenntnisse in einem Fachgebiet sowie in englischer Sprache aufweisen. Drei bis vier Gruppenmitglieder müssen zudem der Sprache des Gastlandes mächtig sein. Die Mitglieder sollten dabei mehrere Kompetenzfelder abdecken.

"Wenn wir Energiefragen studieren, brauchen aber nicht alle über einen technischen Hintergrund zu verfügen", sagt Denys Kutsyi. Der Doktor der technischen Wissenschaften war Mitglied einer Studiengruppe, die Energiefragen in Deutschland studierte. Etwa jene, wie dieser Problembereich die Gesellschaft beeinflusse oder wie Wirtschaft und Energie zusammenhingen.

"Danach setzten wir uns zusammen, prüften alle Informationen, die wir zusammengetragen hatten und analysierten, wie wir diese in der Ukraine umsetzen könnten", so Kutsyi.

Schweizer Knowhow

Die Kosten der Auslandaufenthalte werden gänzlich von der Stiftung getragen. Bisher gab es laut Melykh über 50 Missionen in die Zielländer. Deren Resultate würden sich nun abzuzeichnen beginnen, freut sich die Koordinatorin.

Erwähnt seien hier zwei Beispiele: Ein ehemaliger Teilnehmer setzt heute seine in Europa gesammelten Erfahrungen als Vize-Umweltminister der Ukraine um. Ein anderer, er ist Spezialist für Fragen der urbanen Planung, berät jetzt das Büro des Bürgermeisters der Hauptstadt Kiew.

Ende 2014 weilte eine Gruppe in der Schweiz, um deren Innen- und Aussenpolitik genauer unter die Lupe zu nehmen. "Wir interessierten uns dabei speziell für die Erfahrungen des Landes betreffend Dezentralisierung und direkter Demokratie. Wir fragten uns ständig, was die Ukraine von der Schweiz lernen könnte, welche Macht den Regionen übergeben werden und wie dies geschehen könnte", erzählt Paul Cherkashyn, Leiter der Organisation "Youth Diplomatic Initiative".

Cherkashyns Gruppe war Gast im Aussenministerium der Schweiz, besuchte das Bundeshaus in Bern sowie eine Vorlesung an der Universität Zürich über die Frage, weshalb das Land immer noch an seiner Neutralität festhält. Nach einem Besuch der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) begann sich Cherkashyn zudem für das Schweizer Bildungssystem zu interessieren.

Klar können die europäischen Erfahrungen und Praktiken nicht einfach 1:1 auf die Ukraine übertragen werden.

Horizontale Teilung der Macht 

Der "Schweizer Gruppe" hatte auch Marina Kabak angehört, die über einen Abschluss in internationalen Beziehungen verfügt. Sie betont, Dezentralisierung sei einer jener Punkte, von denen ihr Land am meisten profitieren könne. Hier sollte die Ukraine der Schweiz folgen und "die Macht der Lokalregierungen vergrössern und den Bürgern die Möglichkeit geben, den politischen Prozess direkt mit Initiativen und Referenden zu beeinflussen".

Dabei müsse, so Kabak, die Ukraine im Hinterkopf behalten, dass der Schweizer Föderalismus eine Folge historischer Entwicklung und nicht von oben implementiert worden sei.

Auch Olga Melykh betont die Notwendigkeit einer Dezentralisierung in ihrem Land. "Gibt man der Lokalebene keine Macht, wird es nie Fortschritte geben. Es ist wie bei der Optimierung von Geschäftsprozessen: Es ist höchst ineffizient, wenn das Zentrum entscheidet, welche Region wieviel Geld erhält, ohne zu wissen, was dort genau geschieht."

Melikh ist erfreut darüber, dass viele Ideen, die von den Programmabsolventen im Ausland aufgenommen wurden, nun in die ukrainische Praxis einfliessen. "Sogar nach dem Ende eines Projekts versuchen wir, die Teilnehmer in mehrfacher Hinsicht zu inspirieren. Sie sollen beispielsweise auf Behörden einwirken, in einer bestimmten Frage aktiv zu werden. Oder sie sollen sogar selber Mitglied einer Lokalbehörde werden. Dies, weil sie einerseits jung und aktiv sind, andererseits, weil es auf lokaler Ebene einfacher ist, Dinge umzusetzen."

In seiner Ansprache anlässlich der Verkündung seiner Stiftung hatte Bohdan Hawrylyshyn vorausgesagt, dass die Ukraine in den nächsten 20 Jahren einen Transformationsprozess in allen Bereichen des Lebens und der Regierung durchlaufen werde. "Dies ist eine Herausforderung für die nächste Generation, für die neue politische und soziale Elite, die, so hoffe ich, am Wohl der Gemeinschaft arbeiten wird."

Mit Initiativen wie Hawrylyshyns Programm "The Young Generation will Change Ukraine" scheint es, dass sich die Chancen zum Erfolg des Landes tatsächlich verbesserten. Aller blutigen Auseinandersetzungen mit Russland zum Trotz.


(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi)

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