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Selektive Stimmbürger


"Die Schweizer sind kein Volk von Politverdrossenen"



Von Felix Schindler, Tages-Anzeiger/Der Bund




90% der Stimmberechtigten: Der Politologe Simon Lanz zeigt in einer Studie, dass in der Schweiz mehr Menschen an die Urne gehen als angenommen. Aber nur ganz wenige gehen immer. Es seien dies jene, die sich am bestem mit Politik auskennen, sagt Lanz im Interview.

61,3% der Stimmbürger stimmtem am 28. Februar 2016 über die Durchsetzungs-Initiative ab - so viele  wie seit 24 Jahren nicht mehr. Gar 90% sind es über die Zeit, wie Simon Lanz in Genf herausfand. Bei den meisten nationalen Abstimmungen liegt die Beteiligung aber unter 50%. (Keystone)

61,3% der Stimmbürger stimmtem am 28. Februar 2016 über die Durchsetzungs-Initiative ab - so viele  wie seit 24 Jahren nicht mehr. Gar 90% sind es über die Zeit, wie Simon Lanz in Genf herausfand. Bei den meisten nationalen Abstimmungen liegt die Beteiligung aber unter 50%.

(Keystone)

Felix Schindler: Sie haben herausgefunden, dass nur 10 Prozent der Stimmberechtigten nie abstimmen gehen. Sind wir ein Volk von Musterdemokraten?

Simon Lanz: Nein, Musterdemokraten sind die Schweizerinnen und Schweizer nicht. Im internationalen Vergleich ist die Stimm- und Wahlbeteiligung tief. Aber bisher galten die Schweizer als ein Volk von Politikverdrossenen. Wir können jetzt zeigen, dass innerhalb von fünf Jahren nur 10 Prozent gar nie abstimmen. Das heisst: 90 Prozent gehen an die Urne. Nicht immer, aber sie gehen.

Für die Parteien heisst das, dass diese 90 Prozent theoretisch mobilisierbar sind. Wie bringt man sie an die Urne?

 Die selektiven Wähler sind sehr sensitiv für intensiv geführte Abstimmungskampagnen. Je intensiver die Kampagnen, desto grösser die Mobilisierung. Eingängige Themen begünstigen diesen Effekt.

Bisher glaubte man, man könne Stimmbürger nicht kaufen. Ein Irrtum?

Diesen Schluss kann man aus unserer Studie nicht ziehen. Wir können nur sagen, ob die Stimmbürger an die Urne gehen oder nicht, über ihr Stimmverhalten können wir keine Aussagen machen. Es ist also denkbar, dass Stimmbürger wegen einer intensiven Kampagne abstimmen – aber vielleicht anders, als es die Kampagne propagiert. Wir wissen aus früheren Untersuchungen, dass die Stimmbürger schwer zu manipulieren sind. Die meisten stimmen entlang ihrer persönlichen Präferenzen ab. Für die Parteien muss es deshalb eher darum gehen, ihre Wähler an die Urne zu bringen, als anders Denkende zu überzeugen.

Sie haben Daten von Genf analysiert. Sind sie für die ganze Schweiz repräsentativ?

Wir haben in Genf jeden einzelnen Stimmbürger erfasst und geschaut, ob er abgestimmt hat oder nicht. Vergleichbare Daten gibt es nur im bernischen Bolligen und in der Stadt St. Gallen. Wir wissen, dass im Stadtkanton Genf die Stimmbeteiligung leicht höher ist als in der gesamten Schweiz, aber wir sind zuversichtlich, dass die Hauptaussage unserer Studie für die gesamte Schweiz gilt: Ein grosser Teil der Stimmbürger sind selektive Wähler.

Selektiv Stimmende haben ein ähnliches politisches Profil wie Abstinente: Sie sind politisch uninteressiert, wissen wenig über Politik und haben keine parteipolitischen Präferenzen. Werden Volksentscheide von unpolitischen Menschen gefällt?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Politisches Know-how schwankt von Vorlage zu Vorlage. Man kann wohl sagen, dass es sehr wenige Leute gibt, die mit allen Themen vertraut sind. Unsere Studie zeigt, dass die Menschen vor allem dann abstimmen gehen, wenn sie sich kompetent fühlen. Ein Arzt stimmt vielleicht eher ab, wenn es um Präimplantationsdiagnostik geht, dafür bleibt er bei einer Abstimmung über ein Luftverkehrsgesetz eher zu Hause.

Was bedeuten Ihre Erkenntnisse für die Demokratie?

Die wichtigste Erkenntnis ist, dass eine stark ausgeprägte politische Kompetenz das Stimmverhalten positiv beeinflusst. Je mehr ein Mensch von Politik versteht, desto häufiger geht er abstimmen. Das ist positiv, denn diesen Faktor können wir beeinflussen, zum Beispiel durch politische Bildung. So gesehen ist es sicher nicht hilfreich, wenn die Finanzierung von Institutionen wie dem Berner Käfigturm gestrichen wird, die sich um die politische Bildung von jungen Menschen kümmern.

Nur ein verschwindend kleiner Teil der Bevölkerung geht immer abstimmen. Wie ordnen Sie das ein?

Musterdemokraten gibt es in der Tat sehr wenige. Aus einer Demokratieperspektive wäre es wichtig, dass möglichst alle, die von einem Entscheid betroffen sind, darüber abstimmen. In der Schweiz geht oft nur die Hälfte der Bevölkerung an die Urne. Das heisst, dass eine Vorlage von einem Viertel der Bevölkerung entschieden wird, Ausländer und Minderjährige nicht mitgerechnet. Das könnte man sicher positiv beeinflussen, wenn man die Zahl der immer Abstimmenden erhöhen könnte.

Das Interview erschien am 17. Februar in den beiden Zeitungen Tages-Anzeiger und Der Bund. 

Die in diesem Artikel geäusserten Ansichten sind ausschliesslich jene des Autors und müssen sich nicht mit der Position von swissinfo.ch decken.

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