Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Tradition und Moderne


Swissness prägt 500-jährige Geschichte Appenzells



Von Julia Slater, Appenzell und Herisau




Kein Wort über das Geheimnis des Appenzeller-Käses! (Keystone)

Kein Wort über das Geheimnis des Appenzeller-Käses!

(Keystone)

"Wir werden unser Geheimnis nicht verraten." Drei alte Männer geniessen die Vorzüge des Appenzeller Käses in einem TV-Werbespot. Der Spot übernimmt Werte, die im Kanton hochgehalten werden: Tradition, Heimatliebe, Eigensinn. Appenzell feiert heuer den 500. Jahrestag seines Beitritts zur Eidgenossenschaft.

"Mit Ihrem Stolz auf Ihre Heimat und Ihre Traditionen sind Sie ein wunderbares Beispiel für die Vielfalt in unserem Land", sagte Bundespräsident Ueli Maurer an einem der zahlreichen Jubiläumsanlässe. Mit den Feierlichkeiten gedenken Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden dem 17. Dezember 1513, als Appenzell als 13. Stand in die Alte Eidgenossenschaft aufgenommen wurde. Für viele Nicht-Appenzeller ist das Appenzeller-Land im Nordosten der Schweiz tatsächlich ausserordentlich eigenartig.

Klischee

"Es gibt zahlreiche Klischees über Appenzell. Eines davon unterstellt, dass wir introvertiert seien. Aber das ist veraltet", sagt Daniel Fässler, Landammann (Präsident der Kantonsregierung) von Innerrhoden gegenüber swissinfo.ch. In einer Umfrage des Beratungsunternehmens Campaignfit von Anfang 2013 bezeichneten befragte Schweizer ihre Landsleute in Appenzell als engstirnig und rückständig.

In Erinnerung bleibt vielen, dass die Frauen selbst mehrere Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene an kantonalen Abstimmungen und Wahlen nicht teilnehmen durften. In Innerrhoden dürfen die Bürgerinnen erst seit 1991 abstimmen, und nur dank eines Bundesgerichtsurteils. Ausserrhoden gab dem öffentlichen Druck ein Jahr vorher nach.

Weniger bekannt ist andererseits, dass Ausserrhoden nur vier Jahre später gemeinsam mit Bern die höchste Frauenquote in der Regierung vorweisen konnte. 1999 stellte Innerrhoden mit Ruth Metzler bereits eine Bundesrätin, die bis damals erst dritte Frau in der Schweizer Regierung. Und mit Marianne Koller-Bohl belegt derzeit auch eine Frau das Amt des Landammanns in Ausserrhoden.

"Vielleicht war dies wie ein Frühlingserwachen, als wir schliesslich in der Politik und in kantonalen Körperschaften vertreten sein durften. Leider stelle ich heute fest, dass sich die Frauen nicht mehr so stark für Politik interessieren. Das ärgert mich fast noch mehr", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

Dass Frauen in ihrem Kanton erst seit wenigen Jahren die gleichen politischen Rechte haben wie Männer, führt Koller-Bohl auf die Tradition und insbesondere auf die besondere Institution der Landsgemeinde zurück, eine der ältesten Formen der direkten Demokratie. Dem "Freiluft-Parlament", das einmal im Jahr über die kantonalen Belange befindet, gehörten bis Ende der 1980er-Jahre ausschliesslich männliche Bürger an.  "Die Leute hatten Angst, dass diese Tradition verloren gehen könnte, wenn sich Frauen beteiligten", sagt sie.

Ausserrhoden hat die Landsgemeinde 1997 tatsächlich abgeschafft. In Innerrhoden existiert die Institution unter Beteiligung beider Geschlechter weiter.

Dass die Appenzeller Männer das Frauenstimmrecht in beiden Halbkantonen drei Mal bachab schickten, hat für Josef Küng andere Gründe. Der Bündner Historiker lebt seit mehr als 40 Jahre in Innerrhoden. "In einer Zeit des raschen sozialen Wandels klammerten sie sich verzweifelt an eines der letzten Überbleibsel der ehemaligen Männerbastion", vermutet er.

Verschiedene Mentalitäten

In Bezug auf die Rechte der Frau verhielten sich die beiden Halbkantone ähnlich. Die grossen Unterschiede begannen sich ab dem Jahr 1597 zu entwickeln, mit der Aufteilung der Bezirke nach Religionszugehörigkeit. Innerrhoden erhielt die römisch-katholischen, Ausserrhoden die protestantischen.

Oberflächlich betrachtet seien sich die beiden Appenzell ähnlich, sagt Kantonsarchivar Peter Witschi. Aber es gebe grosse Unterschiede in der Mentalität, die weniger mit der Natur der Ländereien zu tun hätten, als mit der Religion.

Ähnlich sieht es auch der Historiker Josef Küng. "Der Geist der Reformation hat die industrielle Entwicklung und den Handel in Ausserrhoden stimuliert. Sie wurden internationaler, obwohl es auch konservative Strömungen gab."

Ausserrhodens Textilindustrie nahm im 16. Jahrhundert ihren Anfang. Die Waren wurden in ganz Europa verkauft und später, ab Mitte des 19. Jahrhunderts, überall auf der Welt.

Innerrhoden hingegen blieb weiterhin vor allem auf die Landwirtschaft ausgerichtet. Einige Milchprodukte konnten zwar auch exportiert werden, aber fast ausschliesslich in die Region am Bodensee.

Was die beiden Appenzell aber heute noch gemeinsam haben, ist ihre Bindung zu Traditionen. Im Jubiläumsjahr nahmen allerdings sogar diese gelegentlich eine moderne und weltoffene Form an, wie dieses interkulturelle Projekt zeigt.

Wiedervereinigung – oder doch nicht?

Trotz gewisser Differenzen haben viele Redner die bisher einmalige Zusammenarbeit während den Jubiläumsveranstaltungen gelobt. Die beiden Halbkantone seien in den letzten 20 bis 30 Jahren enger zusammengewachsen, sagt Ruth Corminboeuf, Mitglied des Innerrhoder Kantonsparlaments. "Wir sind offener geworden und haben festgestellt, dass die Zusammenarbeit nicht nur eine gute Sache, sondern zwingend nötig ist für eine kleine Region."

Schliessen sie sich dereinst wieder zu einem Kanton zusammen? Im letzten Artikel des Dokuments über die Teilung von 1597 heisst es: "Diese Teilung soll nur so lange dauern, als es beiden Teilen gefällt. Es steht ihnen jederzeit frei, sich wieder zu vereinigen."

Hanspeter Knöpfel, Präsident des Bezirksrats Rüte in Innerrhoden, ist die Verkörperung einer Kantonseinheit. Er wuchs in Ausserroden auf – zu einer Zeit, als die andere Kantonshälfte "so weit weg war, dass sie nichts mit uns zu tun hatte" – und zog nach Innerrhoden, als er heiratete.

Aber was die politische Wiedervereinigung betrifft, hat er seine Zweifel. "Ich glaube nicht, dass ein Zusammenschluss nötig ist. Vielleicht könnten wir gewisse Synergien nutzen, aber das tun wir bereits. Der einzige Vorteil wäre, dass wir als ganzer Kanton mehr Gewicht in nationalen Angelegenheiten hätten. Aber ansonsten ist es nicht nötig. Wir leben als Nachbarn sehr gut miteinander."

Appenzeller Jubiläum

Appenzell feiert am 17. Dezember 2013 den 500. Jahrestag seines Beitritts zur Alten Eidgenossenschaft (als letzter von insgesamt 13 Ständen). Zwischen 1513 und der französischen Invasion von 1798 blieb die Zahl der Stände unverändert.

1597 wurde der Kanton aus religiösen Gründen in die zwei Halbkantone Innerrhoden (AI) und Ausserrhoden (AR) aufgeteilt. AI wurden jene Bezirke zugeteilt, die römisch-katholisch bleiben wollten. Jene der reformierten Kirche gingen zu AR.

Die Teilung, die von den anderen Mitgliedern der Eidgenossenschaft überwacht wurde, vollzog sich friedlich.

AI und AR sind zwei von insgesamt 6 Halbkantonen. Die anderen 4 sind Obwalden, Nidwalden, Basel-Landschaft, Basel-Stadt. Die Halbkantone dürfen nur einen Vertreter in die Kleine Parlamentskammer (Ständerat) schicken. Ganzkantone haben dort zwei Vertreter.

Das veraltete Wort Rhode (Mehrzahl: Rhoden) bedeutet Bezirk. In Appenzell wurde es seit mindestens dem 14. Jahrhundert verwendet, obwohl Rhoden keinen offiziellen Status mehr haben.

Appenzell – ein Sonderfall

Appenzell ist der einzige Kanton, der gänzlich von einem anderen Kanton, nämlich St. Gallen, umgeben ist.

Appenzell ist auch der einzige Kanton, in dem keine Züge der Schweizerischen Bundesbahnen verkehren. Erschlossen wird die Region von den Appenzeller Bahnen (Schmalspur).

AI ist einer von nur zwei Kantonen – der andere ist Glarus –, welche die politische Institution der Landsgemeinde beibehalten haben. Bei dieser alten Form der direkten Demokratie debattieren und stimmen die Bürgerinnen und Bürger einmal pro Jahr unter freiem Himmel über kantonale Angelegenheiten ab.

Appenzeller gelten als kleinwüchsig. Gemäss einer Studie des Instituts für Anatomie der Universität Zürich sind die Männer mit einer Körpergrösse von durchschnittlich 1,761m fast 2,8cm kleiner als die Männer in Basel, die als die grössten des Landes gelten.


(Übertragung aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch



Links

×