Fukushimas Bürgermeister in der Schweiz "Die Zeit ist in Fukushima nicht stehengeblieben"

Stromerzeugung durch Wind in einem Offshore-Windpark: Die japanische Präfektur Fukushima sieht ihre Zukunft in erneuerbaren Energien.

Stromerzeugung durch Wind in einem Offshore-Windpark: Die japanische Präfektur Fukushima sieht ihre Zukunft in erneuerbaren Energien.

(Keystone)

Gut vier Jahre nach der Katastrophe im AKW Fukushima hat Masao Uchibori, Bürgermeister der Präfektur Fukushima, mit einer Delegation die Schweiz besucht. Beim Treffen mit Schweizer Vertretern ging es um Informationen und Ideen zu Energiefragen, aber auch um Probleme und Hoffnungen in Japan nach dem schweren Reaktorunfall.

Die Fernsehbilder der Explosionen im AKW Fukushima Daiichi und die weissen Rauchsäulen, die aus den Trümmern der Reaktorgebäude emporstiegen, erschütterten das Vertrauen in die Atomenergie. Wenn ein technisch fortschrittliches Land wie Japan die Atomenergie nicht sicher betreiben konnte, wer dann?

"Fast 5 Jahre nach der Katastrophe können immer noch 110'000 Leute nicht dauerhaft in ihre Häuser zurückkehren. Die Einwohner in den Zonen mit erhöhter Radioaktivität können kein normales Leben führen", sagte Uchibori an der Pressekonferenz in Solothurn und gab zu, dass dies ein düsteres Bild von Fukushima zeichne.

Die wenigen Berichte, die in ausländischen Medien überhaupt noch zu Fukushima erscheinen, behandeln hauptsächlich die Probleme beim Rückbau des havarierten AKW. Uchibori sagte aber auch, "die Zeit ist in Fukushima nicht stehengeblieben. Wir machen Fortschritte beim Wiederaufbau der Infrastruktur. Diese Realität möchte ich den Schweizern vermitteln".

Ziel seines dreitägigen Besuchs in der Schweiz war aber auch, Informationen über die schweizerische Energiepolitik, neue Energietechnologien und die Entwicklung der erneuerbaren Energien zu sammeln.

Von Links: Walter Steinmann (Direktor Bundesamt für Energie), Masao Uchibori (Bürgermeister Präfektur Fukushima) und Urs Bucher (Schweizer Botschafter in Japan).

(swissinfo.ch)

Nach der Katastrophe in Fukushima hatte die Schweizer Regierung im Mai 2011 beschlossen, aus der Kernenergie auszusteigen. Sie verfasste die Energiestrategie 2050externer Link und plant, den Anteil von Wasserkraftwerken und anderer erneuerbarer Energien an der Energieversorgung auszubauen.

Fukushima hat sich ein noch ambitionierteres Ziel gesetzt: Die Präfektur will bis 2040 100% der Energieproduktion mit erneuerbaren Energien decken. Um dieses Ziel zu erreichen, möchte man unter anderem von den Erfahrungen der Schweiz mit der Energiewende lernen.

Uchibori besuchte mit seinen Beamten, begleitet von drei lokalen Journalisten, unter anderem ein Wasserkraftwerk in Genf und das AKW Mühleberg. Walter Steinmann, Direktor des Bundesamts für Energie, erklärte ihnen dabei unter anderem die Energiestrategie 2050 und den Abbauprozess für das Kernkraftwerk in der Nähe von Bern. Dies beeindruckte Uchibori besonders.

Fukushima als Cluster für erneuerbare Energie

Fukushima setzt grosse Hoffnungen in erneuerbare Energien. Uchibori möchte, wie sein Vorgänger Yuhei Sato, Fukushima zu einem Zentrum für erneuerbare Energie machen und möglichst viel Industrie und Forschungseinrichtungen auf diesem Gebiet in seiner Präfektur ansiedeln. Fukushima soll zu einem Modell für eine Gesellschaft werden, die von Atomstrom unabhängig ist.

Mit grosser staatlicher Unterstützung läuft in Fukushima beispielsweise. das Projekt zum Bau einer der grössten schwimmenden Windkraftanlagen der Welt. Ein Konsortium aus Firmen wie Marubeni, Mitsubishi, Hitachi und der Universität Tokio ist daran beteiligt. Ende Juni wurde das Windrad "Fukushima Shinpuexterner Link (neuer Wind)" fertiggestellt und wird jetzt auf einer schwimmenden Plattform 20 km vom Ufer entfernt installiert. Das Windrad mit 7 Megawatt Leistung ist mit 190 Meter Höhe und 1500 Tonnen Gewicht das grösste schwimmende Windrad der Welt.

Ab Dezember soll das Windrad Strom liefern. Eine kleinere Versuchsanlage mit 2 Megawatt Leistung ist bereits seit 2013 erfolgreich in Betrieb, ein drittes Windrad mit weiteren 5 Megawatt wird die Anlage komplettieren.

Fukushima fördert auch die Ansiedlung von riesigen Solarkraftwerken. Grosse landwirtschaftliche Gebiete, die durch die Ablagerung von Salz in Folge des Tsunami unfruchtbar geworden sind, sollen so neu genutzt werden. Ausserdem legt Fukushima auch Wert auf die Erziehung und Forschung im Bereich erneuerbarer Energien. Letztes Jahr wurde das Fukushima Renewable Energy Instituteexterner Link eröffnet, das die Erforschung und Förderung erneuerbarer Energien betreibt. So will Fukushima mit erneuerbaren Energien seine Wirtschaft wieder aufbauen.

Aus der Abhängigkeit von AKW

Uchibori hatte im letzten November, kurz nachdem er zum Bürgermeister gewählt worden war, Wirtschaftsminister Yoichi Miyazawa aufgesucht und dabei verlangt, die zweite AKW Anlage Fukushima Daini endgültig stillzulegen. Eine konkrete Antwort hat er bislang nicht erhalten.

Die japanische Regierung unterstützt zwar die Förderung erneuerbarer Energien in Fukushima, aber sie will die Kernenergie weiterhin als eine der wichtigsten Energiequellen Japans behalten. Die Energiepolitik Japans steht im Widerspruch zu den Bemühungen der Regierung der Präfektur Fukushima.

Uchibori antwortet auf die Frage von swissinfo.ch, was er davon halte, dass die Regierung weiterhin auf Kernenergie setzen will, ausweichend: "Das Wichtigste ist, dass nie wieder ein AKW-Unfall passiert, egal ob in Japan oder in einem anderen Land. Die Länder sollten miteinander zusammenarbeiten, damit die Welt nicht von Atomstrom abhängig ist."

Ratschlag aus der Schweiz

Es ist zwar noch unklar, ob Fukushima Daini endgültig stillgelegt wird, sicher ist aber die Stilllegung des havarierten AKW Fukushima Daiichi. Die Einwohner haben gegenüber der Stilllegungsarbeit kein grosses Verständnis, weil weiterhin verseuchtes Wasser aus dem AKW ausläuft und nötige Informationen immer erst spät veröffentlicht werden.

Laut Steinmann liegt das Problem bei der Regierung. "Wenn die Kraftwerkgesellschaft, die Aufsichtsbehörde und die Regierung so unabhängig wären wie jene in der Schweiz, würden diese Institutionen eine hohe Glaubwürdigkeit geniessen." Wichtig sei auch Transparenz, so Steinmann: "Als sich der Unfall am 11. März 2011 ereignete, wurden wir weder von der japanischen Regierung noch von der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) transparent informiert. Japan muss aus diesem Unfall seine Lehren ziehen."

Vielleicht ist es an der Zeit, dass Japan neben der Förderung erneuerbarer Energien auch den Schweizer Ratschlag für mehr Informationen und Transparenz beherzigt, damit die Welt erkennt, dass in Fukushima die Zeit nicht stillsteht.

Warum dieser Besuch?

Der Besuch Uchiboris vom 13.-15. Juli in der Schweiz kam auf Initiative des Schweizer Botschafters in Japan, Urs Bucher, zustande. Uchibori wurde im November 2014 zum Bürgermeister der Präfektur Fukushima gewählt. Der Besuch in der Schweiz ist für ihn die erste Auslandsreise, seit er im Amt ist.

Laut Botschafter Bucher kennt kaum jemand in der Schweiz die gegenwärtige Situation in Fukushima. "Es ist eine der schönsten Präfekturen Japans. Die Landschaft ist wundervoll, man kann dort wunderbar Skifahren oder Wandern. Fukushima und die Schweiz können viel voneinander lernen." Er sei sehr froh, dass die Schweiz eine Inspirationsquelle für den Wiederaufbau von Fukushima sei.

×