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"Kapital gilt als viel wichtiger als Arbeit"

Von , Basel


Armut findet sich mitten in der reichen Schweiz.

Armut findet sich mitten in der reichen Schweiz.

(Keystone)

Reiche werden noch reicher, Arme immer ärmer. Warum? swissinfo.ch sucht Antworten beim Soziologen Ueli Mäder, der letztes Jahr mit der Studie "Wie Reiche denken und lenken" an die Öffentlichkeit getreten ist.

Der Fall der Berliner Mauer habe sich zwiespältig auf die Bekämpfung der weltweiten Armut ausgewirkt, weil das Kapital fast allmächtig geworden sei.

Das sagte der Soziologieprofessor der Uni Basel am Rand einer Konferenz zur Armutsminderung (Poverty and the International Economic Law System), die kürzlich in Basel stattfand.

Ueli Mäder beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Themenkomplex Armut – Reichtum.

swissinfo.ch: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Warum?

Ueli Mäder: Bis in die 1960er- und 70er-Jahre konnten breite Bevölkerungskreise in unseren Breitengraden ihren Lebensstandard materiell verbessern. Mit den rezessiven Einbrüchen der 1970er- und 80er-Jahre begann sich diese Entwicklung zu ändern.

Einen Grund sehe ich im Fall der Berliner Mauer, im Aufbrechen des Ost-West-Gegensatzes. Eigentlich war das ja etwas Erfreuliches. Leider ist in der Folge das Kapital fast allmächtig geworden.

swissinfo.ch: Was hat sich denn konkret verändert?

U.M.: In den 1950er- und 60er-Jahren herrschte der politische Liberalismus, der Kapital und Arbeit als gleichwertig betrachtete. Mit dem angelsächsischen Marktliberalismus ist ein anderes Verständnis eingekehrt: Kapital gilt seither als viel wichtiger als Arbeit.

Noch nie gab es eine Gesellschaft, die derart reiche Leute hervorbrachte wie die unsrige. Und der Mechanismus "wer hat, dem wird gegeben", funktioniert auch bei uns ganz praktisch – über das Vererben.

So gehen von den rund 40 Milliarden Franken, die in der Schweiz in diesem Jahr vererbt werden, mehr als die Hälfte an mehrfache Millionärinnen und Millionäre. Das verschärft diesen Mechanismus.

swissinfo.ch: Und die Leistungs- oder Ellenbogengesellschaft, spielt sie nicht auch eine wichtige Rolle?

U.M.: Klar. Individueller Erfolg wird sehr stark durch Geld definiert. Man soll sich durchsetzen, auch wenn es auf Kosten von anderen geschieht. "The Winner Takes It All."

Das vorher übliche politisch-liberale Verständnis hatte immerhin die Haltung geprägt, dass Eigentum auch verpflichtet.

swissinfo.ch: In der Schweiz scheinen viele Menschen, die wenig besitzen, politisch wie Reiche zu denken. Haben Sie dafür eine Erklärung?

U.M.: Die Identifikation mit Mächtigen gibt Armen scheinbar das Gefühl, ein wenig teilzuhaben, sich auch mächtig zu fühlen. Und so ist es möglich, dass arme Leute sagen, wenn es den Reichen schlechter gehe, dann gehe es uns allen schlechter.

swissinfo.ch: Neu ist, dass heute auch der Mittelstand vermehrt von Armut betroffen ist.

U.M.: Ich bin gespannt, wie sich der Mittelstand verhalten wird. Dort findet sich die meiste berufliche Mobilität, dank der in über 90% der Fälle das Einkommen erhöht werden konnte.

Die Enttäuschung ist auch gross, wenn jemand mit einer Fachausbildung auf dem Arbeitsmarkt plötzlich nicht mehr gefragt ist. Solche Menschen sind besonders anfällig auf fundamentalistische und autoritäre Strömungen. Das zeigte sich in den 1990er-Jahren auch in Frankreich, als viele aus diesen abgestiegenen Mittelschichtskreisen den Rechtsextremisten Le Pen wählten.

Viele, die wütend und empört sind, klatschen Beifall für populistische Strömungen. Sie suchen Halt bei diesen eher autoritären Ruhe-und-Ordnungs-Konzepten. Und dabei unterstützen sie dann jene Politik, die gegen ihre Interessen gerichtet ist.

swissinfo.ch: Wie weit darf sich die Schere noch öffnen?

U.M.: Vor zehn Jahren dachten wir, "weiter kann es nicht mehr gehen". 5% der privaten Steuerpflichtigen hatten gleichviel steuerbares Nettovermögen wie der Rest. Im letzten Jahr, bei der Studie "Wie Reiche denken und lenken", haben wir aufgezeigt, dass weniger als 3% mehr haben als 97% der Bevölkerung. Und jetzt bringt die Global Wealth Studie der Credit Suisse ein noch extremeres Verhältnis aufs Tapet.

Es kann gut sein, dass sich die soziale Brisanz in den nächsten zwei, drei Jahren noch verschärft und auch Leute auf die Strasse treibt, die das Heu nicht auf einer linken Bühne lagern. Immer mehr begüterte Leute sagen, wenn es so weiter gehe, werde es für alle gefährlich. Es muss wieder etwas geschehen in Richtung sozialer Ausgleich.

swissinfo.ch: Wie stellen Sie sich das vor?

U.M.: Zunächst müssen die unteren Löhne angehoben und das System der sozialen Sicherung angepasst werden. Es hält nicht mehr Schritt mit dem Wandel der Lebensformen.

Wenn Sie die Working Poors nur einfach auf Einzelpersonen reduzieren, die einen Job haben und mindestens 90% erwerbstätig sind, dann banalisiert dies die Armut. So kann das Bundesamt für Statistik sagen, es gebe weniger als 150'000 Arme in der Schweiz.

Aber diese Leute haben Kinder, Haushaltsangehörige, das gibt schon mehr als eine Verdoppelung. Auch alleinerziehende Mütter kommen oft nicht auf einen Erwerbsgrad von 90%. Deshalb werden sie statistisch nicht als Working Poor erfasst. Das ist eine Vogel-Strauss-Politik. Einer Gesellschaft geht es doch gut, wenn es allen gut geht.

Schweizer Banken horten derzeit über 4000 Milliarden Franken. Das ist rund sechsmal so viel wie das gesamte Bruttoinlandprodukt, also der gesamte Reichtum, der innert eines Jahres erwirtschaftet wird.

Geld ist mehr als genug vorhanden. Es fehlt jedoch an politischem Willen bei der Besteuerung der Vermögen, Gewinne, Kapitaltransaktionen. Da müssen wir den Hebel ansetzen.

swissinfo.ch: Glauben Sie, dass sich die Welt in der von Ihnen gewünschten Richtung verändern könnte?

U.M.: Manchmal frage ich mich, weshalb ich eigentlich noch so zuversichtlich bin. Im Moment ist eher anzunehmen, dass sich die soziale Diskrepanz weiter verschärft.

Aber ich halte es auch für möglich, dass wir fähig sind, Korrekturen einzuleiten. Menschen sind lernfähig. Und viele engagieren sich ja, auch in neuen sozialen Bewegungen. Ich kann nicht voraussagen, dass das so hinhaut. Aber ich sehe einfach keine Alternative, als es zu versuchen.

Ueli Mäder

Geboren 1951

Studium der Soziologie, Psychologie und Philosophie, Grundausbildung in Psychotherapie.

Geschäftsleitung einer Entwicklungsorganisation, Dozent an der Hochschule für Soziale Arbeit Freiburg.

Seit 2005 Ordentlicher Professor für Soziologie an der Universität Basel, Dekan der Philosophischen-Historischen Fakultät.

Generalsekretär der Schweizerischen Gesellschaft für Soziologie.

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