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#MeToo - ein Jahr später "Es braucht mehr Frauen auf den Führungsetagen"

Eine männliche Hand legt sich über eine weibliche

Laut einer vom Bund in Auftrag gegebenen Studie werden in der Schweiz fast 30% der Frauen im Laufe ihres Berufslebens sexuell belästigt.

(Keystone)

Hat die #MeToo-Bewegung, die vor rund einem Jahr ins Rollen kam, bei Unternehmen in der Schweiz etwas verändert? Es gibt sie zwar, die positiven Beispiele. Eines davon ist Ikea Schweiz: Dort wird offen und proaktiv mit dem Thema sexuelle Belästigung umgegangen. In den meisten Konzernen wird das Thema aber noch immer hinter verschlossenen Türen diskutiert. 

"#MeToo war wie ein Erdbeben, auch in der Schweiz", sagt Rechtsanwältin Judith Wissmann Lukesch. "In vielen Unternehmen wurde die Frage gestellt: Könnte das auch bei uns passieren?". 

Lukesch ist Gründerin von arbeitundkonflikt.ch, einer Online-Plattform, die Firmen bei Diskriminierungsfällen und internen Untersuchungen berät. Es seien nicht nur die üblichen Verdächtigen, erklärt sie. "Auch Branchen wie der Tourismus, die sich einst für unantastbar hielten, beschäftigen sich plötzlich mit dem Thema." 

Die Bewegung habe vor allem eines deutlich gemacht: Sexuelle Belästigung kann nicht mehr unter den Tisch gewischt werden. Noch immer würden aber viele Unternehmer Fälle von sexueller Belästigung ans Risikomanagement weiter delegieren und die zugrunde liegenden Probleme, etwa das Ungleichgewicht der Geschlechter auf den Führungsetagen, schlicht ignorieren, sagt Lukesch.

Anleitung für richtiges Verhalten

Allyson Zimmermann, Executive Director der Catalyst Europe AG, sagt, dass multinationale Unternehmen sich dem Risiko von sexueller Belästigung viel stärker bewusst seien als noch vor #MeToo, auch in der Schweiz. "Aber ist noch immer schwierig, Firmen zu finden, die bereit sind, offen darüber zu sprechen." Ihr Unternehmen will dabei helfen: Es arbeitet mit über 480 globalen Konzernen zusammen, um die Gleichstellung der Geschlechter voranzutreiben.

Sexuelle Belästigung sei eine Art Tabuthema, sagt Zimmermann. "Die #MeToo-Bewegung hat ein wichtiges Problem in den Fokus gerückt - das ist positiv." Nicht so positiv sei die Angst, die damit einhergehe, "das Unbehagen und die Ungewissheit - viele fragen sich, was mit Belästigung überhaupt gemeint ist." Und diese Angst tarne sich oft als Ärger und Widerstand gegen die Forderungen der Bewegung.

Es gibt die eindeutigen Fälle von Übergriffen. Doch es gibt auch jene, die kaum auffallen. Jüngst berichtete die SonntagsZeitung über das Problem des verbalem Sexismus, der sich aus subtilen Anspielungen bemerkbar macht. "Die Firmen verlangen nach einer Art Anleitung, die ihnen vorgibt, was sie dürfen und was nicht", so Zimmermann.

Furcht entstehe auch wegen Facebook und anderen sozialen Medien. Denn dort werde eine ungeheure Macht aufgebaut. Wie swissinfo.ch letztes Jahr berichtete, werden wegen der hohen Beweislast und der geringen Erfolgsaussichten vor Schweizer Gerichten selten Fälle gemeldet. Jedoch können die sozialen Medien etwas, das kein Gericht oder Gesetz kann: Den Ruf eines Unternehmens mit einem einzigen Tweet oder Post schädigen, so wie das etwa beim Fahrdienstanbieter Uber der Fall war.

Vorbildliche Banken

Auch die Recherchen für diesen Artikel haben gezeigt, dass das Thema Unbehagen auslöst: Viele Unternehmen waren nur bereit, über ihre allgemeinen Richtlinien und Vorgehensweisen zu informieren. Spezifische Auskünfte waren rar. Das soll aber nicht heissen, dass diese Unternehmen das Thema nicht ernst nehmen.

So fragte Swissinfo bei der UBS an wegen eines konkreten Vorfalls an: Dabei geht es um einen Vergewaltigungsvorwurf einer Auszubildenden gegenüber ihres Vorgesetzten. Sie könne den Fall wegen einer laufenden Untersuchung nicht kommentieren, erklärte die UBS in einer Erklärung gegenüber Swissinfo. Zugleich teilte sie mit, dass sie kürzlich weltweit ihre bestehenden Trainingsprogramme mit "Respektvolles Arbeiten" und "Unbewusste Voreingenommenheit" verstärkt habe, Modulen also, die den Angestellten den richtigen Umgang untereinander und mit Geschlechter-Stereotypen lehren sollen. 2018 erschien die Grossbank als gewinnstärkstes Schweizer Unternehmen im globalen Ranking von Equileap, einer Organisation, welche sich für Gleichberechtigung der Geschlechter am Arbeitsplatz einsetzt.

Auch die zweite grosse Schweizer Bank, die Credit Suisse, geht offenbar nicht leichtfertig mit dem Thema um. So wurde sie 2010 für ihre Reaktion auf einen Fall von sexuellem Fehlverhalten gelobt. CEO Tidjane Thiam liess damals die Bearbeitung des Vorfalls durch das Unternehmen untersuchen, was zur Entlassung von zwei Angestellten führte. Thiam hat zudem einen neuen Kader-Posten geschaffen, der sich mit Beschwerden befasst.

Viele Regeln, ein Ziel

Catalyst Europeexterner Link hat eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für Unternehmen zur Prävention und Reaktion auf sexuelle Belästigung erstellt. Im Zentrum steht eine Null-Toleranz-Politik in Kombination mit Anti-Belästigungs-Trainings. Catalyst fordert auch formelle und informelle Kanäle, um Beschwerden einzubringen und Fälle unverzüglich und fair zu untersuchen. Die konkreten Regeln sehen dann von Firma zu Firma unterschiedlich aus. Bei Facebook und Google etwa gilt eine bestimmte Dating-Regel, und die lautet: Jeder erhält eine Chance. Das bedeutet, dass Angestellte ihre Arbeitskollegen nur einmal für ein Date anfragen dürfen. Andere Unternehmen haben Regeln, was Firmenanlässe betrifft: Zum Beispiel, dass pro Person nur zwei alkoholische Getränke konsumiert werden dürfen. Ein weiteres Beispiel sind Hotels in Chicago und Seattle in den USA: Dort sollen bald Alarmknöpfe für Hotelangestellte installiert werden, um sexuelle Belästigungen und Missbrauch durch Hotelgäste zu verhindern.

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Symptom für grösseres Problem

Sexuelle Belästigung ist jedoch nur ein Symptom für eine umfassendere Problematik: Ungleiche Machtdynamiken und das Fehlen einer integrativen Arbeitskultur. Allyson Zimmermann sagt: "Wenn mehr Frauen in Führungspositionen sind, werden Frauen als ebenbürtig wahrgenommen und nicht mehr als Beute." Studien zeigen, dass Unternehmen, die männlich dominiert und sehr hierarchisch organisiert sind, anfälliger für sexuelle Belästigung und Missbrauch sind. 

Leider, so sagt Anwältin Judith Wissmann, "wird sexuelle Belästigung immer noch als ein Risiko betrachtet, das gemanagt werden muss, statt als Symptom eines Problems, dass umfassend angepackt werden sollte."

Es gibt einige Ausnahmen. Simona Scarpaleggia, CEO von IKEA Schweiz, ist eine der wenigen weiblichen CEOs in der Schweiz. Sie hat sich vehement dafür eingesetzt, dass die Zahl der Frauen in den Führungspositionen erhöht wird.

Ina Rhöös, Diversity Inclusion Manager bei IKEA Schweiz, sagte gegenüber Swissinfo: "Gleichberechtigung ist ein Menschenrecht - das ist unser Ausgangspunkt, das ist ist Teil unserer DNA. Wir haben globale Richtlinien und ein Netzwerk von Managern, die jedes Jahr zusammenkommen, um Wege zu finden, die Vielfalt und Integration innerhalb des Unternehmens zu fördern." IKEA Schweiz ist eines der wenigen Unternehmen im Land, das eine 50-prozentige Vertretung von Frauen in Führungspositionen erreicht hat. Im Jahr 2015 erhielt IKEA Schweiz als erstes Unternehmen weltweit die höchste Zertifizierung für die Gleichstellung der Geschlechter.

Wenn es um sexuelle Belästigung geht, so Rhöös, versuche ihre Firma, proaktiv zu sein. "Wir hatten Fälle von sexueller Belästigung, aber nicht viele. Und es geht nicht nur in die eine Richtung. #MeToo konzentriert sich auf Frauen, aber auch Männer werden belästigt." Sie sagt, dass der Verhaltenskodex innerhalb des Unternehmens vorgebe, wie sich die Mitarbeiter verhalten sollen, "und jeder Manager muss ihn jährlich mit Kollegen besprechen".

Gender ranking

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Ein langer Weg

In der Schweiz gibt es allgemein noch viel zu tun, um die Gleichstellung in Unternehmen zu verbessern. Das Land rangiert in der Umfrage von Equileap auf Platz 15, basierend auf dem Gesamtanteil der Unternehmen, die es auf die Liste der 200 globalen Unternehmen schafften, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Nur fünf Schweizer Unternehmen schafften es auf diese Liste. Die Schweiz ist knapp hinter Grossbritannien und vor Italien positioniert. 

Eine weitere Umfrage einer Personalberatung ergab, dass nur 7 Prozent der Führungspositionen in den 118 grössten Unternehmen der Schweiz Frauen sind - ein Prozent weniger als im Vorjahr. Frauen in der Schweiz verdienen auch rund ein Fünftel weniger als Männer. Das Gleichstellungsbüro des Bundes sagt dazu: 42% des Lohn-Gaps bleibe nicht erklärbar und enthalte möglicherweise geschlechtsspezifische Lohndiskriminierung.

Letztendlich sind es globale Unternehmen, welche in der Schweiz die Messlatte setzen. Die Schweizer Büros von IKEA, Google und Microsoft bieten mindestens sechs Wochen Vaterschaftsurlaub, während das Schweizer Parlament den Vaterschaftsurlaub von 1 Tag auf zwei Wochen verlängert hat. Und der Anteil von Frauen in Verwaltungsräten ist in Europa rund doppelt so hoch wie in der Schweiz.

Die Angst vor einer Gegenreaktion

Die #MeToo-Bewegung hat ihre Gegner und Kritiker. Manche sagen, die Bewegung sei zu weit gegangen und folge zu sehr einer "feministischen Agenda". Andere sind der Ansicht, die Bewegung müsse noch viel stärker werden und mehr fordern. 

Allyson Zimmermann von Catalyst befürchtet, dass sich eine Gegenreaktion ausbreitet, die unbeabsichtigte Folgen für Frauen haben könnte. "Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein abschreckender Effekt, bei dem Männer Angst haben, Frauen zu betreuen und zu fördern."

Eine Umfrage von leanin.org ergab, dass die Zahl männlicher Manager, die sich unwohl fühlen, Frauen zu betreuen, sich seit Beginn der Bewegung von 5 auf 16 Prozent erhöht hat.

Das könne zu weniger Offenheit führen, und möglicherweise würden Frauen so noch mehr ausgelassen, erklärt Zimmermann. Eine kürzlich durchgeführte Studie zur Einstellung gegenüber sexueller Belästigung am Arbeitsplatz nach #MeToo äusserte Bedenken, dass Frauen von Arbeitssituationen ausgeschlossen würden, "damit sich Männer selbst schützen können".

Zimmermann sagt, dass einer der besten Wege, dieser Gegenreaktion zu begegnen, darin besteht, Männer zu engagieren. "Die überwiegende Mehrheit der Männer bei der Arbeit hat die besten Absichten. Wir müssen sie stärken, um den Wandel zu beschleunigen.

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(Übertragung aus dem Englischen: Christoph Kummer)

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