Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

"USA können diesen Guerillakrieg nicht gewinnen"

Vor fünf Jahren haben die USA den Irak angegriffen. Heute stehen sie in einem Guerillakrieg, den sie verlieren werden, sagt der Schweizer Strategie-Experte Albert A. Stahel.

Über 650'000 tote Iraker, kriminelle Politiker der Bush-Regierung: Die US- und Weltöffentlichkeit nehme die Dimension des Krieges noch nicht wahr.

swissinfo: Der Irakkrieg ist heute ein Kleinkrieg islamististischer Guerillagruppen gegen US-Armee und Zivilbevölkerung. Wie schätzen Sie die Lage der USA ein?

Albert A. Stahel: Die Amerikaner haben 14 grosse Stützpunkte errichtet, die teilweise 30 auf 30 Kilometer messen.

Ausserhalb sind sie aber mit einem Aufstand konfrontiert, nicht nur von Al Kaida, sondern auch von irakischen Nationalisten.

Diesen Guerillakrieg werden die USA nicht gewinnen können. Und einen Guerillakrieg, den man nicht gewinnt, verliert man.

swissinfo: Was sind die Gründe für das Scheitern der USA?

A.S.: Zunächst die Angriffs-Strategie "Shock and Awe". Diese beruhte auch auf einem Luftkrieg gegen zivile Ziele, was eine Aversion der Irakis auslöste.

Bei der anschliessenden Besetzung folterten und töteten US-Soldaten unschuldige Zivilisten, es kam zu brutalen Hausdurchsuchungen.

Es gab auch eigentliche Kriegsverbrechen: In einem Luftkrieg ohne Grenzen mit bis zu 60 Einsätzen pro Tag wurden ganze Städte zerstört, beispielsweise Falludja.

Paul Bremer, damaliger US-Beauftragter für den Wiederaufbau, hat die frühere irakische Armee und damit die Sicherheit abgeschafft. Er hat die alte Regierung aufgelöst und die Baath-Partei verboten.

Auch die Volkswirtschaft wurde zerstört. Es kam ferner zu Plünderung und Zerstörung von Kulturgütern. Fazit: Mit Ausnahme vielleicht der Kurden lehnen heute alle Irakis die Besetzung ab.

swissinfo: Wie konnte die Bush-Regierung unter Verteidigungsminister und "Chefdenker" Donald Rumsfeld solch fatale strategische Fehler begehen?

A.S.: Rumsfeld hat sich nicht für das Problem der Besetzung interessiert. Die USA sind davon ausgegangen, dass ihre Soldaten mit Blumen begrüsst würden.

Die Truppenstärke betrug nur einen Drittel der effektiv benötigten Kräfte, was dann innerhalb der Streitkräfte auch zu Spannungen führte. Für einen angeblich so grossen Strategen wie Rumsfeld sind solche Fehler unverzeihlich.

swissinfo: Die Kriegsgründe - Krieg gegen Terror und ein Arsenal von Massenvernichtungs-Waffen - waren beides Lügen. Was waren die wahren Gründe?

A.S.: Die Kontrolle des Erdöls spielt eine ganz wichtige Rolle. Dabei geht es in erster Linie um die boomenden Abnehmerländer China und Indien mit ihrem enormen Bedarf.

Es geht auch um Machtpolitik: Die USA wollen sich in der Region festsetzen, um aus der Konkursmasse der Sowjetunion im Kaukasus und in Zentralasien so viel wie möglich herauszuschlagen.

Neben religiösen Gründen, die bei Bush ganz wichtig sind, ging es aber schlicht auch um Bereicherung der Klientel von Bush - die Firma Halliburton lässt grüssen. Gewisse Leute haben auch das Museum von Bagdad geplündert.

swissinfo: Die Anti-Vietnamkriegs-Bewegung der 1960er-Jahre war in den USA sehr stark, die Opposition gegen den Irakkrieg ist dagegen schwach. Weshalb?

A.S.: Die Menschen in den USA nehmen das Ausmass der Verluste noch nicht richtig wahr. Bisher gab es rund 4000 Tote, 30'000 Invalide und eine viel grössere Zahl von psychisch Kranken.

Die Soldaten stammen mehrheitlich aus der Unterschicht, sind gar Ausländer. Die Medien haben sich von Anfang an instrumentalisieren lassen, Stichwort "Embedded Journalism".

Auch die Zahl der Toten im Irak wird noch nicht wahrgenommen. Die Autoren der "Lancet-Studie" sprechen von über 650'000 Opfern.

Dazu kommen die Kosten. Der amerikanische Nobelpreisträger von 2001, der Wirtschaftswissenschafter Joseph Stiglitz, berechnet in einer Studie, dass der Krieg die USA in einigen Jahren mindestens 3000 Milliarden Dollar kosten werde.

Der Krieg wird auf Pump geführt, die Schulden zahlen momentan primär die Europäer und Japaner. Aufgrund dieser Schuldenwirtschaft musste die US-Notenbank immer wieder die Zinsen senken. Auch die Hypotheken- und Börsenkrise sind vor diesem Hintergrund zu sehen.

Vermutlich hat man auch noch nicht wahrgenommen, dass Personen in der Bush-Administration - man muss dieses Wort brauchen - kriminell sind oder waren.

swissinfo: Heisst der Gewinner Iran? Oder droht ihm, der die schiitischen Gruppen unterstützt, ein US-Schlag?

A.S.: Ja, machtpolitisch heisst der vorläufige Gewinner Iran. Die islamische Republik ist aber von amerikanischen Stützpunkten umgeben. Ein US-Luftschlag ist denkbar, um das Land unten zu halten.

Leider gibt es noch einen zweiten Gewinner: US-Firmen wie Halliburton, das Söldnerunternehmen Blackwater oder die Erdölgesellschaften, eben die Kriegsgewinnler. Letztere profitieren von Preisen auf Rekordniveau, die auch eine Folge dieses Krieges sind.

swissinfo, Renat Künzi

Albert A. Stahel

Der 65-jährige Albert A. Stahel ist Professor an der Universität Zürich. Er war während 26 Jahren Dozent für strategische Studien an der Militärakademie der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Danach war er Professor an der Universität Zürich.

Er ist Gründer des Instituts für strategische Studien in Wädenswil, das er seit Oktober 2006 leitet. Dabei legt er grossen Wert auf die Unabhängigkeit der Forschungen.

Schwerpunkte sind internationale Konflikte, Wiederaufbau und das Geschehen in der Schweiz. Stahel ist auf Guerillakriege spezialisiert.

Demonstrationen

Zum fünften Jahrestag des Kriegsbeginns im Irak ist es in USA landesweit zu Protesten gekommen. Dabei nahm die Polizei mehr als 200 Demonstranten fest.

Präsident George W. Bush verteidigte den Krieg ungeachtet aller Kritik. "Trotz hoher Verluste an Menschenleben und hoher Kosten" sei es richtig gewesen, den damaligen Diktator Saddam Hussein zu stürzen.

Die Truppenverstärkung im vergangenen Jahr habe nicht nur die Wende gebracht, sondern auch die Tür zu einem "grossen strategischen Sieg" gegen islamische Extremisten aufgestossen, sagte Bush im Verteidigungsministerium.

Seit der Invasion am 20. März 2003 sind rund 4000 amerikanische Soldaten ums Leben gekommen. Die Zahl der toten Iraker ist nicht klar: Die Schätzungen gehen von mehreren Zehntausend bis mehreren Hunderttausend Opfern.



Links

×