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100 Jahre später Hommage an die bekannteste Schweizer Surrealistin

Meret Oppenheim 1958 in ihrem Atelier in Oberhofen am Thunersee, Kanton Bern.

(Keystone)

Humorvoll. Verblüffend. Unkonformistisch. Ein Jahrhundert nach ihrer Geburt wird das Vermächtnis der Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim und deren Einfluss auf die zeitgenössische Kunst mit Ausstellungen in Bern, Berlin und Wien ausgeleuchtet.

Das bekannteste Werk von Meret Oppenheim ist "Frühstück im Pelz", die mit Pelz überzogene Teetasse, die sie 1936 im Alter von erst 23 Jahren in Paris geschaffen hatte.

Praktisch über Nacht wurde sie zu einer Ikone des Surrealismus. Der plötzliche Ruhm drohte die junge rebellische Künstlerin, die in eine lange Schaffenskrise geriet, fast zu zerstören.

Oppenheim kehrte in die Schweiz zurück, wo sie einen grossen Teil des Rests ihres Lebens verbrachte und ein vielfältiges künstlerisches Werk schuf, das sich jeder stilistischen Einordnung entzieht. Sie liess sich von niemandem vereinnahmen, wollte sich keine Etiketten verpassen lassen. 1985 verstorben, gilt sie bis heute als eine Wegbereiterin der Avantgarde.

Eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern, die bis Ende Februar 2013 zu sehen ist, ist eine Hommage an das vielschichtige Werk der Künstlerin, das Gemälde, Skulpturen, Kostüme, Design und Gedichte umfasst.

Die Schau befasst sich mit der Frage nach den Auswirkungen ihres Werks auf heutige Künstlergenerationen. Danach folgen bis Ende 2013 Ausstellungen im Bank Austria Kunstforum in Wien und im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Porträt Besuch bei Meret Oppenheim

Mit ihrer Pelztasse wurde die Künstlerin Meret Oppenheim berühmt. Doch sie wollte sich nie nur auf dieses Werk reduzieren lassen. Heute gilt sie ...

Merets Aktualität

Nach einer Oppenheim-Retrospektive im Kunstmuseum Bern 2006 hat die Kuratorin Kathleen Bühler entschieden, in der aktuellen Ausstellung mit dem Titel "Merets Funken" aufzuzeigen, wie zeitgenössisch die Kunst und Ideen von Oppenheim bis heute geblieben sind.

Bühler hat fünf junge Kunstschaffende in der Schweiz eingeladen, ihren eigenen "Surrealismus" zu zeigen, die Arbeiten werden in der Schau mit 50 Werken von Oppenheim gepaart. Die Kunstschaffenden wurden nicht aufgrund visueller Ähnlichkeiten in ihrem Werk ausgesucht, sondern weil sie Oppenheims "humorvolles, erotisches, anachronistisches Universum" teilten.

"Wie Meret, laden sie die Betrachterin, den Betrachter ein, die eigene Denkweise zurückzulassen, die Gedanken schweifen zu lassen", sagt Bühler gegenüber swissinfo.ch.

Das Resultat ist verstörend, aber auch verspielt und faszinierend – wie das Werk von Meret Oppenheim auch sein kann. Alle fünf Kunstschaffenden verfolgen ihren eigenen Stil, an der Grenze zum Bizarren, beschwören aber den Geist Oppenheims derart stark herauf, fast scheint es, als ob sie ihnen dabei zustimmend über die Schulter guckt.

Biografie

1913: Geboren am 6. Oktober in Berlin

1914: Familie zieht in die Schweiz, nachdem der Vater im Ersten Weltkrieg eingezogen wird

1932: Sie zieht nach Paris, um Malerin zu werden. Dort kommt sie in Kontakt mit den Surrealisten

1936: Nach einem Treffen mit Picasso und dessen ehemaliger Geliebten Dora Maar, bei dem sie entscheiden, dass alles aus Pelz gemacht werden kann, entsteht Oppenheims "Frühstück im Pelz"

1938-39: Besuch der Kunstgewerbeschule Basel, wo sie das Restaurieren von Kunstwerken lernt

1939: Verlässt Paris definitiv und zieht nach Basel

1945-48: Sie lernt Wolfgang La Roche kennen. Die beiden heiraten und ziehen 1948 nach Bern

1954 : Sie überwindet ihre jahrelange Schaffenskrise und mietet in Bern ein Atelier, wo sie ihrer Kreativität wieder freien Lauf lässt

1967: Erste grosse Retrospektive im Moderna Museet in Stockholm

1975: Kunstpreis der Stadt Basel

1982: Grosser Kunstpreis der Stadt Berlin; Teilnahme an der Documenta 7 in Kassel

1983: Einweihung des lange umstrittenen Brunnens in der Stadt Bern

1985: Meret Oppenheim stirbt nach einem Herzinfarkt in Basel

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Merets Erotik

Francisco Sierra, einer der fünf Kunstschaffenden, erklärt, er sei mit Oppenheims Werk nicht sehr vertraut gewesen, als das Kunstmuseum Bern an ihn herangetreten sei.

Doch je mehr er gelernt habe, umso mehr sei er sich ihres unsichtbaren Einflusses bewusst geworden: "Ich war erstaunt, als ich entdeckte, wie nah wir einander stehen."

Sie hätten einen ähnlich eigenartigen Sinn für Humor, der es ihnen möglich mache, in ihrem Werk auch Genitalien zu zeigen, ohne anzüglich zu wirken.

Oppenheim scheute sich nicht vor Nacktheit. So liess sie etwa ihre ranke, androgyne Silhouette 1933 von Man Ray nackt fotografieren; der Bildzyklus trägt den Titel "Erotique Voilée" (Verschleierte Erotik).

Oppenheim, eine junge Frau mit starkem Willen, die es im Alter von 26 Jahren schaffte, sich vom erdrückenden Einfluss der alternden Surrealisten abzusetzen – unter ihnen Max Ernst, mit dem sie eine Affäre hatte –, wurde auch als Feministin bezeichnet, ein Etikett, das sie ebenfalls nicht mochte. Sie wollte einfach nur frei sein. Doch diese Freiheit hatte einen Preis: Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz steckte sie jahrelang in einer Schaffenskrise.

"Meret schloss sich nicht den vorherrschenden Strömungen an und blieb sich selber treu", betont Sierra, der wie Oppenheim nichts übrig hat für Konformität.

In der Ausstellung in Bern gibt er seiner Komplizenschaft mit Oppenheim mit einem aufgehängten, mit Pelz überzogenen Armband in der Grösse eines Tisches Ausdruck. "Wir mögen es beide, Leute auf eine Reise mitzunehmen", strahlt er verschmitzt.

Jubiläums-Veranstaltungen

Die Ausstellung "Merets Funken. Surrealismen in der Zeitgenössischen Schweizer Kunst" mit Arbeiten von Meret Oppenheim sowie Maya Bringolf, Vidya Gastaldon, Tatjana Gerhard, Elisabeth Llach und Francisco Sierra ist noch bis zum 10. Februar 2013 im Kunstmuseum Bern zu sehen.

Die fünf zeitgenössischen Kunstschaffenden waren in die Sommerresidenz von Oppenheim im Tessin eingeladen worden, wo deren Nichte Lisa Wenger die Erinnerung an ihre Tante aufrecht erhält.

Der Ausstellungskatalog enthält viele Texte, darunter einen des bekannten Schweizer Künstlers Thomas Hirschhorn, der erklärt: "Warum ich Meret liebe."

Die Meret-Oppenheim-Ausstellung im Bank Austria Kunstforum in Wien findet von März bis Juli 2013 statt, danach von August bis Dezember 2013 im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

Im Zentrum dieser Schau stehen neun Themen Oppenheims, darunter die Suche nach Identität, Traumszenen und Mythen, Verständnis der Natur, Masken und Metamorphosen, Erotik und weiblicher Fetischismus sowie Verbindungen zwischen Bildern und Text.

Dazu wird eine umfassende Monographie mit einer Werksliste, bisher unveröffentlichten Textfragmenten, Stimmen von Kollegen und Freunden und Angaben zu den Hauptthemen im Werk Oppenheims publiziert.

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Meret die Aussenseiterin

Oppenheims ungezügelte Kreativität kam erst ab 1954, nachdem sie in Bern ein Atelier gemietet hatte, wieder so richtig in Gang. In den Jahren zuvor hatte sie als Bildrestauratorin gearbeitet und Fähigkeiten erworben, die es ihr möglich machten, Themen in unterschiedlichsten Materialien zu erschliessen.

Elisabeth Llach, eine andere der fünf Kunstschaffenden in der Berner Ausstellung, findet den unzensierten Erfindungsreichtum Oppenheims besonders attraktiv. Llach wollte nicht mit Oppenheims Bildern arbeiten, die sie als erdrückend empfindet. Doch andererseits fand sie heraus, dass die Objekte Oppenheims gut zu ihrer eigenen Welt von "Exzess und Hysterie, von Dekadenz und Schönheit" passten.

Die extravagante Wollust der Frauenfiguren im Werk von Llach steht im scharfem Gegensatz zu Oppenheims mysteriöser Nüchternheit, aber die Gegenüberstellung funktioniert gut.

Auf die Frage, ob sie sich als Surrealistin betrachtet, erklärt Llach, der Surrealismus sei eine Bewegung der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen. Was sie aber wohl mit Meret und den anderen vier Kunstschaffenden in Bern teile, sei ein Widerstand gegenüber Formalismus und dekorativer Kunst. "Wir sind alle Aussenseiter."

Merets zeitloser Einfluss

Anders als die Ausstellung in Bern ist die Schau, die im März in Wien ihre Tore öffnet und im August nach Berlin ziehen wird, eine Retrospektive des Werks von Meret Oppenheim. In beiden Städten handelt es sich um die erste Museumsausstellung der in Deutschland geborenen Künstlerin.

"Das war längst überfällig", erklärt Kuratorin Heike Eipeldauer gegenüber swissinfo.ch. Das 100-Jahre-Jubiläum des Geburtstags der Künstlerin sei eine ideale Gelegenheit, das Werk Oppenheims einem breiten Publikum und internationalen Fachleuten zugänglich zu machen.

Angesicht der Vielfalt des Oeuvres entschied sich Eipeldauer zu einem thematischen Ansatz, der auf den Mythen und Träumen fusst, mit denen sich Oppenheim befasste. "Ganz abgesehen davon gehörte eine lineare Entwicklung nicht zu ihrer Denkweise", sagt Eipeldauer mit Blick auf die nicht chronologisch aufgebaute Präsentation.

Oppenheims Werk sei nicht sehr umfangreich, so Eipeldauer, aber es gebe immer wieder Neues zu entdecken. "Man kann nicht an einen Punkt gelangen, an dem man alles entziffert hat."

Aus Eipeldauers Sicht faszinieren Meret Oppenheim und ihr Werk bis heute, weil die Künstlerin mutmasslichen Wahrheiten misstraute, einen transdisziplinären Ansatz mit einer Vielfalt von Subjekten und Materialen verfolgte, aber vor allem, weil sie einen "beispielslosen Glauben an die Freiheit als eine Form der Existenz" hatte.

Das dauerhafte Credo Meret Oppenheims, die als eine der bedeutendsten und eigenwilligsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts bezeichnet wird, lautete: "Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie nehmen."

Zitate aus dem Katalog zu "Merets Funken"

"In der Geschichte der modernen Malerei nimmt das Werk Meret Oppenheims seinen eigenen Raum ein. Was immer sie mit einzelnen Repräsentanten oder auch Tendenzen dieser Geschichte verbindet, Treue empfand sie nur gegenüber ihrer Freiheit." Kathleen Bühler, 2012

"Diesen Durchbruch, den die Kunst erzeugen kann, wenn etwas Neues, eine neue Form, ein neuer Begriff entsteht. Es geht nur immer um diesen Durchbruch und diesen Durchbruch hat Meret Oppenheim geschafft." Thomas Hirschhorn, 2012

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(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch


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