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150 Jahre Erstbesteigung


Matterhorn-Bergführerfamilie verlangt historische Erwähnung


Von Jo Fahy, swissinfo.ch, Zermatt


Der Grossteil der Schauspieler sind gewöhnliche Menschen aus dem Dorf Zermatt. (www.z-arts.ch | hannes zaugg-graf)

Der Grossteil der Schauspieler sind gewöhnliche Menschen aus dem Dorf Zermatt.

(www.z-arts.ch | hannes zaugg-graf)

Vor 150 Jahren führten ein Zermatter Vater und sein Sohn die ersten Bergsteiger auf den Gipfel des Matterhorns. Ihre Erstbesteigung schrieb Geschichte, endete aber in einer Tragödie. 2015 macht sich eine neue Generation Taugwalders auf zu einer anderen Art von Abenteuer. Sie spielen ihre Ahnen in einem gross angelegten Freilicht-Theaterstück der Geschichte, die einen Berg, ein Dorf und ihren Namen prägte.

"Barbara, bitte!"

Ein Mann in seinen 20er-Jahren schreitet durch eine Etage eines Luxushotels im Schweizer Alpendorf Zermatt. Er fasst eine junge Frau an den Schultern und bittet sie, seine Frage zu beantworten.

"Tu es für mich, Barbara."

Der junge Mann ist David Taugwalder. Vermutlich zum zehnten Mal in dieser Stunde übt er eine der Schlüsselszenen seiner Rolle. Taugwalder ist einer der direkten Nachkommen der beiden Bergführer, die bei der Erstbesteigung des Schweizer Kultberges mit von der Partie waren.

Heute ist er in der unüblichen Position, seinen Vorfahren zu spielen, Peter Taugwalder Junior. Sein Vater Josef wird in diesem anspruchsvollen Freilicht-Theaterstück die Rolle von Taugwalder Senior spielen.

Romaine Müller hat die Rolle von Taugwalder Juniors Verlobten Barbara Salzgeber übernommen.

"Mein Vater ist 50, und ich bin 23 Jahre alt, also sind wir im ähnlichen Alter wie die Taugwalders", sagt er nach den Proben dieses Tages. "Und wir kennen die Geschichte. Wir haben oft darüber in der Familie gesprochen. Für uns ist es deshalb cool, in diese Rollen zu schlüpfen."

Vater und Sohn arbeiten gemeinsam in der Treuhandgesellschaft der Familie in Zermatt. Davids Vater Josef ist etwas reservierter als sein Sohn. Ich traf ihn einige Monate vorher bei einer Sprechprobe des Theaterstücks.

"Mein Sohn und ich passten gut für die Rollen", sagte er. "Wir haben das gleiche Alter wie sie damals, wir sind beide Taugwalders, und die Regisseurin kam irgendwie ganz natürlich auf uns."

Die Geschichte der Erstbesteigung des Matterhorns ist heute untrennbar verknüpft mit dem Schicksal jener, die beim Abstieg ums Leben kamen, und mit der Kontroverse, ob deren Tod durch ein ausgefranstes Seil versehentlich verursacht wurde, oder ob jemand dieses durchgeschnitten hatte.

Alte Geschichte in neuem Licht

Wurden die Taugwalders aus der englischen Version der Ereignisse gestrichen? Hätten sie mehr zu sagen gehabt? Diese und andere Fragen wollen einige Leute des Ensembles wissen. Und das Drehbuch erkundet das.

"1865 und in den folgenden Jahren gab es verschiedene Theorien", sagt David Taugwalder. "Dass das Seil auf natürliche Weise riss, dass Taugwalder Senior das Seil beim Abstieg zerschnitt, oder – für uns die glaubwürdigste Theorie – dass Edward Whymper der erste auf dem Gipfel sein wollte und deshalb das Seil während des Aufstiegs zerschnitt, weshalb Taugwalder Senior nicht genug von der für den Abstieg nötigen Art von Seil zur Verfügung hatte."

Doch ist die Wahrheit über die Ereignisse vor 150 Jahren heute wirklich so wichtig? Die Meinungen sind geteilt. Matthias Taugwalder, Josefs Cousin, hat die verschiedenen Möglichkeiten eingehend untersucht. Und sogar das Schweizer Fernsehen SRF zeigte mit "Tatort Matterhorn" einen Zweiteiler in bester Krimi-Manier, um das ungelöste Rätsel zu vertiefen.

"Whymper war der Mann, der darüber reden konnte, weil er Englisch sprach – die Taugwalders konnten das nicht", erklärt David Taugwalder. "Für uns ist das Theaterstück wichtig, weil es sie ein wenig rehabilitiert", ergänzt er und hofft, dass die Zuschauer auch die andere Seite der Geschichte sehen werden.

Regisseurin Livia Anne Richard beschreibt den Hintergrund der Geschichte als eine Zeit, während der "verschiedene Kulturen aufeinanderprallten".

Die Einwohner Zermatts, die "einen grossen Respekt vor dem Berg" hatten, kamen in direkten Kontakt mit den englischen Besuchern, die diesen erklettern wollten. Auch Richard will wissen, was wirklich geschah, als das Seil riss. Das Stück solle "die Varianten erklären".

Für die Taugwalders ist es etwas sehr persönliches. "Das ist unsere Chance, unsere Geschichte zu erzählen", sagte Josef Taugwalder. "Man liest nichts von den Taugwalders, aber über Whymper liest man überall."

Ein Volkstheater

Richard bringt für dieses Freilichttheater eine Besetzung von 35 Personen auf die Bühne. Fünf darunter sind Profi-Schauspieler, die anderen sind gewöhnliche Menschen aus Zermatt.

Einige von ihnen haben nie zuvor einen Fuss auf eine Bühne gesetzt. Doch ab dem 9. Juli werden sie auf einer riesigen Freilicht-Bühne vor tausenden Zuschauern aus der ganzen Welt auftreten. Zur Aufführung gehören auch Tiere wie Kühe und Esel.

"Eine Produktion mit 35 Schauspielern wäre unmöglich zu finanzieren", lacht die Regisseurin. "Aber es ist auch sehr erfrischend, nicht nur Profis auf der Bühne zu haben. Besonders die beiden Taugwalders. Das ist ein Niveau an Authentizität, das man mit einem Profi nicht erreichen könnte."

Ein echt schweizerischer Aspekt des Theaterstücks sind die verschiedenen Sprachen, die auf der Bühne gesprochen werden – eine konstante Mischung aus Deutsch, Englisch und Walliserdeutsch. "Ich habe einfach alles so geschrieben, wie ich dachte, dass die Leute damals miteinander redeten", so Richard.

Da die Leute aus Zermatt damals wohl ausser dem einen oder anderen Wort kaum Englisch sprachen, reden sie mit den Engländern Deutsch. Die Touristen versuchen dann, ihrer Gruppe zu erklären, was sie verstanden, oder glaubten, verstanden zu haben. "Diese Missverständnisse sind auch ein Thema im Stück", betont Richard. "Sie sind einer der Faktoren, die zu dieser Katastrophe führten."


(Übertragen aus dem Englischen: Christian Raaflaub)

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