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1500 Jahre Abtei St. Maurice


Menschen, Jahrhunderte, Gebete und Mythen


Von Marc-André Miserez, St-Maurice (Wallis)


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Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 1500-Jahr-Jubiläum: ein Strassentheater, das Heiliges und Profanes, Vergangenheit und Gegenwart, Austerität und Burleskes vermischt. (Keystone)

Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 1500-Jahr-Jubiläum: ein Strassentheater, das Heiliges und Profanes, Vergangenheit und Gegenwart, Austerität und Burleskes vermischt.

(Keystone)

Das Kloster Saint-Maurice, am Tor zum Kanton Wallis, ist eines der ältesten des christlichen Abendlandes. Seit einem Jahr feiert das Kloster seine 1500-jährige Geschichte, in der sich die religiösen Gesänge der Chorherren mit dem weltlichen Stimmengewirr der Gassen vermengen. 

Während Jahrhunderten dominierten Männer in Uniformen und Männer in Soutanen St. Maurice, in römischer Zeit Agaunum.

Der Ort liegt am Tor zum Rhonetal, an einem natürlichen, durch Felswände geprägten Engpass, ein idealer strategischer Punkt, um die nord-südliche Hauptverkehrsachse über die Alpen zu kontrollieren. Dies erklärt die wichtige militärische Präsenz bis zum Ende des 20.Jahrhunderts.

Aus religiöser Sicht darf sich die 515 gegründete Abtei von St. Maurice  "als ältesten Ort des christlichen Abendlands nach Rom" bezeichnen. "Streng genommen gibt es noch ältere Klöster, gesteht Abt Joseph Roduit, der während des 1500-Jahr-Jubiläums sein Amt abgeben wird. Doch wir sind das älteste, das ohne Unterbrechung während diesen 1500 Jahren funktioniert hat. Wir haben hier jeden Tag gebetet, den uns Gott geschenkt hat."

Grösser als der Vatikan

St-Maurice profitiert von der päpstlichen Unmittelbarkeit: Die Abtei ist nicht abhängig von einer Diözese, sondern untersteht direkt dem Vatikan (nullius diœcesis). Wegen der häufigen Konflikte mit dem Bischof von Sitten entschied der Papst im Jahr 1840, den Vorsteher der Abtei zum Bischof zu erklären,  doch das zweite vatikanische Konzil hob diesen Status wieder auf. Dies hinderte jedoch die Leute von Agaunum nicht daran, ihre Äbte weiterhin "Monseigneur" zu nennen, die übrigens mit all ihren Rechten Vollmitglieder der schweizerischen Bischofskonferenz geblieben sind.

Heute ist St. Maurice eine der elf letzten Territorialabteien des römischen Christentums, ein Überbleibsel aus dem Mittelalter, gleich wie Einsiedeln in der Zentralschweiz. Das Gebiet umfasst fünf Pfarreien, doch die rund vierzig Stiftsherren helfen auch den benachbarten Pfarreien, die der Diözese Sitten angegliedert sind.

"1993, als man das Gebiet neu organisierte, wurde mein Vorgänger Henri Salina nach Rom einberufen, erinnert sich Joseph Roduit. "Als er Papst Johannes Paul II. auf einer Karte das Gebiet der Territorialabtei präsentierte, antwortete der Heilige Vater: 'Das ist aber klein!' Monseigneur Salina hatte die Kühnheit zu erwidern, 'sicher, doch sie ist immerhin grösser als der Vatikan'. Der Papst lächelte und sagte, 'tatsächlich, und sie ist sehr alt. Also, ich werde an der Abtei von St Maurice festhalten'."

Das Städtchen mit seinen 4500 Einwohnern ist zwar klein, aber seine Ausstrahlung ist gross, dank der Bekanntheit des Heiligen Mauritius, dem berühmten Märtyrer. Bis heute sind Hunderte Pfarreien und Kirchen in ganz Europa und darüber hinaus ihm gewidmet. Doch genau auf diesem Plateau von Vérolliez („vrai lieu“, nach der volkstümlichen Etymologie), einige hundert Meter vom heutigen Ausgang der Stadt, fand das Martyrium von Mauritius und seiner thebäischen Legion statt. "So die Überlieferung", präzisiert Monseigneur Roduit.

Legende und Geschichtsschreibung

Nach der Überlieferung fand das Drama ungefähr im Jahr 300 statt. Kurz zusammengefasst: Um den Kaiser zu ehren, erhielten Mauritius und seine Gefährten den Befehl, gegen die Christen einen Vernichtungskampf zu führen. Doch Mauritius und seine Männer, die in Ägypten rekrutiert wurden und wahrscheinlich dunkelhäutig waren, sind ebenfalls Christen. Sie verweigern den Befehl und die Legion wird dezimiert – jeder Zehnte wird hingerichtet. Dies geschah mehrere Male, am Ende lagen einige hundert Leichen auf dem Schlachtfeld.

Der seit 1987 amtierende Walliser Kantonsarchäologe, François Wiblé, will diese Geschichte nicht für bare Münze nehmen. "Die Fakten wurden aus zwei Texten zusammengetragen, die hundert Jahre später aufgeschrieben wurden und keine historischen Abhandlungen sind. Die Leute haben das damals geglaubt, das ist das Wichtigste", ergänzt  der Historiker und verweigert sich jeglicher Polemik, verweist aber trotzdem auf Unstimmigkeiten in den Schilderungen. "Es gibt im ausgehenden 3. Jahrhundert keine thebäischen Legionen." Ein weiterer Anachronismus: Die drastische Strafe der Dezimierung, bei der jeder Zehnte hingerichtet wurde, war keine Strafe der Armee des römischen Kaisers. Nach François Wiblé wurde sie nach der römischen Republik nicht mehr angewendet.

"Diese Epoche ist sehr gut dokumentiert", fährt der Archäologe weiter. "Es existieren sehr viele Texte aus dem 3. und 4. Jahrhundert. Kein einziger Autor jedoch erwähnt das Massaker an der thebäischen Legion. Es wäre also eine gute Propaganda-Geschichte gewesen, sowohl für die Heiden wie für die Christen." Dieses letzte Argument ist für ihn entscheidend, er will aber nicht abstreiten, dass die Legende einen historischen Ursprung hat. "Es gab bestimmt eine Schlacht in Vérolliez zu dieser Zeit, vielleicht wurden dort Christen massakriert. Es existiert eine Inschrift, die erwähnt, dass ein römischer Offizier im Kampf umgebracht wurde."

Ein Leuchtturm in der Nacht

Ein Faktum ist jedoch die Gründung der Abtei im Jahr 515 durch Sigismund, König der Burgunden, der später heiliggesprochen wurde. Die Abtei, gebaut am Fuss eines Felsen, war  - wie alle Klöster in dieser Epoche - ein Leuchtturm in der Dunkelheit nach dem Niedergang des römischen Reichs. Sie wurde zum spirituellen Zentrum des burgundischen Reichs und später des Herzogtums von Savoyen. Im Lauf der Jahrhunderte durchlebte die Abtei Zeiten der Hochblüte, aber auch des Niedergangs und der Renaissance, ganz zu schweigen von Plünderungen, Feuersbrünsten und Naturkatastrophen.  

Die Abtei beherbergt auch einen Kirchenschatz, der heute als einer der wichtigsten der christlichen Welt gilt. Die Schreine, Vasen oder Statuen aus Gold und Silber, geschmückt mit Edelsteinen, zeugen von der unglaublichen Raffinesse der mittelalterlichen Goldschmiedekunst und enthalten, neben den Überresten der thebäischen Märtyrer, auch jene vom Heiligen Sigismund und einigen andern. Zudem gibt es zwei Fragmente, die von der Dornenkrone Jesu stammen sollen und im Jahr 1262 vom Heiligen Ludwig, König von Frankreich, der Abtei geschenkt wurden.

Der Schatz, der bislang in einer engen Krypta aufbewahrt wurde, kann nun als Auftakt zu den Feierlichkeiten des 1500-Jahr-Jubiläums  an einer neuen Ausstellungsstätte besichtigt werden. Während des Baus der neuen Ausstellungsräume wurden im Frühjahr 2014 die schönsten Stücke dem Pariser Museum Louvre ausgeliehen. Seit der Rückgabe können die Besucher die Exponate in ihrer ganzen Pracht in neuer Umgebung bewundern.

15 Jahrhunderte in fünf Bildern

Die Festivitäten zum Jubiläum wurden am 22. September 2014 eröffnet und gehen ein Jahr später zu Ende, am Tag des Heiligen Mauritius, an dem traditionellerweise die Reliquien in einer Prozession durch die Strassen getragen werden. Lange hoffte man auf den Papst, der nun doch nicht kommt. Er hat eine gute Entschuldigung, an jenem Tag wird er in Kuba weilen.

Noch bevor die Prozession durch Agaunum ziehen wird, werden die Gassen des Städtchens bis zum 6. September vom Gejohle und den Gesängen der Gaukler widerhallen. Es ist der Höhepunkt, das sich das laizistische Festkomitee ausgedacht hat: ein Stationentheater, das die 15 Jahrhunderte in fünf Bildern mit grossem Aufwand von einer professionellen Schauspieltruppe und 40 Statisten wieder aufleben lässt. 

"Das Komitee wollte dem Volk etwas Populäres bieten, es sollte ein bisschen ausgeflippt, burlesk und emotional sein, aber inspiriert von der Geschichte", so Joseph Roduit, den man am Abend der Premiere viel lachen sieht. Immerhin organisiert St. Maurice jedes Jahr den zweitgrössten Karneval im Wallis, an dem regelmässig die Äbte und Chorherren verspottet werden. "Jedes Mal werden wir etwas lächerlich gemacht, es ist jedoch nie böse gemeint", schmunzelt der Monseigneur.

Es lebe die Revolution!

"Auch wenn ich den Humor liebe, so gibt es doch in meinem Innersten eine Faszination fürs Transzendentale. Theater ohne Spiritualität überzeugt mich nicht", erklärt Cyril Kaiser, Regisseur des Stücks "Des Hommes et des Siècles".

Cyril Kaiser, ein Bewunderer der "Comedia dell’arte", hat keine Angst vor Anachronismen und der Vermischung von Genres. Die Schauspieler sprechen die Zuschauer an und machen sie zu Statisten des Spektakels. Die Stimmung der Szenen reicht von mystischer Ekstase bis zur reinen Tragödie, gefolgt von burlesken Passagen mit grotesken Figuren und Masken. "Das ist voll und ganz im Sinne der Mysterien des Mittelalters, wo sich niemand um die Glaubwürdigkeit scherte", erklärt der Regisseur. 

Virtuos folgen sich die Szenen Schlag auf Schlag: Vorab ein Handkarren, gefüllt mit Kostümen und gestossen von Kreuzfahrern in Kettenhemden, dahinter die Haudegen Napoleons und Frauen und Kinder aus dem Volk. Die Menge, geschmückt mit phrygischen Mützen und Abzeichen, lässt es sich nicht nehmen, vor dem Ersten Konsul die Marseillaise anzustimmen und "Es lebe die Revolution!" zu schreien.

Der Heilige Mauritius, Inbegriff des Pazifismus, wählte lieber den Tod als zur Waffe zu greifen. Als der Heilige Ludwig vor Beginn eines Kreuzzuges bei ihm Schutz suchte, wurde Mauritius zum Schutzheiligen der Krieger. Das machte ihn zum Revolutionär. Daraus schöpfen die Mythen ihre Kraft, sie sind multifunktional. 


(Übertragung aus dem Französischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch

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