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1914/18 in den Schweizer Zeitungen


Das Attentat von Sarajevo - unterschiedlich beurteilt




Das Attentat in einer Illustration des Petit Journal. (Keystone)

Das Attentat in einer Illustration des Petit Journal.

(Keystone)

Vor hundert Jahren töteten serbische Nationalisten den österreichischen Erzherzog. Die Schweizer Presse hat das Attentat, das den Ersten Weltkrieg ausgelöst hat, breit kommentiert. Beim Lesen der Kommentare fällt heute auf, dass das Ereignis unterschiedlich beurteilt wurde und die Schweiz in dieser Frage gespalten war.

Am 28. Juni 1914 fällt Franz Ferdinand zusammen mit seiner Frau unter den Kugeln junger serbischer Nationalisten. Vom nächsten Tag an kommentiert die Schweizer Presse das Ereignis ausgiebig.

Die Weitsichtigen sehen in der Attacke ein Ereignis, das unabsehbare Folgen haben werde. "Das ist etwas, das alles durcheinander bringt, Vermutungen aufhebt und zu quälenden Fragen führt", schreibt beispielsweise die Genfer Zeitung La Suisse.

 Sympathiewelle

 In einer ersten Phase löst das Attentat eine Sympathiewelle für Österreich im Allgemeinen und im Speziellen für dessen Kaiser Franz Joseph, den Onkel von Franz Ferdinand, aus. " Alle Sympathien gelten dem ehrwürdigen Kaiser. Seine Karriere, die schon tragisch genug wäre, hat sich durch eine andere Tragödie verdunkelt ", schreibt die Tribune de Genève mit Bezug auf die Familientragödien, die das Leben des Herrschers markiert haben und erwähnt vor allem die Ermordung seiner Frau Elisabeth ("Sissi") im Jahr 1898 und den Selbstmord seines Sohnes Rudolph.

Der Tod des Ehepaares in Sarajevo, das drei Waisen hinterliess, bewegte auch andere Journalisten. Selbst die Berner Tagwacht, das offizielle Organ der Sozialdemokraten, das normalerweise nicht viel übrig hatte für gekrönte Häupter, zeigte Mitgefühl.

Über das Drama hinaus bewegte auch die Frage nach dem Erben des Königsthrons. Die katholische Presse startete eine Lobrede, während dem die Tagwacht viel kritischer war. Für die Sozialdemokraten war Franz Ferdinand "die Verkörperung der österreichischen Politik, die die Menschen an den Rand geführt" habe und ein "Vertreter des Militarismus, des Imperialismus und des Klerikalismus."

Die meisten Kommentatoren glauben jedoch, dass der Thronfolger kein Feind der Slawen war. "Franz Ferdinand war ein entschlossener Verfechter der nationalen Emanzipation."

"Prinzip (der Attentäter, die Red.) verleumdet also sein Opfer, wenn er behauptet, er habe den Feind der Serben getötet", schreibt die katholische Zeitung La Liberté.

Auch die liberale Presse teilte diese Einschätzung. "Die Widersinnigkeit des Angriffs besteht vor allem in der Tatsache, dass Erzherzog Franz Ferdinand ein Freund der Slawen war", schreibt Der Bund.

Ein Graben durch die Schweiz

Das Spiel der Allianzen

1914 gab es zwei gegnerische Allianz-Systeme: Die Allianz Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien sowie jene von Grossbritannien, Frankreich und Russland.

Das Spiel der Allianzen hat den lokalen Konflikt zwischen Österreich und Serbien zu einem europäischen und später zu einem weltweiten Konflikt ausgeweitet.

In einer ersten Phase hat Russland Serbien unterstützt, während Deutschland Österreich half. Danach hat Frankreich aufgrund seiner militärischen Allianz mit Russland interveniert.

Grossbritannien hielt sich zuerst aus dem Konflikt heraus, bis Deutschland die belgische Neutralität verletzte und auf französisches Territorium vordrang.

In den vier Wochen nach dem Angriff verstärkte das österreichisch-ungarische Reich den Druck auf seine serbischen Nachbarn und stellte ihnen am 23 Juli ein inakzeptables Ultimatum. Von da an scheint ein Krieg zusehends unausweichlich, aber die Schweizer Presse ist in der Frage gespalten, wer nun wirklich der Kriegstreiber sei.

"Während überall sonst die öffentliche Meinung mit Klarheit in eine Richtung zeigt, zeigt unsere Presse dem Ausland eine Vielfalt von Meinungen und einen absoluten Mangel an Richtung" schreibt die Genfer La Suisse. Währen des Konflikte ging eine Graben durch die Schweiz. Die lateinischen Landesteile zeigten Sympathien für die Alliierten, die deutschsprachige Schweiz für die Zentralmächte.

Die katholische Presse unterstützte nachdrücklich die österreichische Politik. "Österreich-Ungarn hat eine Untersuchung gemacht und kam zum Schluss, dass das Land von einer Gefahr bedroht sei. Das Land wird nicht zögern, die Gefahr zu beseitigen", schreibt La Liberté.

Religion, ein wichtiges Kriterium

Diese pro-österreichischen Gefühle führen zu einer Feindseligkeit gegenüber Russland. "Wenn es zu Auseinandersetzungen kommt, wird das der Fehler Russlands sein, denn das Land sollte sich nicht in die österreichisch-serbische Abrechnung einmischen. Seine Beziehungen zu Serbien sind nur jene einer Sympathie, die durch die Religion entstanden ist. Russland ist in keiner Weise verletzt und muss ruhig bleiben", so La Liberté.  "Die russische Regierung ist bis an die Grenze dessen gegangen, was der Wunsch einer grossen Nation, einen Krieg zu vermeiden,  erlaubt", schreibt hingegen die Tribune de Genève.

Diese Anlehnung der Katholiken auf die Position der österreichisch-ungarischen Monarchie entrüstete die Sozialdemokraten. "Wenn man zurzeit eine katholische Zeitung in die Hand nimmt, ist es unklar, ob man es noch mit einem republikanischen Blatt zu tun hat", kommentiert die Tagwacht.

Allerdings war in den Kommentaren jener Zeit die politische oder religiöse Ausrichtung einer Zeitung nicht das einzige Kriterium für deren Standpunkt. So ging der katholische Corriere del Ticino mit Österreich kritisch um, ein Zeichen der Sympathie des italienischsprachigen Kantons mit den italienischsprachigen Minderheiten im österreichisch-ungarischen Reich. "Die österreichische Politik gegenüber Serbien war schon immer eine Politik der Unterdrückung und Repression", schreibt die Zeitung. "Die serbische Propaganda ist lediglich eine natürliche Reaktion auf die Polizeirepression. Im Vergleich ist die Repression der Italianità von Triest ist nichts. "

Der "Meister der Stunde

Unter den liberalen Zeitungen waren die Meinungen geteilt, aber es gab eine Tendenz, die Schuld am Konflikt Österreich zuzuschreiben.

"Wenn die befürchtete Katastrophe auftreten sollte, läge die Verantwortung ganz auf Österreich-Ungarns, auf seinem Souverän, seiner Regierung und vor allem auf der Militärpartei, die mit einem hasserfüllten Eifer den schrecklichen Konflikt verursacht hat", schreibt La Suisse.

Diese Einschätzung wurde auch in der Deutschschweiz ausgedrückt. "Die Tatsache, dass sich Österreich offiziell nicht bereit erklärt, neue Verhandlungen aufzunehmen, zeigt, dass das Land den Krieg will", schreibt die Neue Zürcher Zeitung.

Bleibt die Position Deutschlands und seines Kaisers Wilhelm II." Die Zukunft Europas und der Zivilisation ist in seinen Händen", schreibt die Tribune de Genève. Zur Rolle der Schweiz schreibt das Blatt: "In diesen Zeiten des Sturms blickt die ganze Welt auf den Souverän, der mit einer energischen Geste die entfesselten Leidenschaften zähmen und die Übertreibungen der österreichischen Militärpartei eindämmen kann." Doch zu dieser "energischen Geste" kam es nicht.


(Übersetzt aus dem Französischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch

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