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2. Gotthard-Röhre


Debatte um zweite Röhre läuft schon auf Hochtouren




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Kommt die zweite Röhre, kommt noch mehr Verkehr, befürchtet ein Teil der Schweizer Medien. (Keystone)

Kommt die zweite Röhre, kommt noch mehr Verkehr, befürchtet ein Teil der Schweizer Medien.

(Keystone)

Falsches Signal, weil Missachtung des Verlagerungsziels, schreiben die einen. Richtiger Entscheid im Kampf gegen den Stau und für mehr Sicherheit, finden die anderen: Die Schweizer Medien haben die Positionen in der kommenden Diskussion abgesteckt.

Während der Sanierung des Gotthard-Strassentunnels soll der Verkehr durch eine zweite Röhre fliessen. Dies entschied der Bundesrat am Mittwoch.

Um den in der Verfassung verankerten Alpenschutzartikel nicht zu verletzen, will die Regierung den einspurigen Betrieb der beiden Röhren im Gesetz festschreiben.

Derweil die Chancen für die Vorlage im bürgerlich dominierten Parlament gut stehen, haben Linke und Grüne bereits das Referendum angekündigt. Die Volksabstimmung soll 2015 stattfinden. 2004 hatte das Schweizer Stimmvolk bereits einmal eine zweite Gotthard-Röhre für den Strassenverkehr bachab geschickt.

"Sicherer durch das Nadelöhr", titelt das Bündner Tagblatt. Der Entscheid für eine zweite Röhre am Gotthard sei mutig und zweckmässig. "Die Einsicht greift immer mehr um sich, dass es besser ist, wenn der Verkehr sicher fliesst als sich staut."

Solidarität mit dem Tessin 

Das Projekt zweite Röhre sei mit Priorität anzugehen, fordert das Zofinger Tagblatt. "Dass sich der Durchstich eines zweiten Gotthardtunnels schon alleine aus Gründen der Verkehrssicherheit rechtfertigen lässt, steht ausser Frage." Und ein Kanton Tessin, der während einer drei Jahre langen Sanierungsphase der bisherigen Gotthardröhre massiv von der übrigen Schweiz abgenabelt sein würde, sei staatspolitisch nicht haltbar.

"Das Ja zur 2. Röhre ist richtig", findet auch der Blick. "Nur eine Fahrtrichtung in jeder Röhre – das heisst, dass es keine Frontal- oder Streifkollisionen mehr geben kann." Bei solchen seien zwischen 2001 und 2010 sechs Menschen im Gotthard gestorben. "Es sind sechs zu viel. Sicherheit ist heute bei allem, was der Mensch baut, das höchste Gut."

Zweifel hat die Boulevardzeitung keine, bemerkt aber immerhin, dass von den heutigen Bundesrätinnen und Bundesräten niemand mehr im Amt sein werde, wenn die ersten Autos durch den zweiten Tunnel fahren würden.

Sicherheit und drohende Isolierung des Tessins sind auch für Le Temps Gründe, die für den zweiten Strassentunnel sprechen. "Aber ist das Projekt tatsächlich so prioritär, dass dadurch andere Tunnelprojekte wie in Morges oder Zürich in Frage gestellt sind, wo der durchschnittliche Verkehr sechsmal höher ist als auf der Nord-Süd-Achse? Da liegt das Problem."

"Alpenschutzartikel begraben" 

"Alpenschutz guckt in die Röhre", ist dagegen für die Südostschweiz klar. Die zweite Röhre, die nur einspurig befahren werden dürfe, sei pure Augenwischerei. Damit breche die Landesregierung ganz konkret mit dem Alpenschutz. Der Verfassungsartikel, der bis heute weitgehend toter Buchstabe geblieben sei, könne eigentlich gestrichen werden.

"In Tat und Wahrheit werden die verschiedenen (schwer)verkehrsaffinen Lobbyorganisationen ein Powerplay aufziehen, dem das Parlament auf Dauer nicht gewachsen sein wird. Bis die beiden Röhren dem Verkehr übergeben werden, wird es im Parlament Angriff um Angriff auf diesen einschränkenden Passus im Gesetz geben", so die Südostschweiz.  

Kein Licht, sondern "Irrlicht am Ende des Tunnels" sieht die Thurgauer Zeitung. "Was sich wie ein schlechter Witz anhört, ist vordergründig einfach die Konsequenz des Alpenschutzartikels in der Verfassung: Dieser verbietet eine Erhöhung der Kapazität. Dass sich der Bundesrat an die Verfassung hält, kann man ihm nicht zum Vorwurf machen. Dass er eine unausgegorene Lösung präsentiert, schon."

Kein Jubel im Tessin

Noch vor einem halben Jahr sei die zweite Röhre für Bern zwar eine Option gewesen, aber "bei weitem nicht die überzeugendste" , bemerkt La Regione Ticino. Die Zeitung spricht deshalb von einem "politischen Wunder und der Magie des Lobbyings", die zum Meinungsumschwung beigetragen hätten.

Aber auch die Zeitung aus der Südschweiz ist kritisch, was das Versprechen der Einspurigkeit betrifft. Dieselben Interessengruppen würden "die Schweizer Transport-Philosophie sabotieren, die bisher mit dem Vorzeige-Projekt des neuen Gotthard-Eisenbahntunnels mit viel Stolz vorangetrieben wurde."

Schleusen geöffnet 

Auch die Aargauer Zeitung ist skeptisch und schreibt von "Misstrauen gegenüber dem Bundesrat". Kritiker befürchten, dass dereinst alle vier Spuren am Gotthard geöffnet würden.

"Es fehlt der Glaube", ziehen der Bund und der Tages-Anzeiger nach. "Wer Milliarden in einen neuen Tunnel steckt, will ihn richtig nutzen." Die Tunnelsanierung liefere den Befürwortern der zweiten Röhre verlockende Argumente - die laut den beiden Zeitungen nicht überzeugen. "Die Sanierung ist vielmehr eine Chance, den Auto- und Güterverlad zu forcieren und die Idee einer Alpentransitbörse voranzutreiben."

Misstrauen ist auch bei den Westschweizer Zeitungen L'Express, L'Impartial und La Liberté angesagt. "Im Wissen, dass Pannenstreifen in Morges schon heute für den Verkehr geöffnet sind, fällt es schwer zu glauben, dass eine zweite Röhre keine Verkehrserhöhung mit sich bringt." Schlimmer noch, dass das Bauwerk die Rentabilität des Güterverkehrs auf der Schiene gefährden würde.

"Der Bundesrat riskiert am Gotthard einen Dammbruch", warnt die Neue Zürcher Zeitung. Das Pickeln der Tessiner Behörden, der Bau- und der Autolobby habe sich gelohnt – zumindest im Bundesratszimmer. "Das Votum für einen zweiten Tunnel ist eine Absage an eine effiziente Verkehrspolitik. Wird dem nachgelebt, werden alle die Zeche dafür bezahlen", erhebt die NZZ den Mahnfinger.

Ein zweiter Strassentunnel wäre "ein fatales Präjudiz für eine nationale De-luxe-Verkehrspolitik",  weil er eine Einladung an Regionalpolitiker und Bauindustrie sei, in allen Landesteilen entsprechenden Druck aufzubauen. "Das hätte für Steuerzahler und Verkehrsteilnehmer noch höhere Belastungen zur Folge, als angesichts zusätzlicher Investitionen in das Verkehrssystem absehbar ist."

Krieg der Regionen befürchtet

"Der Krieg am Gotthard hat begonnen", schreibt 24 heures. Seit Jahren vertröste Verkehrsministerin Doris Leuthard verschiedene Regionen, dass sie sich wegen finanzieller Engpässe für ihre Projekte gedulden müssten. Auf einmal verkünde sie aber strahlend den Entscheid für einen zweiten Strassentunnel am Gotthard.

"Die Westschweizer haben begriffen, dass der Krieg der Regionen schon begonnen hat. Aber alle kennen schon das Szenario: Kein Geld, eine Steuererhöhung würde schwierig sein, und man müsse eben Prioritäten setzen."

Bergsturz und Sperrung

Am 5. Juni donnern an der Gotthard-Bahnstrecke bei Gurtnellen im Kanton Uri mehrere zehntausend Tonnen Gesteinsmassen auf die Geleise.

Ein Bauarbeiter wird verschüttet, zwei Menschen werden mittelschwer verletzt. Sie waren mit der Sicherung von Felsen einer früheren Absturzstelle beschäftigt. Der Tote kann erst nach Tagen mit einem ferngesteuerten Bagger geborgen werden.

Am 18. Juni muss aus Sicherheitsgründen ein 2000 Kubikmeter grosses Felsstück an der Abbruchstelle weggesprengt werden.

Wegen dem Bergsturz bleibt die wichtigste Güterstrecke durch die Alpen laut Angaben der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bis am 2. Juli gesperrt.

Wichtigste Daten

Um 1230: Eröffnung der Teufelsbrücke über die Schöllenenschlucht.

1830: Postkutsche transportiert Passagiere.

1882: Eröffnung des Bahntunnels, mit 15 km der längste der Welt.

1980: Eröffnung des Strassentunnels, mit 17 km der längste der Welt.

2016: geplante Eröffnung des Eisenbahn-Basistunnels, mit 57 km erneut Weltrekord.

swissinfo.ch



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