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Abflug verschoben


Tunesische Wirtschaft wartet noch auf Revolution


Von Daniele Mariani, Tunis


Hochschulabgängerinnen und -abgänger ohne Arbeit (im Bild eine Demonstration im September 2012) gehörten zu den Hauptmotoren der Revolution. Bis heute allerdings hat sich für sie in Tunesien fast nichts verändert. (AFP)

Hochschulabgängerinnen und -abgänger ohne Arbeit (im Bild eine Demonstration im September 2012) gehörten zu den Hauptmotoren der Revolution. Bis heute allerdings hat sich für sie in Tunesien fast nichts verändert.

(AFP)

"Arbeit, Freiheit, Würde", riefen die Tunesierinnen und Tunesier, als sie gegen den Diktator Ben Ali auf die Strasse gingen. Zwei Jahre nach der Revolution ist Arbeit für viele noch eine Fata Morgana. Die Schweizer Kooperation engagiert sich deshalb dort im Kampf gegen Arbeitslosigkeit.

"Teleoperatoren und -operatorinnen gesucht." Wer die Stellenanzeigen in der tunesischen Presse durchforstet, erhält den Eindruck, für eine frisch diplomierte junge Person, die einige europäische Sprachen beherrscht, sei es praktisch die einzige Möglichkeit, bei einem der unzähligen Call-Center für 600 Dinar (400 Fr.) pro Monat anzuheuern.

Dieser Eindruck entspreche der Realität, sagt Belgacem Ben Abdallah, Mitglied des nationalen Büros der Union arbeitsloser Diplomierter (UDC), einer Vereinigung arbeitsloser Akademiker, vor den Mitgliedern der Schweizer Delegation des Weltsozial-Forums in Tunis.

Seine Organisation hatte wesentlich dazu beigetragen, dass im Dezember 2010 die Flamme der Revolution gezündet wurde. Der Slogan "Arbeit, Freiheit, Würde" war aus dem Kampf der UDC entstanden.

Laut offiziellen Statistiken gab es Ende 2012 im Land 653'000 Arbeitslose, was 16,7% der aktiven Bevölkerung entspricht. Eine Zahl, die viele für unterschätzt halten. Die UDC beispielsweise spricht von einer Million Menschen ohne Arbeit. Rund ein Drittel seien Junge mit Universitätsabschluss.

Die Situation würde noch verstärkt durch die Tatsache, "dass die Unterbeschäftigung zugenommen hat und die Gesellschaft immer verletzlicher wird, hauptsächlich wegen einem unglaublichen Preisanstieg", sagt Fathi Chamkhi, Mitglied von Raid/Attac Tunesien. 2012 betrug die Inflation 5,6%, doch die lokale Konsumentenschutz-Organisation vermutet, dass sich die Preise real um 10 bis 15% erhöht haben.

Fehlende Wirtschafts-Vision

"Niemand weiss, wie 800'000 Arbeitslose aufgefangen werden können", sagte Hédi Sraieb, Ökonom und Berater für die Weltbank in einem der zahlreichen Workshops des Weltsozial-Forums, das Ende März in Tunis über die Bühne ging. "Doch das Schlimmste ist, dass das tunesische Wirtschaftsmodell definitiv am Ende ist. Den sozialen Aufstieg, den ein Diplom einmal versprochen hatte, gibt es heute nicht mehr."

Die Revolution hat bisher die Hoffnungen nicht erfüllen können. "Nichts hat sich gegenüber den wirtschaftlichen oder sozialen Optionen des Ben-Ali-Regimes verändert. Man fährt auf dem neoliberalen Gleis weiter", sagt Belgacem Ben Abdallah. Er versucht, wie Zehntausende seiner Kollegen, mit einigen Privatstunden über die Runden zu kommen, für die er vier Dinar die Stunde (2,50 Fr.) erhält.

Für eine junge Person sei es sehr schwierig, ein eigenes Projekt zu starten. "Es herrscht zu viel Bürokratie, und einen Kredit zu erhalten, ist sehr schwierig", sagt der diplomierte Naturwissenschaftler.

In der Debatte um die Zukunft des Landes ist die wirtschaftliche Frage gegenwärtig die grosse Abwesende. "Jede Woche provoziert die islamistische Partei und Wahlsiegerin Ennahda, damit man über sie spricht: Polygamie, die Frau als Ergänzung zum Mann usw. Man beschäftigt sich aber nie mit den Themen, die während der Revolution vorgebracht wurden", sagt Sophia Hammami.

"Unser Problem ist nicht der Islam, wie man uns glauben machen will, sondern Armut und Arbeitslosigkeit", betont die Journalistin, die in Tunis als Korrespondentin der in London ansässigen Website hdhod.com arbeitet.

Schweizer Kooperation

Die Schweizer Regierung hat ihre Verpflichtungen in der Region nach den Revolutionen in Nordafrika wesentlich verstärkt, "um möglichst gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Transition zu schaffen".

Das Schweizer Engagement in Tunesien, Libyen und Ägypten konzentriert sich auf drei Schlüsselbereiche:

Unterstützung einer demokratischen Transition und Stärkung der Menschenrechte. In Tunesien ist dies beispielsweise die Unterstützung von Radio Tunisienne, der "Association Tunisienne pour l’Intégrité et la Démocratie des Elections" (ATIDE) und der unabhängigen Wahlkommission.

Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen. Neben dem Programm I-SEMER ist dies etwa der Wiederaufbau und die Sanierung der öffentlichen Infrastruktur für Wasserversorgung und Siedlungshygiene im Bezirk Kasserine oder die verstärkte Orientierung der Berufsbildung am Markt.

Migrationsfragen und Schutz von besonders gefährdeten Personen. Im Zuge dieses Dialogs haben die Schweiz und Tunesien drei Verträge unterzeichnet und Bern hat ein Programm zur Förderung der freiwilligen Rückkehr durchgeführt. Weiter unterstützt sie die Verbesserung der Grenzkontrollen und die Steuerung der gemischten Migrationsströme im Land.

(Quelle: Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit)

Arbeitsplätze schaffen

Der Kampf gegen die Arbeitslosigkeit ist eine der Hauptachsen der Schweizer Kooperation in Tunesien: Es geht um die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit lokaler Unternehmen.

Nach der Revolution hatte die Schweiz entschieden, die Unterstützung für Tunesien deutlich zu erhöhen. 2013 beträgt das Budget für Projekte in diesem Land 30 Mio. Franken. Etwa zwei Drittel davon sollen für wirtschaftliche Projekte eingesetzt werden.

So hat die Schweiz beispielsweise das Projekt I-SEMER lanciert, mit dem Ziel, in vier benachteiligten Bezirken Tunesiens 10'000 Arbeitsplätze für junge Menschen zu schaffen. Darunter finden sich Kasserine und Sidi Bouzid, wo die Revolution vor zwei Jahren ihren Anfang genommen hatte.

Das Projekt funktioniert über Mikrokredite, die einerseits wegen hohen Zinsen (um die 15%) in der Kritik stehen, andererseits aber Früchte zu tragen scheinen. "Gegenwärtig laufen etwa 1800 Mikrokredite. Mit jedem können im Durchschnitt 2,5 Arbeitsplätze geschaffen werden", sagt Danielle Meuwly von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza).

Saubere Produktion

Zusammen mit der UNIDO, der Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung, und Citet, dem internationalen Umwelttechnologie-Zentrum in Tunesien, finanziert die Schweiz unter anderem auch ein Projekt mit dem Ziel, Unternehmen dank nachhaltigem Ressourcen-Management im Umweltbereich auf den neusten Stand zu bringen. Zudem sollen etwa 200 Tunesier für die Installation und den Unterhalt von Solaranlagen ausgebildet werden.

"Das Ziel ist vor allem, begreiflich zu machen, dass Umweltschutz aus wirtschaftlicher Sicht ein Gewinn sein kann", erklärt Alban Bitz von der Firma Sofies Umweltmanagement aus Genf, die mit der Deza zusammenarbeitet. "In einem grossen Hotel beispielsweise konnten wir den Wasserverbrauch von 3000 auf 700 Liter pro Übernachtung senken, besonders durch eine Reihe von Massnahmen im Erneuerungs-Zyklus des Schwimmbadwassers."

Tunesien in Zahlen

Fläche: 163'610 km2 (etwa viermal die Schweiz)

Bevölkerung: 10,549 Millionen

Bevölkerungs-Wachstum pro Jahr (seit 1990): 1%

Lebenserwartung Frauen / Männer: 76,7 / 72,6 Jahre

Analphabetismus erwachsene Frauen / Männer: 29 / 13,6%

Bruttoeinkommen pro Kopf und Jahr: 4198 US-Dollar

Sparen für Investitionen

Vapca, der grösste Dattelproduzent Tunesiens, wo 1200 Personen, vor allem Frauen, arbeiten, ist eine der 75 Firmen, die von Schweizer Beratung profitieren konnten.

"Wir verbrauchen viel Energie für die Kühlung und viel Wasser fürs Waschen der Datteln", sagt Afef Ftouhi, Ingenieurin bei Vapca. "Unser Ziel war es, 5% dieses Konsums einzusparen. Dank einer Reihe von Massnahmen haben wir dieses Ziel erreicht."

Durch den geringeren Konsum konnten rund 30'000 Euro eingespart werden. "Wir wollen diesen Weg der Energieeinsparungen weiterzugehen, um so Gelder für andere Investitionen frei zu machen", erklärt sie. Und auf diese Art, hofft sie, neue Arbeitsplätze zu schaffen.


(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub), swissinfo.ch



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