Your browser is out of date. It has known security flaws and may not display all features of this websites. Learn how to update your browser[Schliessen]

Abgewiesene Asylbewerber


Mit Starthilfe zurück ins Heimatland - und dann?


Von Stefania Summermatter, Addis Abeba, Äthiopien


Die Schweiz zahlt seit 1997 Asylbewerbern, die freiwillig in ihr Herkunftsland zurück reisen, eine Rückkehrhilfe. Diese besteht aus 1000 Franken Starthilfe und bis zu 6000 Franken, um Projekte zur Existenzsicherung umzusetzen, etwa ein kleines Lebensmittelgeschäft. Doch längst nicht alle, welche die Schweiz verlassen, setzen das Vorhaben in ihrer Heimat um.

Zwei Äthiopier aus Addis Abeba berichten der swissinfo.ch- Journalistin über die Rückkehr und ihre anschliessenden Erfahrungen.

In einem Armenviertel an der Stadtgrenze von Addis Abeba hat Berhanu eine kleine Eisenwarenhandlung eröffnet. Nägel, Kabel und Glühbirnen liegen schön geordnet in den Gestellen, in einer Ecke steht verloren eine verstaubte Teekanne. Zwei junge Männer treten durch die Tür. Sie sind die ersten Kunden an diesem Tag, es ist bereits später Nachmittag. "Das Geschäft läuft nicht besonders gut".

Berhanus Laden für Eisenwaren läuft "nicht besonders". Dennoch kann er von den Einnahmen seine Mutter unterstützen. (swissinfo.ch)

Berhanus Laden für Eisenwaren läuft "nicht besonders". Dennoch kann er von den Einnahmen seine Mutter unterstützen.

(swissinfo.ch)

Als Berhanu 2010 in die Schweiz aufgebrochen war, träumte er von einem besseren Leben. Doch die Dinge sind nicht so gelaufen, wie er hoffte. Er flüchtete aus wirtschaftlichen Gründen aus Äthiopien, doch sein Asylgesuch wurde nach einem über zweijährigen Verfahren abgelehnt.

"Ich kann immerhin meine Mutter unterstützen"

Das Verdikt der Behörden war klar: Berhanu musste in sein Herkunftsland zurück. Mit einem verlegenen Lächeln erzählt er, wie er einige Monate durchzuhalten versuchte. Er lebte von 10 Franken am Tag. "Hier hörte man sagen, dass die Schweiz ein Land sei, das die Flüchtlinge aufnimmt und wo man gut leben kann. Ich habe es nicht geschafft. Was hätten die Freunde und Verwandten von mir gedacht, wenn ich mit leeren Händen zurückgekehrt wäre?"

Gründe für die Rückkehr waren letztlich die Einsamkeit, das Fehlen einer Perspektive, aber vor allem das Programm der Rückkehrhilfe. Davon profitierte auch Berhanu, indem er damit sein Geschäft lancieren konnte. "Ich verdiene wenig, doch ich kann immerhin meine Mutter unterstützen. In der Schweiz, ohne Arbeit, konnte ich nichts beiseitelegen. Dank diesem kleinen Laden konnte ich nun wieder von vorne beginnen".

Der Betrag, den die Asylbewerber erhalten, variiert von wenigstens 1000 Franken in bar bei der Rückkehr bis zu einem Maximum von 4000 Franken als Rückerstattung für die Entwicklung eines Projektes. In Nigeria, einem Land, das mit der Schweiz eine Migrationspartnerschaft eingegangen ist, kann die Rückkehrhilfe insgesamt bis zu 7000 Franken betragen.

Eckpfeiler der Migrationspolitik 

Die Rückkehrhilfe in Zahlen

Das Programm der Rückkehrhilfe wurde 1997 für die Vertriebene aus Bosnien-Herzegowina ins Leben gerufen, die infolge des Krieges im damaligen Jugoslawien in die Schweiz flüchteten.

Seit 1999 wurde es stufenweise auf rund 60 Länder ausgeweitet; daran teilgenommen haben 84'000 Personen. 2013 waren es rund 3500 Personen, darunter 7 äthiopischer Nationalität.

Im gleichen Jahr haben 246 äthiopische Staatsangehörige in der Schweiz ein Asylgesuch eingereicht. 28% haben den Flüchtlingsstatus erhalten: es handelt sich dabei vor allem um Aktivisten und Journalisten, die der momentanen Regierung kritisch gegenüber stehen.

Seit der Einführung 1997 wird das Programm Rückkehrhilfe des Bundes in der Schweiz regelmässig attackiert. Die Parteien vom rechten Flügel fürchten, dass die Vergabe von Geld das Land für Migranten nur noch attraktiver macht.

In einem Anfang Juni veröffentlichten Bericht zieht die Regierung jedoch eine positive Bilanz: das Instrument sei "effizient" und "wichtig", und eine Magnetwirkung sei nicht festzustellen, schreibt der Bundesrat.

Der vorgesehene Betrag liegt im europäischen Durchschnitt: nach Angaben des Bundesamtes für Migration garantiert Deutschland ein Maximum von 9300 Franken, Schweden 4150 und Italien 1800 Franken.

Anzufügen ist, dass die Rückkehrhilfe die Schweiz deutlich weniger kostet als eine Zwangsausschaffung. Ein Monat Ausschaffungshaft kostet den Staat rund 6000 Franken, eine Zwangsausschaffung per Flugzeug kann bis zu 15'000 Franken pro Person betragen.

Wenn das Umfeld nicht mehr dasselbe ist

Geld ist aber nicht der einzige Aspekt, weder für die Schweiz noch für die Migrantinnen und Migranten.

"Oft sind diese Leute bereits während Jahren weg von ihren Herkunftsländern und bei der Rückkehr werden sie sich bewusst, dass sich die Situation im Land verändert hat. Das Leben ist teurer geworden und das Umfeld nicht mehr das gleiche", erklärt Eskedar Tenaye, Verantwortliche für die Rückkehrhilfe bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM), in Addis Abeba.

In den letzten Jahren hat die äthiopische Hauptstadt eine beispiellose Entwicklung durchgemacht: Die Bevölkerung ist gewachsen, die Mietpreise sind gestiegen, während die Löhne praktisch unverändert blieben. "In einem ersten Schritt helfen wir diesen Leuten, ihre Erwartungen an die neue Realität des Landes anzupassen. Die Vorbereitungsphase ist für das Gedeihen eines Projektes von fundamentaler Wichtigkeit, vielleicht noch wichtiger als das zur Verfügung gestellte Kapital", unterstreicht Eskedar Tenaye. In Äthiopien wie in allen 24 Ländern, in denen die Schweiz die freiwillige Rückkehr fördert, übernimmt die IOM die Begleitung der Migranten und Migrantinnen.

Taxifahrer, Friseuse und Handel mit Edelsteinen

Am andern Ende der Stadt treffen wir Nigist, 37 Jahre alt und von auffallender Schüchternheit. Auch sie flüchtete aus Äthiopien "um ein besseres Leben zu beginnen". Eine Flucht im Flugzeug mit einem falschen Visum kostete sie 10'000 Dollar. "Ich dachte, dass ich Asyl bekomme und dann meinen Mann, Mirutse, nachkommen lassen könnte". Doch nach eineinhalb Jahren, immer noch auf Bescheid wartend und mit Tuberkulose angesteckt, entschied sich Nigist, zurückzukehren.

Mit dem Startgeld aus der Schweiz kann Nigist eine alte Familientradition fortführen - Handel und Bearbeitung von Edelsteinen. (swissinfo.ch)

Mit dem Startgeld aus der Schweiz kann Nigist eine alte Familientradition fortführen - Handel und Bearbeitung von Edelsteinen.

(swissinfo.ch)

Mit der Rückkehrhilfe ist sie und ihr Mann vor drei Monaten in den Handel mit Opalen eingestiegen. Sie kauften das Rohmaterial und eine Schleifmaschine. Nun suchen sie potenzielle Kunden in China und Europa. Das ambitiöse Projekt trägt im Moment noch keine Früchte.

Eskedar Tenaye erklärt uns, dass die Migranten und Migrantinnen ein Projekt, das sie am meisten Interessiert, wählen können, vorausgesetzt, dass sie über die notwendigen Kompetenzen verfügen, die sie weiterbringen. Taxifahrer und Friseuse. sind die bevorzugten Optionen. Und Nigist? "In ihrem Fall war die Verarbeitung von Opalen eine Familientradition, die sie weiterführen wollte, ein alter Traum." Für die IOM ist die Bilanz der Rückkehrhilfe in Äthiopien positiv: Die Migranten und Migrantinnen erreichen eine gewisse berufliche und soziale Stabilität, und Tenaye kennt niemanden, der wieder in die Schweiz zurückgekehrt oder in ein anderes Land emigriert ist.

Zurück kehren und wieder aufbrechen 

Diese Reportage wurde im Rahmen von eqda.ch realisiert, einem Journalisten-Austauschprojekt zwischen der Schweiz und Entwicklungsländern.

Der Bericht des Bundesrates wirft jedoch einige Fragen zur langfristigen Wirkung der Rückkehrhilfe für die Migranten und Migrantinnen auf.

Gemäss einer Evaluation der IOM, die zwischen Oktober 2012 und Oktober 2013 durchgeführt wurde, garantierten 69% der Projekte den Migranten ein effektives Einkommen. Es handelt sich jedoch um Teildaten, denn nur eine von zwei Personen (56%) wurde aufgefunden und hat bei der Studie mitgemacht. Und die Restlichen? Einige haben sicher die Stadt oder die Telefonnummer gewechselt. Andere haben den Weg ins Exil gewählt oder sich bei ihrer Rückkehr nie mit der IOM in Verbindung gesetzt.

In Addis Abeba denken weder Berhanu noch Nigist an einen erneuten Aufbruch. Für beide waren die Erfahrungen in der Schweiz schwierig und zu schmerzhaft. Doch Nigist fügt an: "Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragen würde, würde ich sagen, dass das Leben in Europa nicht einfach ist, doch ein Versuch könnte sich trotzdem lohnen. Wer weiss, vielleicht erginge es jemand anderem besser".


(Übertragung aus dem Italienischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch

×