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Gary Speed ist vielleicht der Urvater der walisischen Erfolgsstory. Ein Jahr hatte er die Nationalelf trainiert, seit knapp fünf Jahren ist er tot.

Gary Speed ist noch heute vielen ein Rätsel. Als er Ende 2010 Trainer der walisischen Fussball-Nationalmannschaft wurde, ging das an den meisten vorbei. Rugby ist Nationalsport der Waliser, dass der langjährige Captain namens Speed dem lahmenden Fussball neue Anerkennung verschaffen sollte, wurde zur Kenntnis genommen. Rund ein Jahr lang machte Speed den Job. Dann erhängte er sich in seiner Garage.

Das ist bis heute das grösste Rätsel. Speed war ein leidenschaftlicher Nationaltrainer, er packte die Spieler, wirkte in Fernsehinterviews kurz vor seinem Tod manchmal nervös, aber dennoch selbstbewusst. Er hat den Fussball in seinem Land verändert. "Er hat zu uns auf eine Art und Weise gesprochen, dass es alle verstehen, immer auf Augenhöhe", sagte sein Ex-Spieler Craig Bellamy einmal. Warum sich Speed umbrachte, weiss auch Bellamy nicht.

Bellamy galt zu seiner aktiven Zeit als "Enfant terrible", er war ein schwer zu trainierender Spieler. Seinem früheren Trainer bei Newcastle United hatte er einmal einen Stuhl an den Kopf geworfen. Als Bellamy kurz nach Speeds Tod in einem Fernsehstudio sprach, war er den Tränen nahe. "Sein Einfluss auf die ganze Struktur des walisischen Fussballs war so gross. Zum Beispiel, dass wir alle die Hymne singen sollten. Er hat so viel getan."

Fast fünf Jahre nach Speeds Tod sind die Umstände noch immer ein Rätsel. Der damals 42-Jährige hinterliess seine Frau und zwei Kinder. Chris Coleman wurde 2012 Nachfolger seines Freundes. Dass er diesen Trainerposten bekomme, sei "bittersweet" für ihn, sagte er bei seiner Vorstellung. "Ich war ein sehr enger Freund von Gary seit 30 Jahren. Ich bekomme diesen Job wegen Umständen, die keiner vorhersehen konnte."

Aus dem schwierigen Erbe wurde eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Coleman startete die neue Aufgabe mit Sensibilität und Feinfühligkeit. Er versuchte nicht, grosse Dinge zu verändern, er setzte die Philosophie seines Vorgängers fort. Wales steht auch deshalb im Halbfinal der EM in Frankreich, weil es immer noch so leidenschaftlich spielt wie Speed es den Spielern eingeimpft hatte.

"Er hat die Art verändert, wie wir spielen, unsere ganze Mentalität", sagte Superstar Gareth Bale über seinen Ex-Coach. In kaum einem Spiel dieser aus walisischer Sicht begeisternden EM wurde das deutlicher als im Viertelfinal gegen Belgien (3:1). Die hochtalentierten Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Co. waren von der Energie der Briten zeitweise völlig überrumpelt worden.

Es ist schon ein wenig erstaunlich, dass Coleman diesen so schwierigen Job zu seiner bisher erfolgreichsten Trainerstation gemacht hat. Nach einer jahrelangen Irrfahrt durch die internationalen Fussballprovinzen hat er die walisische Nationalmannschaft mit dem Halbfinal-Einzug zum grössten Erfolg ihrer Geschichte geführt. Was ihn umso mehr zurückdenken lässt.

"Wir dürfen niemals vergessen, was wir alles tun mussten, um in diese Situation zu kommen", sagte er nach dem Sieg gegen Belgien. "Wir dürfen niemals unseren Glauben, unsere Identität vergessen." Es werde immer schwierig sein in der Zukunft, hatte Coleman bei seiner Vorstellung als Speeds Nachfolger Anfang 2012 gesagt. Erfolg hatte er dennoch.

sda-ats

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