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Obwohl Fälle von "Sozialhilfetourismus" immer wieder für Schlagzeilen sorgen, kommen sie laut einem neuen Bericht nur selten vor. Wer in einer Stadt neu Sozialhilfe bezieht, lebte zumeist schon vorher dort. (Symbolbild)

Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

(sda-ats)

Wer in einer Stadt neu Sozialhilfe bezieht, lebte zumeist schon vorher dort. Nur jeder Zwölfte zog zu. Dies zeigt ein Bericht der Berner Fachhochschule und der Städteinitiative Sozialpolitik. Fälle von "Sozialhilfetourismus" seien selten.

"Die räumliche Mobilität in der Sozialhilfe ist gering", erklärte Nicolas Galladé, Präsident der Städteinitiative Sozialhilfe und Winterthurer Stadtrat, am Dienstag vor den Medien in Bern. Die grösste Schweizer Stadt, Zürich, habe letztes Jahr nur 170 Fälle verzeichnet, in denen jemand bereits vor dem Zuzug woanders Sozialhilfe bezog - bei einer Gesamtzahl von 12'000 Fällen.

Zwar wird laut Galladé die These immer wieder aufgegriffen, dass Menschen von Ort zu Ort ziehen, um immer neue Sozialhilfe zu beziehen. In den 13 untersuchten Städten fand sich dafür aber kein Beleg. "Es handelt sich um Einzelfälle, die nicht ins Gewicht fallen."

Dennoch sorgen diese schweizweit immer wieder für Schlagzeilen - so wie der Fall eines Sozialhilfebezügers von Berikon, der jegliche Kooperation mit der Aargauer Gemeinde verweigert hatte und 2012 vor Bundesgericht recht erhielt. Unteressen hat er sich in eine andere Gemeinde niedergelassen. Für Galladé vergifteten solche Einzelfälle das Klima zwischen Gemeinden und stigmatisierten Armutsbetroffenen.

Stabile Zahlen in grossen Städten

In den grossen Schweizer Städten bleibt die Zahl der Sozialhilfefälle relativ stabil, wie es in dem jährlich erscheinenden "Kennzahlenvergleich zu Sozialhilfe in den Schweizer Städten" heisst. Lausanne konnte die Sozialhilfequote im letzten Jahr gar von 9,2 auf 8,8 Prozent senken. Ebenfalls einen leichten Rückgang verzeichneten Zürich und Bern.

Die neuen Sorgenkinder der Städteinitiative Sozialhilfe sind die mittelgrossen Städte. In Winterthur stieg die Zahl der neuen Sozialhilfefälle zwischen 2010 und 2015 um rund 30 Prozent. In den Städten Zug, Luzern, Schlieren ZH, Uster ZH und Schaffhausen schwankte die Zunahme zwischen 14 und 23 Prozent.

Rechnet man das Bevölkerungswachstum mit ein, ist die Sozialhilfequote in Winterthur seit 2011 um 0,7 Punkte auf 5,3 Prozent gestiegen. In Luzern und in Schaffhausen ist es ein Anstieg um 0,4 Prozentpunkte auf 3,5 respektive 3,2 Prozent. Damit sind diese Städte aber entfernt von Biel, das die Statistik mit einer Quote von 11,6 Prozent weiterhin anführt (Vorjahr 11,5).

Arme weichen auf Agglos aus

Mit ein Grund für den Anstieg bei der Sozialhilfe in den mittelgrossen Städten ist das Wohnungsangebot. Es werde kaum mehr günstiger Wohnraum geschaffen, kritisierte Galladé. Für Arme sei es deshalb schwierig, eine Wohnung zu finden. In der Folge weichen sie auf Agglomerationsgemeinden oder mittelgrosse Städte aus.

Dazu trägt auch der Wegfall von Jobs für niedrig Qualifizierte bei. Besonders spürbar sei dieser wirtschaftliche Wandel in Städten mit industrieller Vergangenheit wie Winterthur, Schaffhausen oder Biel, erklärte Galladé. Als anfälliger erweisen sich auch Städte, die Zentrumslasten zu tragen haben.

Längere Bezugsdauer

Erschwerend kommt hinzu, dass die durchschnittliche Bezugsdauer der Sozialhilfe in den untersuchten Städten auf 42 Monate gestiegen ist. Je länger aber jemand Sozialhilfe beziehe, desto schwieriger werde es, aus ihr rauszufinden. Entscheidend sei eine frühe Intervention, sagte Galladé.

Aus Sicht der Städteinitiative Sozialhilfe lohnt es sich deshalb, neue Sozialhilfebezüger intensiv zu beraten und in Bildung und Weiterbildung zu investieren. Pionierarbeit leistet in dieser Hinsicht die Stadt Lausanne, die 2014 ein Spezialprogramm für junge Arbeitslose lanciert hat, die Sozialhilfe beziehen.

sda-ats

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