Festnahmen im Tessiner Migrationsamt in Fall von Menschenhandel


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Das Tessiner Migrationsamt wird derzeit von einem Korruptionsfall erschüttert. Insgesamt sechs Personen sind am Dienstag und Mittwoch im Rahmen von Ermittlungen festgenommen worden.

KEYSTONE/TI-PRESS/BENEDETTO GALLI

(sda-ats)

Im Tessin schlägt ein mutmasslicher Korruptionsfall um das kantonale Migrationsamt hohe Wellen. Nach vier Verhaftungen am Dienstag, klickten am Mittwoch bei zwei weiteren Personen die Handschellen.

Eine 23-jährige ehemalige Mitarbeiterin des Tessiner Migrationsamts aus dem Raum Bellinzona sei am Mittwoch wegen Diebstahls und Verstosses gegen das Ausländergesetz festgenommen worden, teilte die Tessiner Kantonspolizei am Mittwochabend mit. Wegen des gleichen Tatverdachts wurde ebenfalls ein in Bellinzona wohnhafter 27-jähriger Türke festgenommen.

Im Rahmen der Hausdurchsuchungen bei den betreffenden Personen seien Sicherheitspapier und Plastikhüllen gefunden worden. Diese kämen für das Erstellen von Aufenthaltsbewilligungen für Ausländer zum Einsatz, so die Kantonspolizei. Erste Ermittlungen hätten ergeben, dass die 23-Jährige die Materialien an ihrem ehemaligen Arbeitsplatz unterschlagen habe, um sie dann an den 27-Jährigen auszuhändigen.

Damit erweitert sich der Kreis der Tatverdächtigen in einem Fall von mutmasslichem Menschenhandel und Bestechung im Tessiner Migrationsamt.

Erst am Mittwochmorgen wurde bekannt, dass ein aktueller Mitarbeiter und eine ehemalige Mitarbeiterin des Tessiner Migrationsamts am Tag zuvor festgenommen worden waren. Sie sollen zusammen mit zwei ebenfalls festgenommenen Komplizen zahlreichen ausländischen Personen Aufenthaltsbewilligungen im Tessin und anderen Kantonen "vermittelt" haben, obwohl diese darauf gar kein Anrecht hatten.

Illegale "Vermittlung" von Bewilligungen

Dem 28-jährigen Mitarbeiter und der Ex-Mitarbeiterin gleichen Alters werde Diebstahl, Bestechung und ein Verstoss gegen das Ausländergesetz vorgeworfen, teilte die Tessiner Kantonspolizei am Mittwoch mit. Die beiden haben laut der Kantonspolizei einen 25-Jährigen bei der illegalen "Vermittlung" von Aufenthaltserlaubnissen unterstützt - in welcher Form sei derzeit noch Gegenstand von Ermittlungen.

Der 25-Jährige, welcher früher eine Baufirma im Raum Bellinzona besass, sei bereits in der Vergangenheit im Kosovo festgenommen worden. Gegen ihn sei zudem ein Haftbefehl ausgestellt worden. Ihm werden Menschenhandel, Bestechung, Dokumentenfälschung und Verstösse gegen das Ausländergesetz vorgeworfen. Der Vermittler soll für seine Dienste laut der Staatsanwaltschaft "mehrere tausend Franken" eingestrichen haben.

Ein weiterer Mann im Alter von 27 Jahren wurde festgenommen, weil er ebenfalls auf verschiedene Weise in den Fall verwickelt sein soll.

Politische Reaktion folgt auf dem Fuss

Der mutmassliche Fall von Menschenhandel rief am Mittwoch auch die politischen Verantwortlichen auf den Plan. Sicherheitsdirektor Norman Gobbi (Lega) verurteilte den "Vertrauensmissbrauch" an einer Medienkonferenz in Bellinzona aufs Schärfste.

Die internen Kontrollen im Migrationsamt seien effizient gewesen und hätten zur Aufklärung beigetragen, so Gobbi. Ausserdem sei innerhalb des Tessiner Migrationsamts in der Zwischenzeit eine "Neuorganisation" eingeleitet worden, welche auch auf den Polizeiermittlungen in dem mutmasslichen Korruptionsfall beruhe.

Seit 2011 werden laut Gobbi beim Tessiner Migrationsamt nur noch Schweizer eingestellt. So könne das "Missbrauchsrisiko" gemindert werden - der nun mutmasslich straffällige Mitarbeiter aus Italien sei 2010 angeheuert worden. Erst später habe er die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten, so Gobbi.

Bewilligungen könnten ungültig sein

Der Hinweis auf den mutmasslichen Fall von Menschenhandel war von der Abteilung für Bevölkerungsfragen innerhalb des Tessiner Sicherheitsdepartements gekommen. Daraufhin wurden im vergangenen Jahr die Ermittlungen aufgenommen. In der Zwischenzeit wurde die Interimschefin der Sektion für Bevölkerungsfragen durch den neuen Leiter Thomas Ferrari ersetzt. Er war ebenfalls am Medienanlass in Bellinzona anwesend, konnte jedoch im Hinblick auf das laufende Verfahren nur sehr begrenzt Auskunft geben.

Er liess aber bereits durchblicken, dass jene B-Bewilligungen, welche von Kantonsfunktionären im Zusammenhang mit einer mutmasslichen Straftat ausgestellt worden seien, ihre Gültigkeit verlören.

SDA-ATS

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