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In der Gruppe F treffen die hoch einzuschätzenden Portugiesen auf Gegner, die lange Entwicklungsphasen und Aufstiege hinter sich haben. Österreich, Ungarn und Island sind hungrig und unberechenbar.

Es wäre falsch, die portugiesische Auswahl nur auf ihren magischen Captain Cristiano Ronaldo zu reduzieren. Die "Selecção" ist in Spielen gegen defensive Kontrahenten zwar über Gebühr auf den Rekordskorer von Real Madrid angewiesen, aber im Kader von Fernando Santos steckt neben internationaler Routine auch die nicht zu unterschätzende Substanz einiger grossartiger Talente.

Hinter dem dreifachen "Weltfussballer des Jahres" formiert sich womöglich eine nächste Generation, welche die Qualität und Klasse aufweist, im europäischen Fussball tiefe Spuren zu hinterlassen. Der portugiesische Verband orientiert sich im Nachwuchsbereich nur an den Besten. Die Resultate seiner Bestrebungen sind ausgezeichnet.

Dank der Kooperation mit den führenden Klubs Benfica, Sporting und dem FC Porto haben die Portugiesen ein breites Fundament für die mittelfristige Zukunft geschaffen. Seit dem WM-Finalvorstoss der U20 haben sich der Reihe nach die U19, die U21 und vor knapp zwei Wochen die U17 für die europäischen Endspiele qualifiziert.

Sportings Versprechen William Carvalho, um das sich Manchester United intensiv bemüht, und Portos Danilo gehören zu den aufstrebenden Kräften mit Finalerfahrung auf höchstem Junioren-Level. Nationalcoach Santos wird zwar weiterhin auf über 50 Prozent jener Stammelf setzen, die 2012 im Halbfinal erst im Penaltyschiessen an Spanien gescheitert ist, die Ausbildungserfolge honoriert er aber.

Mit der Nominierung des erst 18-jährigen Renato Sanches bekräftigte der erfahrene Selektionär das Vertrauen in die kommenden Stars. Innert Kürze hat sich der Regisseur beim Champion Benfica vom Debütant zur Schlüsselfigur der Rückrunde entwickelt.

Nach der EURO setzt das Juwel den steilen Aufstieg in München fort. Die Bayern haben in einer ersten Tranche 35 Millionen in die portugiesische Hauptstadt überwiesen; der "Rasta-Boy" besitzt alle Anlagen, bereits in Frankreich das Publikum mit einer Prise Magie zu beglücken.

Österreichs Argumente

Hinter dem prominenten Gruppenkopf ist die Ausgangslage ziemlich offen. Österreich bringt aufgrund der Eindrücke in der nahezu perfekten Qualifikation ohne eine einzige Niederlage gute Argumente mit, direkt unter die Top 16 vorzustossen. Das Gros der Leistungsträger besitzt einen Stammplatz in der deutschen Bundesliga und der Premier League; Captain Christian Fuchs gehört zu Leicesters Märchenprinzen - im Gegensatz zu Gökhan Inler stand er bei der wunderbaren Story im Zentrum.

Marcel Kollers Equipe versteht sich primär als ausgezeichnet organisiertes Kollektiv. Der Schweizer Chef-Stratege geniesst im ÖFB-Land nach einer kurzen Phase der Skepsis ein derart hohes Ansehen, dass selbst die zahllosen einheimischen Ski-Ikonen vor Neid erblassen müssten. Niemand nahm dem ergrauten Trainer aus Schwamendingen übel, dass er sich lange zierte, bis er die abermals gegen oben hin angepasste Vertragsofferte annahm. Mit einer 54-prozentigen Erfolgsquote - Koller hat die Granden der Vergangenheit allesamt überflügelt - lässt sich gut pokern.

Islands Premiere

Das Reservoir an guten Geschichten ist in Island prall gefüllt. Fast hinter jeder Figur steht ein spezielles Kapitel. Wenn sich eine Mini-Nation mit etwas mehr als 332'000 Einwohnern für den zweitgrössten Event in der Weltsportnummer 1 qualifiziert, muss der Background aussergewöhnlich sein.

Nicht alltäglich ist beispielsweise das Curriculum Vitae des Torhüters. Hannes Halldorsson beherrscht nicht nur sein Kernmetier gut. Neben Bällen fängt er auch Bilder ein - nicht als Städte-Tourist, sondern als professioneller Regisseur. Im Werbe- und Filmbusiness hat sich der Sportler einen exzellenten Namen geschaffen, nun will der einst übergewichtige und für nicht wettkampftauglich eingeschätzte Keeper auch auf der EM-Bühne einen internationalen Kassenschlager inszenieren.

Der unkonventionelle Goalie wird von einer Gruppe von jungen Unbekümmerten unterstützt, die vor ein paar Jahren den Nachwuchs von Weltmeister Deutschland in einem entscheidenden Qualifikationsspiel der EM-Kampagne mit 4:1 demütigte. Nur ein schöner Zufall ist das Gastspiel in Frankreich nicht.

Ungarns Comeback

Während drei Jahrzehnten darbte Ungarns früheres Prunkstück, die Nemzeti Tizenegy, die Nationelf. Koryphäen wie Ferenc Puskas, weniger Bekannte wie der Ex-Luzerner Bertalan Bicskei, der deutsche Celebrity-König Lothar Matthäus, der niederländische Europameister Erwin Koeman, sie alle blieben als Trainer mit der Nationalmannschaft in der Versenkung stecken. Pal Dardai, inzwischen Chefcoach bei Hertha Berlin, leitete die Flucht nach vorne ein, Bernd Stock, während Jahren primär Entwicklungshelfer in Kasachstan und später U21-Trainer von Olympiakos Piräus, gelang die perfekte Fortsetzung.

Ungarn ist zurück, die Magyaren dürfen wieder träumen. 2015 hat die solide Mannschaft kein Spiel verloren. An der Basis stehen Professionals aus der eigenen Liga. Verbandspräsident Sandor Csanyi führt die Rückkehr in den Kreis der erweiterten Elite vor allem auf die Einführung eines Akademie-Systems zurück. Zudem habe die Qualität der Infrastruktur der Klubs in den letzten sechs Jahren massiv zugenommen; die Stadien seien erneuert oder renoviert worden. Kurzum: Es wurden Grundlagen geschaffen, um mit den Junioren nachhaltige Fortschritte zu erzielen.

Portugal: Der "CR7"-Effekt

Auf den desaströsen Start gegen die albanischen Emporkömmlinge (0:1) reagierten Cristiano Ronaldo und Co. glänzend. Der Captain orchestrierte mit fünf Treffern den Umschwung. Dank sieben Siegen in Serie haben die hoch dotierten Südeuropäer den Cut letztlich problemlos überstanden.

Fernando Santos, seit Paulo Bentos Rückzug im Herbst vor zwei Jahren im Amt, setzt seine Mannschaft unter Druck. Nach drei Top-3-Klassierungen an den letzten vier EM-Endrunden hat der Trainer die ganz fetten Schlagzeilen im Sinn. Er halte den Titelgewinn als Zielsetzung nicht für vermessen, posaunte Santos via der Nachrichtenagentur Lusa. Portugals Reichweite hängt nach wie vor in erster Linie von der Verfassung des dreifachen Weltfussballers des Jahres Ronaldo ab, der in seinen sieben Saisons in der spanischen Liga für Real Madrid den fast unvorstellbar hohen Output von 260 Tore erreichte. An guten Tagen ist der 125-fache Nationalspieler von keiner Defensivreihe zu stoppen. 13 wichtige Klub-Trophäen hat der 31-Jährige gewonnen - nur EM- oder WM-Gold fehlen im Palmarès von "CR7".

Portugal in Zahlen. - Einwohner: 10,8 Millionen. - Hauptstadt: Lissabon. - Gründung des Verbandes "Federação Portuguesa de Futebol": 1914. - FIFA-Ranking: 8 . - Bisherige EM-Teilnahmen (6): 1984, 1996, 2000, 2004, 2008, 2012. - Bestes EM-Resultat: Final (2004). - Qualifikation: Sieg in der Gruppe I (8 Spiele/21 Punkte). - Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Cristiano Ronaldo (Real Madrid) mit 5 Toren. - Bekannteste Spieler: Cristiano Ronaldo, Pepe (Real Madrid), Danny (Zenit St. Petersburg), Nani (Fenerbahce), Renato Sanches (Benfica Lissabon). - Trainer: Fernando Santos (POR/seit 2014)

Österreich: Der Klubteam-Groove

Marcel Koller führt das Nationalteam wie ein Klubteam. Seit seiner Verpflichtung Anfang November gruppierte er einen harten Kern von Spielern um sich, die seine Ideen von Teamwork konsequent umsetzen.

Auf Formschwankungen im Liga-Alltag ging der Wahl-Wiener aus Zürich nur vereinzelt ein. Seine Strategie wurde zu Beginn von einem kleinen Zirkel der Cordoba-Clique um Herbert Prohaska belächelt. Die prominenten Kritiker schweigen längst oder haben sich inzwischen kleinlaut entschuldigt. Koller widerlegte sämtliche (Negativ-)-Prognosen. Souverän wie ansonsten nur die verlustpunktlosen Engländer qualifizierte sich Österreich zum ersten Mal seit den französischen WM-Festspielen 1998 auf sportlichem Weg für eine Endrunde. Vor Koller verneigt sich die halbe Nation, die Spieler schwärmen vom Klima und der hohen Leistungskultur im Kreis der ÖFB-Auswahl. 25 Prozent der Bevölkerung hält sogar einen Vorstoss in die Viertelfinals für möglich.

Österreich in Zahlen. - Einwohner: 8,7 Millionen. - Hauptstadt: Wien. - Gründung des Verbandes "Österreichischer Fussball-Bund": 1904. - FIFA-Ranking: 11. - Bisherige EM-Teilnahmen (3): 1960, 1964, 2008. - Bestes EM-Resultat: Viertelfinal (1960/Teil der Qualifikation). - Qualifikation: Sieg in der Gruppe G (10 Spiele/28 Punkte). - Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Marc Janko (Basel) mit 7 Toren. - Bekannteste Spieler: Christian Fuchs (Leicester), Aleksandar Dragovic (Dynamo Kiew), Marko Arnautovic (Stoke), David Alaba (Bayern München). - Trainer: Marcel Koller (SUI/seit 2011).

Ungarn: Das Ende der Depression

In den Fünfzigerjahren prägte die ungarische Auswahl um die Budapester Ausnahmeerscheinung Ferenc Puskas den Welt-Fussball. Nach einer letzten Renaissance 1966 verschwanden die Magyaren für mehrere Dekaden vom internationalen Radar.

Ein deutscher Trainer namens Bernd Storck fand im vergangenen Herbst einen Ausweg aus der 30-jährigen Depression. Ohne Stars, aber mit einem erfahrenen und robusten Kern aus der ungarischen Liga schaltete der vergessene Aussenseiter im Playoff dank zwei Siegen Norwegen aus. Das einst in Dortmund sozialisierte Duo an der Seitenlinie machte einen guten Job. Storck, im Zenit seiner Schaffenskraft als Spieler mit dem BVB Cupsieger, harmoniert mit dem Ex-Weltmeister und Champions-League-Sieger Andy Möller gut. Aus der deutschen Präzisionsarbeit und dem Temperament der Einheimischen resultierte ein gewinnbringender Synergieeffekt.

Ungarn in Zahlen. - Einwohner: 9,9 Millionen. - Hauptstadt: Budapest. - Gründung des Verbandes "Magyar Labdarugo Szövetsec": 1901. - FIFA-Ranking: 18. - Bisherige EM-Teilnahmen (2): 1964, 1972. - Bestes EM-Resultat: Halbfinal (3./1964). - Qualifikation: Sieg im Playoff gegen Norwegen (1:0/2:1). - Beste Torschützen in der EM-Qualifikation: Daniel Böde (Ferencvaros), Krisztian Nemeth (Al-Gharafa), Tamas Priskin (Bratislava), mit je 2 Toren. - Bekannteste Spieler: Gabor Kiraly (Haladas), Balazs Dzsudzsak (Bursaspor), Zoltan Gera (Ferencvaros), Adam Szalai (Hannover). - Trainer: Bernd Storck (GER/seit 2015).

Island: Der Coup mit Ankündigung

Auf der Insel mit rund 332'000 Einwohnern wurde während Jahrzehnten vor allem die Affinität zum Handballsport zelebriert. 33-mal waren die Isländer an EM-, WM- und Olympia-Turnieren vertreten. Die Fussballer drängen nun aber mehr denn je ins Rampenlicht. Ihre brillante EM-Kampagne warf international hohe Wellen.

Experten loben die Mini-Nation für ihre maximale Nachwuchsförderung. Der Mut zur Innovation und eine Generation ohne jegliche Komplexe haben in der kleinen isländischen Fussballszene rund um den Hotspot Reykjavik einen kräftigen Aufschwung ausgelöst. Bei lediglich 20'000 Lizenzierten muss der Verband die Talente gezielt fördern; deshalb investierten die Nordeuropäer zuerst in die Trainerausbildung, um im personellen Bereich möglichst viel Knowhow anbieten zu können. Parallel dazu entwarf der Technik-Direktor Sigurdur Ragnar Eyjolfsson vor 14 Jahren einheitliche Pläne zur Entwicklung der Junioren, die wegen des rauen Klimas vorwiegend in speziellen Fussball-Hallen trainierten. Ohne Ansage kam die märchenhafte Direkt-Qualifikation auf Kosten von Holland, der Halbfinalist der letzten WM unterlag in beiden Spielen, und der Türkei nicht. Auf dem Weg an die U21-EM 2011 deklassierten die Isländer Deutschland mit dem späteren Weltmeister-Abwehrchef Mats Hummels 4:1. Die damaligen Torschützen Bjarnason, Sigurdsson, Sigthorsson und Finnbogason gehören allesamt zum EM-Stamm.

Island in Zahlen. - Einwohner: 332'750. - Hauptstadt: Reykjavik. - Gründung des Verbandes "Knattspyrnusamband Islands": 1947. - FIFA-Ranking: 35. - Keine bisherigen EM-Teilnahmen. - Qualifikation: 2. der Gruppe A (10 Spiele/20 Punkte). - Bester Torschütze in der EM-Qualifikation: Gylfi Sigurdsson (Swansea) mit 6 Toren. - Bekannteste Spieler: Eidur Gudjohnsen (Molde), Alfred Finnbogason (Augsburg), Gylfi Sigurdsson, Ragnar Sigurdsson (Krasnodar), Kolbeinn Sigthorsson (Nantes). - Trainer: Lars Lagerbäck/Heimir Hallgrimsson (SWE/ISL, seit 2011/2013).

sda-ats

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