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Island schreibt an der EM in Frankreich das Fussball-Märchen schlechthin. Nun wartet auf die Wikinger am Sonntag im Stade de France mit dem Duell gegen den Gastgeber der ultimative Test.

Spätestens seit dem Achtelfinal-Coup gegen England hält das kleinste Teilnehmerland der EM-Geschichte Fussball-Europa in Atem. Vom ganzen Kontinent fliegen den Wikingern, die auch nach vier EM-Spielen noch ungeschlagen sind, die Sympathien zu. Der Inselstaat mit seinen 330'000 Einwohnern schreibt in Frankreich seine eigene Geschichte des kleinen David, der am Sonntag mit dem Gastgeber den nächsten Goliath ärgern will.

Die Isländer haben an der Rolle des Underdogs gefallen gefunden. "Frankreich kann nur verlieren, das wäre grausam für die ganze französische Nation", sagte Trainer Heimir Hallgrimsson und fügte süffisant an: "Wenn du solche individuelle Qualitäten wie Frankreich hast, solltest du Island schlagen." Hallgrimsson und sein Kollege Lars Lagerbäck schickten in den bisherigen vier Partien immer dieselbe Startformation aufs Feld. Und auch gegen Frankreich dürfte sich dies nicht ändern, nachdem der angeschlagene Captain Aron Gunnarsson, der mit seinen weiten Einwürfen bislang für Furore sorgte, am Freitag ins Training zurückgekehrt ist.

Ein Motivationsvideo mit Bildern vom Public Viewing aus der Heimat, den schönsten Szenen der EM mit dem berühmten Kommentar von TV-Reporter Gudmundur Benediktsson und einer Gruss-Botschaft von Hollywood-Schauspieler Willem Dafoe, das am Freitag veröffentlicht wurde, hat Islands Helden vor der Partie gegen England zusätzlichen Schwung verliehen. Weiterer Motivationsbedarf ist vor dem Viertelfinal nicht nötig. "Es ist das grösste Spiel unserer Geschichte. in Frankreich auf Frankreich zu treffen, ist fantastisch", sagt Birkir Bjarnason. Der Mittelfeldspieler des FC Basel hatte mit seinem 1:1-Ausgleich im Startspiel gegen Portugal den Startschuss zum isländischen Sommermärchen gegeben.

Diskussionen im französischen Lager

Im Lager des Gastgebers gaben sich die Exponenten vor dem Duell mit dem Underdog demütig. "Viele haben Island unterschätzt", sagte Verteidiger Bacary Sagna. "Wir unterschätzen Island nicht, es ist bislang eine der besten Mannschaften." Die Franzosen haben sich zwar souverän, aber ohne zu überzeugen bis in die Viertelfinals gespielt. Vor allem in der Startphase der vier Partien tat sich der Gastgeber jeweils schwer; alle sechs bisherigen Treffer fielen erst nach der Pause.

Vor dem Duell mit Island entbrannte um die Taktik von Trainer Didier Deschamps eine öffentliche Diskussion, nachdem "Les Bleus" gegen Irland erst nach der taktischen Umstellung in der Pause in Fahrt gekommen waren. Entscheidet sich der Welt- und Europameister nun gegen Island anstelle des gesperrten N'Golo Kanté mit Yohan Cabaye für die defensivere oder mit Flügelstürmer Kingsley Coman für die offensivere Variante? Als Ersatz für den ebenfalls gesperrten Innenverteidiger Adil Rami deutet vieles darauf hin, dass der 22-jährige Samuel Umtiti zu seinem Länderspieldebüt kommt.

Zu reden gibt auch Paul Pogba. Der 23-Jährige gibt Rätsel auf. Die Agentur "AFP" bezeichnete den Mittelfeldspieler von Juventus Turin als "Phantom" neben und als "Schatten" auf dem Spielfeld. Seit Beginn der Vorbereitung auf das Heimturnier am 17. Mai in Biarritz ist der designierte Star des Heimteams nie vor die Medien getreten. Und auf dem Feld blieb Pogba seiner Reputation bislang einiges schuldig.

Seine beste Leistung zeigte er beim 0:0 gegen die Schweiz, als er zweimal die Latte traf. Beim 2:1 gegen Irland im Achtelfinal verschuldete er den Penalty, der zum frühen Rückstand der Franzosen führte. Am meisten zur Reden gab bislang aber eine abfällige Geste nach dem Sieg gegen Albanien, als Pogba erst in der Pause eingewechselt worden war. TV-Bilder entlarvten ihn mit dem "bras d'honneur", dem kurz angewinkelten Arm mit erhobener Faust, der in Frankreich als "Gruss" der eher obszöneren Art gilt. Erklärt hat sich Pogba seither nicht. Am Sonntag könnte er auf dem Platz die beste Antwort geben.

sda-ats

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