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Das Schweizer Nationalteam kann mit einem Sieg gegen Polen im EM-Achtelfinal nicht nur die eigene Zukunft prägen, sondern die Grenzen eines ganzen Fussball-Landes verschieben.

Es wäre durchaus im Sinne der Schweizer, würde sie ihre Tour de France unter die Top 8 führen. Saint-Etienne soll ein weiterer Zwischenstopp sein, aber keinesfalls das Ende einer bisher perfekt geplanten Reise. Weitreichendere Pläne sind aufgrund der bisherigen Kampagne zulässig.

Konkrete Prognosen veröffentlichte niemand aus der SFV-Delegation, der Druck ist ohnehin gross genug. Die Chance, in der Schweiz eine flächendeckende Euphorie auszulösen, wurde unisono bei neutralen 50 Prozent beziffert. Kurzum: Polen ist zwar greifbar, aber ein Kontrahent mit Klasse.

Seitens der Osteuropäer sind zumindest die Kommentatoren gedämpft optimistisch. Das Ensemble um Captain Robert Lewandowski gilt beim zweifachen WM-Dritten als die beste Ausgabe seit dem erfolgreichen Gastspiel an der Weltmeisterschaft 1982 in Spanien. Damals führte Zbigniew Boniek Regie; nur schon der Vergleich mit der Mannschaft der Juve-Ikone sagt einiges über das polnische Volumen aus.

Gewinner Petkovic

Hinter dem Schweizer Team liegen angenehme Camp-Wochen im Süden und erfolgreiche Spieltage im Norden. Die erwünschte Dynamik hat sich entwickelt, der Spassfaktor ist spürbar, das Selbstverständnis wächst täglich. Und die Projektionsfläche wird immer grösser, das Interesse nimmt extrem zu. Die TV-Ratings deuten im Zusammenhang mit dem Nationalteam auf eine eigentliche Trendwende hin.

Vor dem Turnier überwog im weiteren Umfeld die Skepsis, von einem Sympathievorschuss profitierte die Nationalmannschaft nicht. Kritische Voten kursierten, die Identifikationsfragen flammten immer wieder auf. Die Exponenten hatten sich fortwährend mit peripheren Themen zu befassen.

"Wir müssen vielleicht neben dem Platz noch mehr Werbung in eigener Sache müssen", hatte Yann Sommer erklärt. Die Agenda hat sich grundlegend verändert. Inzwischen werden wunderbare Passquoten und Ballbesitzprozente analysiert, der fussballerische Background ist mittlerweile zentraler als der Migrationshintergrund.

Gut für das Team, gut für den Chef an der Linie: Vladimir Petkovic kann sich endgültig von allen Schattierungen lösen. Die notorischen Vorbehalte hat der Coach mit der bisherigen Performance beträchtlich verringert, überstünde er bei seiner Turnier-Premiere den Achtelfinal, würde er sie gar glatt vom Tisch wischen.

Anders als Ottmar Hitzfeld in Südafrika hat der Tessiner Stratege bisher keinen taktischen Fehler gemacht. Er nominierte die optimale Elf - und er hielt an ihr bis auf eine Ausnahme fest; kein Poker, sondern nur eine einheitliche Linie, ein unumstössliches Commitment für die Stammkräfte.

Petkovic hatte bereits während der vereinzelt zähflüssigen Qualifikationskampagne smart und couragiert gecoacht. In Frankreich (und eigentlich schon vorher) wog er die Rollenverteilung so ab, dass auf den zentralen Positionen kein Prozent Energie verloren ging - Granit Xhakas Spielraum war nie umfassender, von Blerim Dzemaili liesse sich Ähnliches sagen.

Auf dem Rasen funktioniert das Kollektiv. Die Schweizer kompensierten sogar die offensiven Defizite von Xherdan Shaqiri und Haris Seferovic. Atmosphärische Störungen sind keine auszumachen, die gegenseitige Akzeptanz ist kein PR-Entwurf. Die positiven Ergebnisse haben der ambitionierten Interessengesellschaft gutgetan, die zweite Reihe um Charakterköpfe wie Fabian Frei, Michael Lang oder Roman Bürki ist sich ihrer Verantwortung bewusst.

Ein prägender Coup?

Der Erfolg basiert auf guter Organisation. Die Schweizer wissen ihre Qualitäten einzuschätzen. Und anders als beispielsweise bei den geradezu naiv forschen Österreichern ist der SFV-Fundus an internationalen Erfahrungswerten von aussagekräftiger Qualität.

Immer wieder deponierten die Protagonisten selber den Hinweis, innerhalb der letzten 24 Monate abermals Fortschritte erzielt zu haben. Die eigene Wahrnehmung ist durchaus zu ihren Gunsten belegbar.

Seit dem bitteren WM-Out gegen Argentinien (0:1 n.V.) haben acht aus dem aktuellen EM-Stamm ihr persönliches Palmarès um 61 Champions-League-Partien erweitert.

In heiklen Situationen ist die Gewissheit, schon auf Klubebene mit höchsten Anforderungen konfrontiert gewesen zu sein, hilfreich. "Davon zehren wir ganz bestimmt. Wir wissen schon, wie es geht", sagt beispielsweise Ricardo Rodriguez, der mit Viertelfinalist Wolfsburg hautnah erlebte, wie sich Erfolge gegen Manchester United oder Real Madrid anfühlen.

Wer den Hauptbeteiligten zuhört und ihren Weg der letzten Jahre analysiert, traut ihnen den Quantensprung zu. Unter jene, die von den aktuellen Hoffnungsträgern viel halten, reiht sich sich auch Alex Frei. Der Rekordtorschütze und Ex-Captain der Landesauswahl attestiert ihr, "sehr passabel, mehr als passabel sogar" aufgetreten zu sein.

Gelingt Petkovics Auswahl der Viertelfinal-Einzug, werden nach Frei noch zahllose weitere Prominente und Experten den Hut ziehen. Der erste Erfolg in einem Knock-out-Spiel einer Endrunde seit 78 Jahren könnte das Bild einer ganzen Fussball-Generation auf unbestimmte Zeit prägen.

sda-ats

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