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Das US Open könnte eine Weichenstellung bringen. Kehrt Novak Djokovic zu seiner alten Dominanz zurück oder kann ihm Andy Murray den Meister zeigen?

Selbst wenn er nicht da ist, steht Roger Federer in den Schlagzeilen. Der 35-jährige Basler, der die Saison wegen seines instabilen Knies frühzeitig beenden musste, wird in New York noch mehr fehlen als in Paris, als er erstmals seit 1999 ein Grand-Slam-Turnier verpasste. Im Big Apple gehörte der fünffache Champion auch zuletzt zu den Mitfavoriten und verlor vor einem Jahr erst im Final nach grossen Kampf gegen Novak Djokovic.

Der Serbe ist für Federer, der am Mittwoch für einen Promotionsanlass in Manhattan weilte, auch heuer wieder der Titelanwärter Nummer 1 - trotz dessen frühen Niederlagen in Wimbledon und an den Olympischen Spielen. "Djokovic ist auf Hartplätzen einfach zu gut, und er hat eine zu gute Erfolgsbilanz gegen Murray", glaubt Federer. Ganz so sicher im Sattel sitzt der 29-Jährige aus Belgrad aber nicht mehr.

Dafür ist einerseits seine kleine Schwächephase - auch wenn er zwischen Wimbledon und Rio das Masters-1000-Turnier in Toronto gewann - verantwortlich, in die er nach der Komplettierung seines Karriere-Grand-Slams am French Open gerutscht ist. Zum anderen die Stärke und Konstanz von Murray. Der Schotte, der genau eine Woche älter ist als Djokovic, verlor zwar im Final das Masters-1000-Turnier in Cincinnati vor fünf Tagen gegen Marin Cilic erstmals nach zuvor 22 Siegen in Folge wieder, zeigte sich aber mit seiner Form mehr als zufrieden. "Ich hätte nie gedacht, dass ich nach den Strapazen bei Olympia hier so weit komme", betonte er.

Die grosse Frage ist, ob er bereit ist, Djokovic wieder einmal bei einem grossen Turnier zu bezwingen. Seit dem Wimbledonfinal 2013 hat Murray alle fünf Duelle über drei Gewinnsätze gegen Djokovic verloren - unter anderen in diesem Jahr in den Finals in Melbourne und Paris. Vielleicht muss er den Serben aber auch gar nicht bezwingen, um das US Open nach 2012 ein zweites Mal zu gewinnen. Vor zwei Jahren scheiterte Djokovic in New York überraschend im Halbfinal am Japaner Kei Nishikori, vor knapp zwei Monaten in Wimbledon in der 3. Runde am Amerikaner Sam Querrey und an den Olympischen Spielen in Rio in der Startrunde am wieder erstarkten Juan Martin Del Potro.

Wawrinkas Auf und Ab

Erster Anwärter als Stolperstein Djokovics (oder Murrays) ist der Schweizer Stan Wawrinka. Er hat diese Woche Roger Federer als Nummer 3 und bester Schweizer in der Weltrangliste abgelöst. Der 31-jährige Lausanner gibt in diesem Jahr allerdings ziemliche Rätsel auf. Trotz drei Turniersiegen (Chennai, Dubai, Genf) und den Halbfinals in Roland Garros und Toronto hat er noch keinen Top-Ten-Spieler bezwungen und bei 8 von 15 Turnieren vor den Halbfinals verloren.

Immerhin dürfte er sich von den Rückenproblemen, wegen derer er Olympia verpasste, genug erholt haben. In den letzten drei Jahren konnte er in Flushing Meadows mit zwei Halbfinals (2013 und 2015) und einem Viertelfinal (2014) meist überzeugen.

Gespannt sein darf man auf den Auftritt von Rafael Nadal. Er kehrte in Rio nach zwei Monaten Pause wegen Schmerzen im Handgelenk überraschend stark zurück (Gold im Doppel, 4. Platz im Einzel), machte vergangene Woche bei seiner 1:6, 3:6-Klatsche in Cincinnati gegen Borna Coric einen äusserst müden Eindruck. Dafür scheint Cilic, der Sensationssieger von 2014, wieder ähnlich stark zu sein wie vor zwei Jahren. Cilic und Del Potro (US Open 2009) sind im Übrigen ausser dem Quintett mit Federer, Nadal, Djokovic, Murray und Wawrinka die einzigen beiden Spieler, die seit 2005 (Marat Safin am Australian Open) ein Major-Turnier gewinnen konnten.

Wie bei seinem letzten Auftritt bei einem Grand-Slam-Turnier vor zwei Jahren in New York erhielt Marco Chiudinelli (ATP 144) auch diesmal in der 1. Runde des US Open einen anderen Qualifikanten zugelost. Der 34-jährige Basler trifft bei seinem fünften US Open auf den elf Jahre jüngeren Brasilianer Guilherme Clezar (ATP 203), der sich erstmals überhaupt für das Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers qualifizierte.

Vierkampf um die Nummer 1 bei den Frauen

Bei den Frauen ist die Schweiz mit einem Quartett - Timea Bacsinszky, Belinda Bencic, Viktorija Golubic und Stefanie Vögele - im Hauptfeld vertreten. Die Erwartungen auf einen Vorstoss in die zweite Woche sind allerdings nicht allzu hoch. Die als Nummer 15 gesetzte Bacsinszky hat seit ihrem Viertelfinal in Paris nur noch sechs von zwölf Einzel - drei davon in Gstaad auf Sand - gewonnen. Bereits im letzten Sommer reihte sie auf den nordamerikanischen Hartplätzen eine Niederlage an die andere. Die 27-jährige Waadtländerin und Olympia-Finalistin im Doppel wird sich steigern müssen, wenn sie mindestens die Achtelfinals erreichen will.

Das gilt erst recht für Belinda Bencic. Sie kehrte nach einer Handgelenksverletzung erst in Cincinnati wieder auf die Tour zurück, verlor jedoch wie auch diese Woche in New Haven in der 1. Runde. Nach einer schwierigen Saison mit acht Erstrunden-Pleiten in den letzten elf Events sowie vier Turnieren, die mit einer Aufgabe endeten, muss sie erst wieder Selbstvertrauen aufbauen. Da wäre für die 19-jährige, als Nummer 25 gesetzte Ostschweizerin jeder Sieg wertvoll.

Die 23-jährige Zürcherin und sensationelle Gstaad-Siegerin Viktorija Golubic ist als Nummer 65 so gut klassiert wie noch nie und steht am US Open erstmals ohne Qualifikation im Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers. Die Aargauerin Stefanie Vögele braucht hingegen dringend ein Erfolgserlebnis, um ihren Platz in den Top 100 zu festigen (aktuell 98). Allerdings hat sie seit Januar 2015 keine Grand-Slam-Partie mehr gewonnen.

Serena Williams unter Druck

Vor einem Jahr stand Serena Williams im Mittelpunkt, weil sie als erste Frau seit Steffi Graf 1988 alle vier Major-Turniere im gleichen Jahr hätte gewinnen können. Sie scheiterte am Ende sensationell im Halbfinal an der Italienerin Roberta Vinci, die schliesslich den Final gegen ihre mittlerweile zurückgetretene Landsfrau Flavia Pennetta verlor. Nun steht sei wieder im Fokus, weil sie ihre Position als Nummer 1 einbüssen könnte. Die 34-jährige Wimbledonsiegerin, die bei Olympia wie Novak Djokovic früh scheiterte, muss mindestens die Halbfinals erreichen, sonst ist sie die Nummer 1 los.

Die besten Chancen, als 22. Spielerin seit Einführung der WTA-Rangliste 1975 den Thron zu besteigen, hat die Deutsche Angelique Kerber. Die Siegerin des Australian Open und Finalistin von Wimbledon und Rio verpasste am letzten Sonntag im Final in Cincinnati eine erste Chance durch eine Niederlage gegen die Tschechin Karolina Pliskova. Sie schied im Vorjahr bereits in der 3. Runde aus und könnte selbst dann von einer frühen Niederlage Williams' profitieren, wenn sie selber auch nicht weit kommt.

Die Spanierin Garbiñe Muguruza und die Polin Agnieszka Radwanska können die Nummer 1 nicht aus eigener Kraft erreichen und müssen auf einen frühen Ausrutscher der Konkurrentinnen hoffen. Ausserdem ist Muguruza seit ihrem Triumph am French Open in ein tiefes Loch gefallen, während Masters-Siegerin Radwanska bei den Grand-Slam-Turnieren meist enttäuscht.

Es spricht also einiges für einen Final zwischen Williams und Kerber, dessen Ausgang auch über die Position an der Spitze entscheiden würde. Mit den 14 Tagen am US Open wird Serena Williams 186 Wochen ohne Unterbruch die Nummer 1 sein und damit auf jeden Fall Grafs Rekord egalisieren. Auch bei der Anzahl Grand-Slam-Siege (22) sind die beiden gleichauf. Die Amerikanerin möchte natürlich zu gern beide Marken übertreffen.

sda-ats

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