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(Reuters)

Ein Erdbeben der Stärke wie in China hätte in Europa vergleichbare Schäden verursacht. Dies sagt Thomas Wenk, Präsident der Schweizer Gesellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik, im Interview.

swissinfo: Gemessen an den Opferzahlen war das Erdbeben in China eines der schlimmsten der letzten Jahre. Wie stark war das Beben im Vergleich zu anderen?

Thomas Wenk: Es hatte gemäss den nachträglichen Auswertungen des amerikanischen seismologischen Instituts USGS eine Stärke von 7,9.

Das gehört schon zu den stärkeren Beben. Aber es gibt jährlich weltweit etwa zehn Erdbeben in dieser Grössenordnung.

Von der Stärke her ist es vergleichbar zum Beispiel mit dem Erdbeben in Taiwan 1999. Die Erdbeben beim Tsunami waren wesentlich stärker, mit einer Magnitude über 9.

Aber es ist nicht die Magnitude allein, die massgebend ist, sondern die Tatsache, wo das Hauptschadengebiet im Vergleich zu Siedlungsgebieten durchgeht. Die meisten Erdbeben finden in den Meeren statt. Und dann ist ausser von Flutwellen niemand betroffen.

swissinfo: Wie sieht die Situation speziell in China aus?

T.W.: Hier haben wir eine Bruchfläche von etwa 300 Kilometern Länge. Die geht, wie ich es aus 6000 Kilometern Entfernung betrachte, nordwestlich des Siedlungsgebietes durch. Das Hauptschadengebiet ist ein Streifen von etwa 30 bis 50 Kilometern Breite und 300 Kilometern Länge.

Die grösseren Städte wie Chengdu liegen fast 100 Kilometer weit weg. Das heisst, sie sind viel weniger betroffen.

Dazu kommt noch, dass das Erdbeben mit einer Tiefe von nur 10 Kilometern sehr nahe an der Oberfläche ist. Damit sind die Auswirkungen an der Oberfläche viel stärker.

Und die Bodenbewegungen, die auf die Bauwerke wirken, sind auf diesem Streifen grösser. Dort überlebt kein Bauwerk die Bodenbewegungen. das nicht ganz speziell gebaut wurde.

swissinfo: Somit liegt der grosse Schaden nicht primär an schlechter Bausubstanz?

T.W.: Es liegt daran, dass es in einem Gebiet passiert ist, wo Menschen wohnen. Die Bevölkerungsdichte dieses Gebietes kann ich nicht beurteilen. Aber es ist primär bergig, darum gab es nicht noch weit mehr Opfer.

swissinfo: Wie sieht die Bausubstanz in China generell aus?

T.W.: China hat moderne Erdbebennormen. Es gibt im Land alle Schattierungen von Gefährdungen - von praktisch erdbebenfrei bis zu den höchst gefährdeten Gebieten der Welt, westlich Richtung Himalaya.

Und darauf abgestimmt haben sie moderne Erdbebennormen. Aber natürlich nicht schon seit 1000 Jahren, sondern etwa seit 15.

swissinfo: Was sind die Unterschiede der chinesischen Baunormen zur Schweiz?

T.W.: Sie sind abgestuft auf die jeweilige Erdbebengefährdung. Das betroffene Gebiet wird bezüglich Erdbebengefährdung weltweit im mittleren Bereich eingestuft.

Das ist oberhalb der höchsten Zonen in der Schweiz. In der Schweiz liegen wir im unteren Bereich bis knapp in den mittleren im Wallis. Das Schadensgebiet in China wäre etwas oberhalb des Wallis eingestuft.

Aber ob die Normen in den Bergtälern überall umgesetzt werden und wie alt die Gebäude dort sind, weiss ich nicht. Man kann in diesem Gebiet davon ausgehen, dass alles eingestürzt ist, was nicht erdbebensicher gebaut war.

swissinfo: Welche Schäden würde ein Erdbeben dieser Stärke in Europa hervorrufen?

T.W.: Das wäre vergleichbar. Es kommt immer darauf an, wo: Ist das Gebiet vorbereitet oder nicht?

Ich bin nicht Seismologe, aber ein solch starkes Erdbeben ist in Europa nur in den Hauptschadengebieten Richtung Türkei, Asien zu erwarten. So ein starkes Erdbeben braucht eine riesige Bruchfläche.

swissinfo: Sind die Bauwerke für die olympischen Spiele nach neuen Normen gebaut?

T.W.: Ich kenne das auch nur aus der Ferne und möchte mich dazu sehr zurückhaltend äussern. Aber ich weiss aus Planungsunterlagen, dass auch für Peking strenge Erdbebennormen gelten.

Peking ist im mittleren Bereich der Erdbebengefährdung. Man kann davon ausgehen, dass dort alle neueren Bauten nach Erdbebennormen ausgeführt sind.

Wichtig ist, dass das dann auch auf der Baustelle umgesetzt wird. Es liegt also beim erdbebensicheren Bau relativ viel an den Details. Und wie genau das mit den Baukontrollen in China funktioniert, ist mir nicht bekannt.

Es genügt nicht, dass man sich nur am Schreibtisch mit diesen Fragen abgibt, sondern es muss bis zum letzten Detail richtig ausgeführt und kontrolliert werden.

swissinfo-Interview: Christian Raaflaub

Fakten

Weltweit werden jährlich mehr als eine Million Beben gemessen.
Für 15% der Landfläche der Erde besteht Gefahr, von einem schweren Beben getroffen zu werden.
Die Beben treten vor allem in Regionen auf, die als tektonische Plattenränder bezeichnet werden.
90% aller weltweit gemessenen Erdbeben ereigneten sich rund um den Pazifischen Ozean.

Magnitude

Erbeben können mit Hilfe hochempfindlicher Seismographen gemessen werden. Mit ihnen können Wissenschafter auch die Entfernung und die Stärke des Bebens nachweisen.

In der modernen Erdbebenforschung wird die Stärke mit der sogenannten Momentmagnitude ausgedrückt. Diese hat die nach dem amerikanischen Seismologen Charles Richter benannte Richter-Skala verdrängt.

Bei der Berechnung der Momentmagnitude steht nicht mehr die bei einem Beben freigesetzte Energie im Mittelpunkt, sondern die Länge des Bruchs in der Erdkruste. Diese kann wenige hundert Meter, aber auch Hunderte Kilometer betragen.

SGEB

Die Schweizer Gesellschaft für Erdbebeningenieurwesen und Baudynamik wurde 1982 als Fachgesellschaft des SIA (Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein) gegründet.

Sie vertritt die fachlichen Interessen der Erdbebeningenieure und Spezialisten für Baudynamik.


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