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Anti-Dschihad-Strategie


Wie kann man junge Schweizer von Radikalisierung abhalten?




Am letzten Wochenende kamen bei einer Reihe von Terroranschläge in Paris über 130 Menschen ums Leben, über 300 weitere wurden verletzt. (Keystone)

Am letzten Wochenende kamen bei einer Reihe von Terroranschläge in Paris über 130 Menschen ums Leben, über 300 weitere wurden verletzt.

(Keystone)

Die Schweiz könne mehr tun, um hausgemachte Dschihadisten zu stoppen. Moscheen müssten gefährdete Muslime beraten, und der Staat brauche mehr Erfahrung im Umgang mit rückkehrenden Dschihadisten, sagt eine Schweizer Expertin.

Zurzeit werden in der Schweiz rund 70 Fälle radikalisierter Dschihadisten untersucht, gegen mehr als 20 davon läuft ein Strafverfahren.

Am 13. November waren bei Anschlägen bewaffneter Männer und Selbstmordattentäter des so genannten Islamischen Staates (IS) in Paris über 130 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden. Staatspräsident François Hollande sprach von einem "Kriegsakt".

In einem Interview mit dem SonntagsBlick sagte Verteidigungsminister Ueli Maurer, seit den Anschlägen in Paris sei auch in der Schweiz die Terrorgefahr grösser geworden. Ein Anschlag sei heute nicht mehr "total abstrakt, sondern vorstellbar", auch wenn es zurzeit keine Hinweise gebe.

Miryam Eser Davolio von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ist verantwortlich für die Koordinierung einer neuen Studie über die Radikalisierung junger Schweizer.

swissinfo.ch: In einem Interview mit der NZZ am Sonntag sagte Verteidigungsminister Ueli Maurer, die grösste Gefahr gehe von Einzelgängern und so genannten Schläfern aus, die den IS unterstützten. Wie gross ist diese Bedrohung?

Miryam Eser Davolio: Ich denke, Einzelgänger brauchen ein gewisses Netzwerk, das sie unterstützt, um ihre Aktionen zu planen, und auch Leute, die mit ihren Ideen übereinstimmen, damit sie wissen, dass sie das Richtige tun. In der Schweiz – das ist mein persönlicher Eindruck nach unseren Interviews im Feld – kommt dies nur selten vor.

Die Situation ist hier sehr heterogen, nicht wie in Frankreich, wo in den Banlieues gewisse Verschwörungstheorien existieren, aber auch Wut über Ablehnung oder Arbeitslosigkeit.

Auch in der Schweiz gibt es ein Problem mit jungen Muslimen, insbesondere in den Kantonen Genf und Tessin, wo viele Franzosen und Italiener zur Arbeit in die Schweiz kommen und ein Wettbewerb um Jobs herrscht. Hier beobachten wir gewisse heikle Situationen für junge Muslime. Das könnte problematisch werden, aber alles hängt davon ab, ob diese Leute eine Chance auf Integration haben.

swissinfo.ch: Die Schweiz erhöht ihre Sicherheitsmassnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus, will den Nachrichtendienst stärken und die Überwachungsgesetze verschärfen. Könnten Einzelpersonen dennoch durchs Netz schlüpfen?

M.E.: Ich denke nicht, denn die sozialen Medien und das Internet werden sehr streng kontrolliert. In einigen Fällen hat der Nachrichtendienst sehr viel zu tun, wie der jüngste TETRA-Berichtzeigte [Task-Force zur Bekämpfung des dschihadistisch motiverten Terrorismus, geleitet vom Bundesamt für Polizei Fedpol] Erwähnt wurde ein Fall, wo 25'000 Seiten von online-Kommunikation eines einzigen Individuums gesichtet wurde. Wenn man weiss, dass dies alles vielleicht in anderen Sprachen ist und übersetzt werden muss, kann man sich vorstellen, wie viel Arbeit das ist, wenn man diesen Personen folgen will.

swissinfo.ch: Bundespolizei und Regierung erwägen ein mögliches Ausreiseverbot, um einer Dschihad-Radikalisierung entgegenzutreten. Ist dies eine wirksame Massnahme?

M.E.: Es könnte helfen, wenn jemand ausreisen will. Es ist wichtig, dass es eine Massnahme gibt, um sie zurückzuhalten. Das ist aber nur eine von vielen Massnahmen, über die wir nachdenken sollten.

Wichtig ist auch die Beratung von Einzelpersonen, deren Familien und Freunden. Wie wir in anderen Teilen Europas gesehen haben, ist es entscheidend, Leute zu unterstützen, die mit Jugendlichen in Kontakt sind, damit man mit diesen reden kann.

swissinfo.ch: Wie wirksam ist die Zusammenarbeit zwischen muslimischen Gruppen und Einzelpersonen mit der Polizei, damit mögliche Zeichen einer Radikalisierung erkannt und Verdächtige gemeldet werden können?

M.E.: Das ist von Kanton zu Kanton verschieden. In Zürich gibt es jemanden mit einer Brückenfunktion, der mit verschiedenen muslimischen Gemeinden in Kontakt ist. In St. Gallen gibt es einen runden Tisch für Religionen, der mit Imamen und Muslim-Gruppen in Kontakt steht. In St. Gallen haben sich sieben Imame über Fragen der Integration, über das Leben in der Schweiz und die Radikalisierung weitergebildet.

In Genf ist die Zusammenarbeit gut, es gibt einiges an Integrationsarbeit. Dort war es ein Schock, als im August publik wurde, dass zwei Jugendliche in der Genfer Moschee [in Petit-Saconnex] radikalisiert worden waren und nach Syrien aufbrachen.

swissinfo.ch: Fedpol-Direktorin Nicoletta della Valle sagt, die Idee, das Leute in Schweizer Moscheen oder durch Schweizer Muslim-Organisationen radikalisiert würden, sei ein "Klischee". Wo also findet die Radikalisierung statt?

M.E.: Von Daten des Bundesnachrichtendienstes wissen wir, dass die meisten Personen über Freunde und das Internet radikalisiert werden. Die Moscheen haben eher eine präventive Wirkung. Wer mit extremen Ideen dorthin geht, wird zur Rede gestellt und in seinen Ideen korrigiert. So wird ihnen etwa gesagt, sie sollten nicht auf Internet-Propaganda hören.

Muslimische Organisationen spielen eine wichtige präventive Rolle. Sie haben jedoch oft Angst, wenn Leute radikalisiert werden. Sie schliessen ihre Türen, damit in der Öffentlichkeit kein schlechtes Image aufkommt. Sie packen die Chance, diese Menschen zu beeinflussen, also nicht. Sie könnten mehr tun, bräuchten dazu aber mehr Unterstützung, um die Beratung gefährdeter Personen zu legitimieren. Ihre Präventionsrolle muss reglementiert werden.

swissinfo.ch: Mehrere Länder haben Deradikalisierungs-Programme für rückkehrende Dschihadisten geschaffen. Im TETRA-Bericht vom Februar hiess es, es werde zu wenig getan, um heimkehrende Dschihadisten zu deradikalisieren. Was tut die Schweiz auf diesem Gebiet?

M.E.: Zurzeit gibt es nichts. Wichtig ist, Berater oder Leute zu haben, die mit diesen jungen Menschen in Kontakt treten können und mit Rückkehrern arbeiten, auch mit solchen, die radikalisiert sind und ausreisen wollen.

Ein Hindernis ist der Mangel an Erfahrung auf diesem Gebiet. Die Leute sollten nach Deutschland, Grossbritannien, Dänemark oder Norwegen gehen, um zu lernen, wie man mit solchen Individuen arbeitet.

Das Problem ist in der Schweiz klein, aber es gibt ein paar Rückkehrer. Die Frage ist, was wir tun sollen, um sie in die Gesellschaft zurückzuholen.

swissinfo.ch: Welches sind die anderen Stärken und Schwächen in der Schweizer Anti-Dschihad-Strategie?

M.E.: Ein Schwachpunkt ist, dass Islamophobie nicht thematisiert wird. Denn das ist ein wichtiger Punkt. In Deutschland kommt dieses Thema zur Sprache. Denn wenn es Menschen gibt, die gegen Muslime sind und Angst vor ihnen haben, dann spielt das der IS-Propaganda in die Hände.

Die Propaganda des Islamischen Staates basiert auf der Theorie, dass Muslime vom Westen stigmatisiert, ausgeschlossen und erniedrigt werden. Wenn das wirklich so passiert via Islamophobie und gewissen politischen Positionen, dann ebnen wir den Boden für eine wachsende Radikalisierung.

Schweizer Dschihadisten

Im Jahresbericht des Schweizer Nachrichtendienstes vom Mai 2015 werden radikalisierte Dschihadisten als grösste Bedrohung für die nationale Sicherheit genannt – obwohl die Schweiz kein prioritäres Ziel für potenzielle Terroristen ist.

Zurzeit werden rund 70 Fälle radikalisierter Dschihadisten untersucht, in über 20 Fällen läuft ein Strafverfahren. Im Oktober waren beim Geheimdienst 40 Dschihad-motivierte Ausreisen registriert. 7 weitere haben die Konfliktzonen verlassen und einige sind in die Schweiz zurückgekehrt. Zudem werden 31 weitere mutmassliche Dschihadisten überwacht.

Die Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) über die Radikalisierung junger Schweizer untersuchte 66 Fälle in der Zeit zwischen 2001 und Juli 2015. Das 11-köpfige Team fand heraus, dass 16 von 66 Personen unter 25-jährig waren. Die meisten waren zwischen 23 und 35. Darunter waren nur 3 Frauen, das sind weniger als der europäische Durchschnitt (10%).

Bei den meisten handelt es sich um Muslime aus Ex-Jugoslawien und Somalia. 12 haben kürzlich konvertiert, die Hälfte davon Schweizer. 13 sagten, sie seien von Kriegserfahrungen beeinflusst worden, vor allem auf dem Balkan, 13 weitere nannten die Propaganda von Salafisten als Motivationsquelle.


(Übertragung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch

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