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Arabische Touristen in Genf


"Ich meide Orte, wo der Niqab verboten ist"


Von Jasmine Kannouna, Genf


Die Initiative gegen Gesichtsschleier spaltet die Schweizer Politik. Die verschleierten Touristinnen am "Geneva Lake Festival" sind sich einig: Wenn der Niqab oder die Burka in der ganzen Schweiz verboten würde, reisten sie an andere Touristenorte.

Es ist nicht ungewöhnlich, in den Strassen von Genf eine Frau mit Gesichtsschleier anzutreffen. (Keystone)

Es ist nicht ungewöhnlich, in den Strassen von Genf eine Frau mit Gesichtsschleier anzutreffen.

(Keystone)

Nach Frankreich, Belgien, einigen italienischen Städten und kürzlich dem Kanton Tessin könnte die Schweiz demnächst das nächste europäische Land sein, das die Gesichtsverschleierung an öffentlichen Orten verbietet. Das Stimmvolk wird sich vermutlich in den nächsten Jahren zur Volksinitiative "Ja zum Verhüllungsverbot" äussern müssen, für die zurzeit Unterschriften gesammelt werden.

Am Montag hat die Grosse Kammer des Schweizer Parlaments einer parlamentarischen Initiative knapp zugestimmt, die Burka und Niqab verbieten will.

Diskrete Hoteliers

Die Vereinigung der Genfer Hoteliers reagiert auf die Frage nach dem Verhüllungsverbot sehr zurückhaltend. Die Generalsekretärin Inès Kreuzer antwortet in einem Mail, dass die Vereinigung sich nicht zu politischen Themen äussere.

Der Schweizer Tourismus-Verband hingegen hat in einer Mitteilung vom Oktober 2015 Position gegen die Initiative bezogen: "Wir haben darin unser Missfallen über das Verbot zum Ausdruck gebracht, da wir am Bild einer offenen und toleranten Schweiz festhalten", erklärt Mark Fessler, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Verbands.

Laut Fessler ist es schwierig, vorauszusagen, wie sich die Initiative auswirken könnte: "Die Erfahrung im Kanton Tessin zeigt, dass Probleme quasi inexistent sind. Die Hotels erklären ihren arabischen Gästen die neue Gesetzgebung, und diese scheinen sie zu respektieren."

Die Touristen aus arabischen Ländern, allen voran aus den Golf-Staaten, strömen währenddessen immer zahlreicher in die Schweiz, vor allem nach Genf. Diese Touristen geben auch am meisten Geld in der Schweiz aus, durchschnittlich 500 Schweizer Franken pro Tag. Meist kommen sie in grösseren Gruppen, bleiben längere Zeit und übernachten in Luxushotels – daher sind sie eine wichtige Geldquelle für die Schweiz, und für Genf im Besonderen.

Aber dies könnte sich ändern, wenn die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger der Initiative "Ja zum Verhüllungsverbot" zustimmen, die vom rechtskonservativen "Egerkinger Komitee" kürzlich lanciert wurde. Die Initiative fordert ein Verbot von Niqab und Burka in der ganzen Schweiz, nach dem Vorbild des Kantons Tessins, wo seit dem 1. Juli 2016 ein entsprechendes Gesetz in Kraft ist.

Während des "Geneva Lake Festival", das jeden Sommer am Seeufer in Genf stattfindet, mit Konzerten, Erlebnis-Park, Ess-Ständen und Feuerwerken, sind die zahlreichen Besucher aus den Golf-Staaten in der Menge unübersehbar. Die meisten Frauen tragen einen Schleier, und einige (wenn auch eine kleine Minderheit) haben ihr Gesicht mit einem schwarzen Tuch ganz bedeckt, so dass nur die Augen sichtbar sind.

Was denken diese Frauen von dem möglicherweise in der Schweiz eingeführten Verbot? swissinfo.ch hat sie gefragt.

"Persönliche Freiheit"

Eine Saudi-Araberin beaufsichtigt in Begleitung ihres Ehemannes vier Kinder im Erlebnispark. Die Familie hat sehr wohl von dem neuen Tessiner Gesetz gehört, das den Niqab verbietet. Das hat sie nicht davon abgehalten, nach Genf zu kommen. "Aber es ist klar, dass wir unser Ferienziel ändern würden, wenn der Niqab in der ganzen Schweiz verboten wäre", bestätigt die Frau dezidiert, die im Übrigen studiert hat.

Bei der Ganzkörper-Verhüllung, die in der Schweiz oft als Burka bezeichnet wird, handelt es sich meistens um einen Niqab. (Illustration: Kai Reusser) (swissinfo.ch)

Bei der Ganzkörper-Verhüllung, die in der Schweiz oft als Burka bezeichnet wird, handelt es sich meistens um einen Niqab. (Illustration: Kai Reusser)

(swissinfo.ch)

Etwas weiter, bei einem Verkaufsstand mit libanesischen Gerichten, essen eine Saudi-Araberin mit ihrem Mann und den drei Kindern Schawarma und diskutieren ihre nächste Feriendestination. Die Frau gibt zu, dass ihr etwas unwohl war, als sie von dem Tessiner Gesetz erfuhr: "Letztes Jahr sind wir nach Genf gekommen, das kein solches Gesetz kennt. Aber als wir von dem neuen Gesetz hörten, haben wir gezögert, wieder herzukommen. Wir planen, andere Orte der Schweiz zu besuchen, aber nicht das Tessin."

Die Saudi-Araberin mit einem Master-Abschluss in Immunologie fügt an, dass sie nicht mehr in die Schweiz kommen würde, sollte die Initiative auf nationaler Ebene angenommen werden. Sie ist über das geplante Verbot überrascht: "Die Schweiz ist ein touristisches Land, ein wichtiger Teil der Wirtschaft hängt von diesem Sektor ab; die Schweizer Bevölkerung ist gastfreundlich. Wir sind sehr erstaunt, dass eine solche Initiative von diesem Volk ausgehen könnte."

"Wenn der Niqab oder die Burka verboten wird, wird niemand aus der Golf-Region mehr in die Schweiz kommen", bekräftigt eine dritte Frau, die ebenfalls aus Saudi-Arabien stammt.

Obwohl nur eine kleine Minderheit der Touristinnen aus den Golf-Staaten die Vollverschleierung trägt, ist unsere letzte Gesprächspartnerin (die ihren Masterabschluss in Informatik vorbereitet) dennoch kategorisch: "Der Islam breitet sich aus. In der Folge wird es immer mehr verschleierte Frauen auf der Welt geben. Wenn also die Schweiz den Niqab verbietet, werden nicht nur Familien aus den Golf-Staaten nicht mehr kommen, sondern auch solche aus anderen Ländern der Welt."

Eine Frau aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, erzählt, während sie für ihre Kinder Glacé kauft, dass sie vom Tessiner Gesetz nicht betroffen sei: "Ich gehe nicht an Orte, wo der Niqab verboten ist." Die Informatikerin erwartet, dass die Initiative abgewiesen wird, denn es gebe zahlreiche verschleierte Frauen und diese würden nach Österreich ausweichen, wenn der Niqab in der Schweiz verboten wäre. Auch sie ginge bei einer Annahme der Initiative anderswohin.

In einem bekannten Einkaufszentrum in Genf füllt eine Frau aus Katar (auch sie mit Universitätsabschluss) ihren Einkaufskorb mit Schokolade. "Ich bin bewusst nicht nach Frankreich gereist, nachdem 2010 ein Verbot beschlossen wurde. Aus dem gleichen Grund gehe ich dieses Jahr nicht nach Lugano. Einen Gesichtsschleier zu tragen, gehört meiner Meinung nach zur persönlichen Freiheit, und ich akzeptiere diesbezüglich keine Einschränkungen."

Genf und Zürich besonders beliebt

Laut Marc Fessler vom Schweizer Tourismus-Verband hat die Zahl der Besucher aus den Golf-Staaten in den letzten Jahren signifikant zugenommen. Beispielsweise gab es 2015 rund 300'000 Übernachtungen von Gästen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, während es 2011 noch 140'000 waren.

Im August 2011 betrug die Zahl der Übernachtungen von Gästen aus Saudi-Arabien 5847 in der ganzen Schweiz, davon 2379 in Genf. Im August 2015 gab es 10'781 Übernachtungen von Gästen aus Saudi-Arabien, davon 4466 in Genf.

Zürich und Genf sind die beliebtesten Destinationen in der Schweiz von Besuchern aus den Golf-Staaten.

"Frauen wie alle anderen"

Der Ehemann der ersten Saudi-Araberin hat eine Erklärung für die Verbots-Welle der Gesichtsverschleierung, die über Europa schwappt: "Meiner Meinung nach handelt es sich um einen Krieg gegen den Islam. Man macht Druck auf Muslime, um sie an der Anwendung der Scharia zu hindern und zum Ablegen des Schleiers zu zwingen, oder aber um sie von einer Einreise in die Schweiz abzubringen." Und seine Frau bekräftigt: "Die Schweiz ist ein freies Land, die Praxis des Schleiertragens sollte hier nicht verboten werden."

Die Immunologin sieht in der Initiative einen Schachzug der "extremistischen Parteien", politischen Profit aus der Sache zu ziehen.

Die Informatikerin ist ebenfalls überrascht, dass das Tessin den Niqab verboten hat. Für sie zeigt die Initiative, dass die Schweizer nach den jüngsten Terroranschlägen in Europa, die im Namen des Islams verübt wurden, Angst vor verschleierten Frauen hätten. "Aber man sollte sich daran erinnern, dass das normale Frauen sind. Sie sind nicht anders als die anderen." Diesen Standpunkt teilen die anderen verschleierten Frauen.

"Göttlicher Befehl"

Allerdings werden Ausländerinnen, die nach Saudi-Arabien arbeiten gehen oder ihre Ehemänner begleiten, sehr wohl dazu angehalten, die islamische Abaya [schwarzes mantelartiges Übergewand] zu tragen, um die lokalen Gebräuche und Traditionen zu respektieren. Warum also würden die verschleierten Frauen ein Verhüllungsverbot nicht respektieren, um den Schweizer Traditionen und Gebräuchen zu entsprechen?

"Saudi-Arabien wird von der islamischen Scharia geregelt. Das Gesicht zu bedecken, stellt eine göttliche Pflicht dar, die nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch anderswo angewandt wird, weil Gott überall präsent ist. Indem sie ihr Gesicht verbergen, gehorchen die Frauen einem Befehl Gottes, wo auch immer sie sich auf der Welt befinden", erklärt eine unserer Gesprächspartnerinnen.

Für die Immunologin ist das Tragen des Gesichtsschleiers eine religiöse Frage, die nichts mit Gebräuchen oder Traditionen zu tun hat.


(Übertragen aus dem Französischen: Sibilla Bondolfi)

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