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Archäologie Schweizer auf den Spuren der Göttin Artemis

Luftaufnahme einer Ausgrabungsstätte an einer Küste.

Die Ausgrabungsstätte bei Amarynthos: Ein Team unter Schweizer Leitung stiess hier auf eine der wichtigsten Entdeckungen der letzten zehn Jahre in Griechenland.

(Universität Lausanne)

Ein archäologisches Rätsel in Griechenland wurde nach fast einem Jahrhundert gelöst – dank der Arbeit von Schweizer Forschern.

"Es war ein Riesenerfolg, dass wir das Heiligtum nach so langer Zeit gefunden haben", sagt Karl Reber. Er ist Professor für Archäologie an der Universität Lausanne und Direktor der Archäologischen Schule in Griechenland, ESAG. In dieser Funktion verbringt Reber seit Jahren einen Teil des Sommers auf Euböa, der zweitgrössten griechischen Insel, wo sich die Aktivitäten der Schule konzentrieren.

Vor zwei Jahren konnte Reber mit seinem 40-köpfigen Team einen Durchbruch vermelden: Der lange in der Nähe des Dorfes Amarynthos vermutete Tempel der Göttin Artemis konnte eindeutig lokalisiert werden. Diesen Sommer wurde nun erstmals in einer Inschrift der Name "Amarynthos" gefunden – womit nachgewiesen wurde, dass sich diese Ortsbezeichnung mit Unterbrüchen seit fast 3000 Jahren hält.

Sondermarke der griechischen Post.

(zvg)

Beim Heiligtum handelt es sich um den wichtigsten Sakralbau der Insel mit überregionaler Bedeutung. Reber schätzt, dass es zu den zehn wichtigsten Entdeckungen der letzten zehn Jahre in Griechenland gehört. Das Medienecho im Land war gross, die griechische Post brachte eine Sondermarke in limitierter Auflage raus.

Man habe grosse Unterstützung gespürt, sagt Reber, von wissenschaftlicher wie auch von politischer Seite. Die Entdeckung sorgte aber auch aus einem zweiten Grund für Aufmerksamkeit: Denn damit fand eine archäologische Detektivgeschichte ihr Ende, die fast ein Jahrhundert andauerte.

Falsche Übersetzung, falsche Fährte

Das heutige Dorf Eretria, wo Schweizer Archäologen seit mehr als einem halben Jahrhundert tätig sind, ist beliebtes Ausflugsziel für Athener. Das antike Eretria hatte jedoch eine weitaus bedeutendere Rolle: Ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. entwickelte es sich zu einer wichtigen Handelsmacht mit weitreichenden Handelsbeziehungen. Das führte zur Gründung von Kolonien in Süditalien, aber auch zu intensivem Kontakt mit den Phöniziern in der Levante.

(swissinfo.ch)

Das von den Eretriern mitgebrachte phönizische Alphabet war denn auch die Grundlage für die Entwicklung der griechischen Schrift, die sich rasch entlang der Mittelmeerküsten verbreitete. Die Stadt wurde in der Spätantike verlassen, vermutlich nach einem Erdbeben.

In griechischen und römischen Quellen finden sich zahlreiche Hinweise auf die Existenz eines wichtigen Artemisheiligtums in der Nähe der Stadt. Gemäss Strabon, einem griechischen Geographen und Geschichtsschreiber, lag das Dorf Amarynthos mit dem Heiligtum sieben Stadien – etwa 1250 Meter – ausserhalb der Stadtmauern von Eretria. Entsprechende Suchen im 19. und 20. Jahrhundert führten jedoch zu keiner Entdeckung.

Der Schweizer Epigraphiker und Historiker Denis Knoepfler kam in den 1970er-Jahre nach einer Analyse aller vorliegenden Quellen zum Schluss, dass die von Strabo angegebene Entfernung falsch war – respektive später falsch übersetzt wurde. Die ESAG beschreibt das so:

"Seiner Meinung nach wurden im Laufe der Überlieferung des Textes die ausgeschriebenen Zahlen mit alphabetisch notierten Nummern ersetzt. In diesem System wird die Nummer 7 (ἑπτά) durch den Buchstaben ζ (zeta) wiedergegeben, der dem Buchstaben ξ (xi), also der Nummer 60 (ἑξήκοντα), sehr ähnlich ist. Ein byzantinischer Abschreiber könnte also ohne Weiteres ein ζ mit einem ξ verwechselt haben. Daher kann angenommen werden, dass die Distanz im Originaltext […] sechzig stadia (und nicht sieben) zwischen Eretria und Amarynthos betrug."

Damit kam er auf knapp elf Kilometer, was sehr präzise der Distanz von Eretria bis Amarynthos entspricht. Es dauerte jedoch noch mehr als zwanzig Jahre, bis die ESAG dank geophysikalischer und archäologischer Untersuchungen auf die ersten Fundamente mehr als zwei Meter unter der Oberfläche stiess.

Bild einer in der Mitte auseinandergebrochenen Tafel.

Wertschätzung für Artemis: Ehreninschrift der Eretrianer.

(zvg)

Monumentale Funde

Auch waren die freigelegten monumentalen Strukturen noch nicht automatisch Beweis dafür, dass es sich um das Heiligtum der Artemis Amarynthia – also der Artemis aus Amarynthos – handelte. "Aber die Hinweise verdichteten sich", sagt Reber.

Terrakottaziegel mit dem Namen der Artemis sowie Statuenbasen, auf denen Artemis als Empfängerin der Weihung angegeben ist, bestätigten letztlich die Theorie – und die heuer gefundene Inschrift räumte die letzten Zweifel aus.

Auch die weiteren Arbeiten ergaben diesen Sommer Neues. "Unsere Ausgrabungen weisen auf eine Konstellation mit mindestens einem Tempel mit einem grossen Altar hin", so Reber. Die Ausdehnung sei noch nicht genau bekannt, aber es deute einiges darauf hin, dass es sich um ein weitverzweigtes Heiligtum handle.

Bisher konnten zudem Strukturen aus verschiedenen Epochen nachgewiesen werden. Reber, der seit 2007 Direktor der ESAG ist, wird im nächsten Jahr pensioniert: "Mein Nachfolger wird in Amarynthos sicherlich noch einiges zu tun haben."

Mehr als ein halbes Jahrhundert Ausgrabungen

Die Schweizerische Archäologische Schule in Griechenland (École suisse d’archéologie en Grèce, ESAG) ist das einzige permanente archäologische Institut der Schweiz im Ausland. Auf Einladung durch die griechischen Behörden nahm sie 1964 die Ausgrabungen in Eretria auf. Sie ist damit eine der siebzehn ausländischen Schulen und Institute, die vom griechischen Staat anerkannt sind. Die Ausgrabungen sind griechisch-schweizerische Kooperationen.

Die Aufteilung ist dabei klar geregelt: Die Ausgrabungsfunde bleiben im Besitz des griechischen Staates, die Schulen erhalten die Rechte an Forschung und an der Publikation der Ergebnisse. Dank ihres Mittlerstatus unterstützt die Schule auch weitere schweizerische archäologische Projekte in Griechenland, beispielsweise Unterwasser-Ausgrabungen im Peloponnes. Finanziert wird die ESAG vom Schweizerischen Nationalfonds, dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation und der ESAG Stiftung.

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