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Bauwerke Völlig losgelöst - Schweizer Architektur der 70er und 80er

Teilweise völlig losgelöst von ihrer Umgebung stehen sie da, die Bauwerke aus den siebziger und achtziger Jahren. Sie schmiegen sich nicht wirklich ins Stadtbild und wirken doch etwas zu plump, um für sich alleine zu brillieren.

Der Fotograf Christian Flierl hat sich dieser Architektur-Ära angenommen und sich für den Bildband "Völlig losgelöst"externer Link auf die Suche nach Häusern begeben, die ihn schon seit seiner Kindheit prägen. Anfangs in seiner vertrauten Umgebung von Basel, um dann immer weiter in die Nordostschweiz und die grenznahen Regionen vorzustossen.

Schön findet er sie nicht, die Wohn- und Geschäftshäuser mit den üppigen Fassaden in braun und grellem Orange. Doch sie üben eine Anziehung aus: Was steckt hinter diesen übertriebenen, opulenten Betonbauten? Was erzählt uns diese Architektur über die Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen der Menschen in dieser Zeit?

Brutalismus

Architekturströmung der Moderne (1950er bis frühe 1980er), charakterisiert durch viel Beton sowie wuchtige und klobige Elemente. Der Name leitet sich vom französischen "béton brut" ab – "Sichtbeton". Bekanntester Vertreter war der Schweizer Architekt Le Corbusier. Der "Neue Brutalismus" arbeitet auch mit anderen Materialien wie Ziegel oder Holz. 

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Zwischen "geschmacklicher Irritation" und "genialer Symbiose"

Diesen Fragen gehen die Kunsthistorikerin Ulrike Jehle-Schulte Strathaus und der Kulturwissenschaftler und Journalist Roger Ehret anhand der Bilder von Christian Flierl nach. Die AutorInnen ziehen Parallelen zwischen der Architektur dieser Zeit und anderen Bereichen des Lebens – beispielsweise der Mode.

"Das siebte Jahrzehnt gilt posthum oftmals als Dekade des schlechten Geschmacks", wird die deutsche Museumskuratorin Isabella Belting zitiert. Dieser Zeitgeist zwischen "geschmacklicher Irritation" und "genialer Symbiose" drücke die gesamtgesellschaftliche, temporeiche Umwälzung jener Zeit aus.

Themen wie Umweltzerstörung, der Rüstungswettlauf des Kalten Krieges oder Terrorismus beschäftigten die Menschen – auch in der Schweiz. Und sie schlugen sich in der kreativen Arbeit nieder: "Die durch diesen Modernisierungsschub irritierten Zeitgenossen versuchten, die bahnbrechenden Einflüsse zu verarbeiten." Auch die Schweizer Architektur – ob Einfamilienhaus oder Postzentrum – versuchte sich von starren Vorgaben und Traditionen zu befreien. 

Technischer Fortschritt als Reibungspunkt

Die Ästhetik der Gebäude, angesiedelt zwischen Neuem Brutalismus und strukturellem Expressionismus, ist sperrig. Sie lehnt sich auch in ihrer Formsprache an den Glauben an den technischen und industriellen Fortschritt an. Dass dies ab den späten Siebzigern ein dominierendes Motiv wird, kommt nicht von ungefähr: Die Computerisierung der Schweiz beginnt langsam anzurollen.

Struktureller Expressionismus

Architekturströmung der Spätmoderne seit rund 1970, auch genannt "High-Tech-Architektur", charakterisiert durch ein industriell-technisches Erscheinungsbild und sichtbare Struktur der Gebäude, wie offengelegte Rohre, Stahlträger und Gebäudetechnik. Bekanntestes Beispiel ist das Centre Pompidou in Paris.

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Nicht immer kam diese Art bei der breiten Bevölkerung an. Laut Laurent Stalder, Professor für Architekturgeschichte und -theorie an der ETH Zürich, hat das nur bedingt mit dem Aussehen der Gebäude zu tun: "Was an diesen Bauten kritisiert oder geliebt wird, hat vielmehr mit den damit verbundenen Lebensformen zu tun."

Er nennt das Beispiel der Autobahnraststätte. Für die einen sei sie Symbol der damaligen Bestrebungen nach Freiheit und Selbstbestimmung. Für die anderen stünde sie sinnbildlich für Umweltzerstörung oder eine Fortschrittsideologie.

Die Aufnahmen in "Völlig losgelöst" sind klar gestaltet und dennoch fernab von einer dokumentarischen Fotografie. Flierl umkreist seine Objekte und bildet sie wie Passfotos ab, die somit nur einen Teil des Ganzen widerspiegeln.

Was mit diesen Bauwerken passieren wird, bleibt unklar. Die Lebensdauer der Betonbauten ist beschränkt. Werden sie nicht unter Denkmalschutz gestellt, werden sie irgendwann abgerissen. Ganz gleich, was geschieht: Die Fotografien von Christian Flierlexterner Link halten sie in ihrer umstrittenen Art und als Zeitzeugen zweier Schweizer Jahrzehnte fest.

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