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Archiv in der Schweiz dokumentiert Tschetschenienkriege


"Grosny wurde wieder aufgebaut, aber die Verbrechen blieben ungesühnt"




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Die tschetschenische Aktivistin Zaïnap Gashaeva - sie erhielt 2010 in der Schweiz Asyl - hat das Archiv-Projekt lanciert.   (swissinfo.ch)

Die tschetschenische Aktivistin Zaïnap Gashaeva - sie erhielt 2010 in der Schweiz Asyl - hat das Archiv-Projekt lanciert.  

(swissinfo.ch)

In der Schweiz lagert ein einzigartiger Fundus:  Ein Archiv mit Filmsequenzen, Fotos und Interviews aus den zwei Tschetschenien-Kriegen. Die Initiatoren des Projekts erklären, wie es dazu kam und welche Ziele mit dem Archiv verfolgt werden.

Wer einen Einblick in die Dokumente des Tschetschenien-Archivs erhalten will, muss nach Ostermundigen bei Bern gehen, wo sich die Schweizer Büros der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) befinden, einer Nicht-Regierungsorganisation.

"Haben Sie starke Nerven", fragt GfbV-Geschäftsleiter Christoph Wiedmer, als er einen Computer einschaltet, der sich im Untergeschoss des Gebäudes befindet. Um Zeugen und Zeuginnen zu schützen, die über das Kriegsgeschehen sprechen, ist das Gerät nicht ans Internet angeschlossen. Wer sich das Archivmaterial ansehen will, muss einen Antrag einreichen, in dem die Gründe für die Dokumenteneinsicht klar gemacht werden – und man muss sich persönlich vor Ort begeben.

Das Tschetschenien-Archiv besteht zur Hauptsache aus 1270 Videoaufnahmen, die zwischen 1994 und 2006 entstanden sind. Sie beinhalten Interviews mit Zeugen und Zeuginnen der Kriegsgräuel, mit Soldaten, Journalisten und mit Opfern oder deren Angehörigen in den zerstörten Dörfern. In dem Archiv finden sich auch einmalige Aufnahmen der russischen Journalistin Anna Politkowskaja, die 2006 in Moskau ermordet wurde.

"Säuberungs"-Operationen

Die tschetschenische Menschenrechts-Aktivistin Sainap Gaschajewa, auf die das Projekt zurückgeht, flüchtete 2010 in die Schweiz, wo sie politisches Asyl erhielt. Während Jahren hatte sie die Ereignisse in den beiden Tschetschenien-Kriegen aktiv dokumentiert. "Ich gehörte zu einer Gruppe von Frauen, deren Ziel es war, zu zeigen, was in dem Land wirklich geschah. Wenn in einem Dorf eine "Säuberungs"-Operation stattfand, gingen wir dorthin. Wir filmten die Zerstörungen, die Toten, sprachen mit den Opfern. Die Videokamera versteckten wir in einer Einkaufstasche, die Fotokamera unter unseren Kleidern. Die Frauen in Tschetschenien haben eine sehr traditionelle Rolle, doch im Verlauf des Kriegs wurde alles anders."

"Sainap Gaschajewa würde heute lieber in Tschetschenien leben und ihre Arbeit als Verteidigerin der Menschenrechte vor Ort fortsetzen", erklärt Ruth-Gaby Vermot-Mangold, die Präsidentin des Tschetschenien-Archivs. "Aber das ist leider nicht möglich. Sie erhielt Morddrohungen und musste ihr Leben retten." Die ehemalige sozialdemokratische Abgeordnete im Schweizer Parlament, die auch als Vize-Präsidentin der Migrationskommission in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats amtierte, war während und nach den Kriegen mehrmals nach Tschetschenien und Inguschetien gereist.

In Erdlöchern vergraben

"Die Einrichtung dieses Archivs ist ein Beispiel für interkulturelle Zusammenarbeit", erklärt Vermot-Mangold weiter. "In Tschetschenien waren die Zeugenaussagen in Hausmauern oder in Erdlöchern versteckt worden. Später mussten sie dann in die Schweiz transportiert werden. Das war eine sehr komplizierte Etappe, aber letztlich hat es geklappt." Und Sainap Gaschajewa fügt hinzu: "Journalisten, Politiker und sogar ein Priester haben uns geholfen."

Danach mussten die Unterlagen aufbereitet, das heisst digitalisiert, analysiert und zusammengestellt werden, was mehrere Jahre dauerte. "Ich bin überzeugt, dass es uns gelungen ist, eine gute Struktur zu schaffen. Sie erlaubt uns, die Identität der Opfer und Zeugen geheim zu halten und diese damit zu schützen", sagt Vermot-Mangold.

"Die Archive sind für die Öffentlichkeit zugänglich, aber wer Einsicht haben möchte, muss seine oder ihre Beweggründe dafür darlegen und Angaben zur eigenen Person machen. Es ist sehr wichtig, dass die Barrieren zum Schutz der Opfer sehr solide sind."

Aufarbeitung der Vergangenheit

Wäre es nicht besser, den Krieg zu vergessen, um dem Frieden eine Chance zu geben? "Vergangenheitsbewältigung, 'dealing with the past' ist ein wichtiges Konzept", antwortet Christoph Wiedmer. "In diesem Fall besteht das Ziel darin, Lehren aus den Ereignissen zu ziehen. Und diese Bemühungen sind entscheidend, um einen echten Frieden zu erlangen. Das gilt für Afrika, den Balkan, aber auch für die Länder der ehemaligen Sowjetunion. Wir sagten uns immer, auch wenn unser gigantisches Unternehmen nur zur Einrichtung dieses Archivs führen würde, wäre dies auf jeden Fall besser, als die Augen zu verschliessen und nichts zu tun."

Wiedmer ruft in Erinnerung, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg bei der Wiederherstellung der historischen Wahrheit und der Gerechtigkeit eine bedeutende Rolle spiele. In Verfahren, die von tschetschenischen Bürgern eingereicht wurden, hätten die Strassburger Richter Russland mehrmals für schuldig befunden. Wiedmer findet aber, dies reiche nicht aus. Es braucht seiner Ansicht nach unbedingt eine ähnliche Einrichtung wie das Internationale Strafgericht für das ehemalige Jugoslawien.

Sainap Gaschajewa hatte ihrerseits den Traum, dass das Archiv in Tschetschenien bleiben könnte. "Ich wollte ein 'Haus des Friedens' schaffen, ein Museum, in das alle kommen könnten, zum Beispiel, um Informationen über Angehörige zu suchen. Einen Ort, an den man mit seinen Kindern kommen und ihnen etwa sagen könnte: 'Schaut, hier, das war das Haus meines Grossvaters.' Ich sprach über dieses Projekt, als [Achmad] Kadyrow, der Vater, an der Macht war (2003-2004, N.d.R.), aber niemand in der Regierung wollte mir helfen. Sie wollten nichts anfassen, das sich mit dem Thema befasste. Sie unternahmen alles, um den Krieg zu vergessen und alle Spuren zu tilgen."

Thema Straflosigkeit

Denkt Ruth-Gaby Vermot-Mangold, dass Tschetschenien heute ein sicheres Land ist? "Sicher nicht! Viele Menschen, die Verstösse gegen die Menschenrechte anprangerten, mussten das Land verlassen, wurden ins Gefängnis gesteckt, erlitten Folter oder sind verschwunden."

"Die Hauptstadt Grosny wurde wieder aufgebaut", sagt Vermot-Mangold weiter. "Man sieht die Verletzungen und Zerstörungen aus den Kriegen nicht mehr. Aber die Verbrechen blieben ungesühnt. Wir wollen, dass das Tschetschenien-Archiv für Filme, Interviews und Recherchen genutzt wird, um Licht auf die Ereignisse in den Kriegen zu werfen. Es darf keine Straflosigkeit geben!"

Gesellschaft für bedrohte Völker

Die Nicht-Regierungsorganisation Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) wurde 1968 in Deutschland gegründet, während dem Bürgerkrieg in Nigeria (Biafra-Krieg), einem der blutigsten Konflikte der 1960er-Jahre. Die Schweizer Sektion wurde 1989 ins Leben gerufen.

Die Organisation setzt sich für die Rechte verfolgter oder bedrohter ethnischer, sprachlicher oder religiöser Minderheiten, Völker ohne Staat und Ureinwohnergemeinschaften ein.

Sie dokumentiert Menschenrechtsverletzungen, informiert die Öffentlichkeit und vertritt die Interessen betroffener Gruppen gegenüber den Behörden. Sie unterstützt lokale Initiativen, um die Rechte von Minderheiten und autochthonen Völkern zu stärken. In den vergangenen Jahren befasste sich die Organisation unter anderem mit der Lage der Roma in Kosovo, den Minderheiten in Iran, den Kurden in Irak und den Pygmäen im Kongo.

Die Schweizer Sektion der GfbV wird finanziert durch Jahresbeiträge ihrer rund 12'000 Mitglieder, die Unterstützung von Sponsoren und durch gezielte Spendensammlungen zur Umsetzung konkreter Projekte. Das Jahresbudget der Schweizer Sektion, die rund 12 Angestellte hat, beträgt etwa eine halbe Million Franken.


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)

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