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Assistierter Suizid Wie Dignitas im Ausland für Sterbehilfe missioniert

Die Schweizer Sterbehilfeorganisation DIGNITAS engagiert sich politisch und rechtlich in anderen Ländern, um den assistierten Suizid weltweit zu legalisieren. Sie rechtfertigt ihre missionarische Tätigkeit damit, dass politische und religiöse Eliten im Ausland den Willen der Bevölkerung nicht respektierten. Da ist durchaus was dran.

Ein tödliches Mittel

In der Schweiz ist es legal, jemandem ein tödliches Mittel für den Suizid zu besorgen - sofern die Hilfe nicht aus selbstsüchtigen Gründen erfolgt.

(Keystone/Alessandro Della Bella)

In der Schweiz ist der assistierte Suizid erlaubt. Mehrere Organisationen bieten diesen "Service" an. Weil Sterbehilfe in den meisten Ländern der Welt verboten ist, kommen viele Ausländer und Ausländerinnen in die Schweiz, um sich hier beim Suizid helfen zu lassen.

Manche der Schweizer "Right to die"-Organisationen lassen es aber nicht dabei bewenden. Sie engagieren sich im Ausland für die dortige Legalisierung des assistierten Suizids. Allen voran der Verein "Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterbenexterner Link".

Nach eigenen Angaben will Dignitas sich mit diesem Engagement selbst überflüssig machenexterner Link, so dass schwerkranke Personen nicht in die Schweiz reisen müssen, sondern in ihrem eigenen Land Hilfe beim Suizid erhalten. Der Verein versteht sich als "Kampforganisation", die sich mit "universaler Militanz"externer Link engagiert, bis alle Staaten ihren Bewohnern das Recht auf Wahlfreiheit und Selbstbestimmung am Lebensende, die auch die Freitodbegleitung einschliesse, zuerkennen.

Auch Exit Deutsche Schweiz engagiert sich politisch und juristisch. Aber: "Exit Deutsche Schweiz ist eine nur in der Schweiz tätige Non-Profit-Organisation. Sie kann und will sich nicht in die Politik anderer Länder einmischen", sagt Jürg Wiler von Exit Deutsche Schweiz.

Exit beteilige sich beispielsweise nicht an politischen Eingaben an die EU oder ähnliches. "Wie ein Staat mit seinen Bürgern am Lebensende umgeht, kann nur der jeweilige Staat allein bestimmen", so Wiler.

Der Umgang mit Sterbehilfe sei zudem stark kulturell geprägt. "Die Schweiz hat eine freiheitliche Lösung. Es ist nicht sinnvoll, diese Lösung anderen Kulturen aufzudrängen."

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Diesen Kampf führt Dignitas nicht allein: Auch auf der Websiteexterner Link der Stiftung Eternal Spiritexterner Link steht: "Eternal Spirit engagiert sich dafür, die Legalisierung der Freitodbegleitung in allen Ländern voran zu treiben." Exit ADMD Suisse Romandeexterner Link engagiert sich nach eigenen Angaben "gewissermassen" im Rahmen der Mitgliedschaft im Weltverband der Sterbehilfeorganisationenexterner Link für die Legalisierung des assistierten Suizids weltweit.

Musterprozesse und politische Stellungnahmen

Wie sieht das internationale Engagement von Schweizer "Right to die"-Organisationen konkret aus? Die Präsidentin der Stiftung Eternal Spirit, Erika Preisig, engagiert sich mit Auftritten an ausländischen Podien, Talkshows und Fernsehsendungen sowie beispielsweise einem Vortrag am Europäischen Gerichtshof für die Legalisierung der Sterbehilfe.

Der Verein Dignitas geht deutlich weiter:

  • Musterprozesse: "Dignitas hat diverse Gerichtsverfahren geführt oder unterstützt", sagt das Dignitasexterner Link-Team auf Anfrage. Zum Beispiel vor dem Europäischen Menschenrechtsgerichtshof oder dem deutschen Bundesverfassungsgericht. DIGNITAS sei weltweit die einzige Organisation, welche sich seit der Gründung vor 20 Jahren international bezüglich Rechtsfortentwicklung mittels Präzedenzfällen rund um "die letzten Dinge" erfolgreich engagiere, so das Dignitas-Team.



  • Empfang und Unterweisung von Politikern, Juristen oder Komitees: Ein Komitee aus Grossbritannienexterner Link besuchte Dignitas im Jahr 2005, um Einblick in die Schweizerische Suizidbeihilfe zu erhalten. Die Baroness Jay of Paddington sagte später während einer Parlamentsdebatte im House of Lordsexterner Link:"Es ist mehr als 20 Jahre her, seit ich zum ersten Mal über Sterbehilfe debattiert habe. Seitdem habe ich in zwei Ausschüssen zu diesem Thema gesessen, die Organisation Dignitas in der Schweiz besucht und den Death with Dignity Act in Oregon untersucht. Aus diesen Erfahrungen habe ich viel gelernt, und meine Ansichten haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und gefestigt." Auch aus anderen Ländern wie Taiwan oder Australien kamen Juristen, Komitees oder Politiker zu Dignitas, um sich das Schweizer System erklären zu lassen.


  • Internationale Vernetzung: Dignitas ist weltweit vernetzt und arbeitet mit anderen Organisation, nicht nur der Right to Die-Bewegung, zusammen. "Dignitas kooperiert mit verschiedenen Organisationen und Fachpersonen weltweit, die sich in ihren jeweiligen Ländern für Wahlfreiheit und Selbstbestimmung in diesen Fragen sowie der eigenverantwortlichen Leidensbeendigung einsetzen", sagt Dignitas.


  • Gründung neuer Lobby-Organisationen: 2005 wurde auf deutsche Initiative mit Unterstützung von Dignitas in Hannover der eigenständige Verein "Dignitas – Menschenwürdig leben – Menschenwürdig sterben (Sektion Deutschland) e.V. gegründet". Dignitas-Gründer Ludwig A. Minelli sagte damals gegenüber deutschen Medienexterner Link: "Wir helfen Menschen, die ihr Leben aus zureichenden Gründen beenden möchten. Und wir möchten, dass das auch in Deutschland möglich würde." Weitere Vereinsgründungen sind zurzeit nach Auskunft von Dignitas nicht geplant: "Das ist nicht nötig", sagt das Dignitas-Team. Denn normalerweise würden durch örtliche engagierte Personen Organisationen gegründet. "Dignitas unterstützt diese mit Rat und Tat."


Jemand hält einem Menschen die Hand
(Image Point/Werner Otto)

Empörung im Ausland

Wie wird das Einmischen der Schweizer Organisationen in die Angelegenheiten anderer Länder – zumal in einer ethisch höchst umstrittenen Causa – aufgenommen? In den Medien der betreffenden Länder scheint es noch nicht bemerkt worden zu sein. Das mag der Natur erfolgreichen Lobbyings geschuldet sein.

Dieses geschieht oft besser im Stillen, unter dem Radar der Öffentlichkeit, was bis auf die Plakate in Berlin auf alle entsprechenden Dignitas-Aktivitäten zutrifft. Doch wer das Tun von Dignitas bei der Gegnerschaft der Sterbehilfe diskutiert, trifft auf die Empörung, die dort erwartet werden kann.

"Es ist sehr unverantwortlich, wenn Regierungen bei der Prüfung der Frage, ob assistierter Suizid legalisiert werden soll, Berichte der Sterbehilfelobby ernst nehmen", sagt beispielsweise Alex Schadenberg, Executive Director der kanadischen Euthanasia Prevention Coalitionexterner Link, gegenüber swissinfo.ch. Seine Organisation hatte 2015 erfolglos gegen die Legalisierung der Sterbehilfe gekämpft, während die Interessen von Dignitas obsiegten.

Auch Matthias Kopp, Pressesprecher der Deutschen Bischofskonferenz, sagt gegenüber swissinfo.ch: "Natürlich halten wir das massive, auch grenzübergreifende politische Engagement der sogenannten Sterbehilfevereine inhaltlich für hoch problematisch."

Auch wenn Dignitas mit Plakaten dagegen kämpfte, der deutsche Gesetzgeber hat die organisierte Suizidhilfe verboten. "In Deutschland haben wir vielleicht nicht zuletzt aufgrund unserer Geschichte eine besonders hohe Sensibilität für die Würde des menschlichen Lebens", vermutet Knopp. Und dafür seien sie dankbar.

Missionierung oder Hilfe?

Auf die Frage, ob Dignitas mit seinem Engagement eine Schweizer Sicht missionarisch in der ganzen Welt verbreiten wolle, relativiert der Verein: "Dignitas arbeitet nach dem Prinzip, sich bei aufkeimenden oder bestehenden parlamentarischen Diskussionen, Gerichtsfällen, öffentlichen Diskussionen, usw. zu beteiligen." Der Anstoss müsse aber im Land selbst entstehen. "Die Initiative zur Veränderung geht grundsätzlich von Personen und Organisationen in den jeweiligen Ländern aus", sagt das Dignitas-Team.

Mit anderen Worten: Dignitas mischt sich nur dort ein, wo der Verein den Eindruck hat, es bestehe in der Bevölkerung der Wunsch nach einer Legalisierung des assistierten Suizids. Auch Dignitas ist sich bewusst: "Jedes Land und jeder Kulturkreis hat seine eigene Art, mit Fragen der Leidensbeendigung und dem Lebensende umzugehen."

So engagiert sich Dignitas beispielsweise nicht in muslimischen Ländern, weil Sterbehilfe dort zurzeit kein Thema zu sein scheint. Dignitas sieht sich also nicht als Missionar, sondern eher als Anwalt der Bevölkerung gegenüber einer politischen, religiösen und ärztlichen Elite, welche Sterbehilfe einschränken oder verboten haben will.

Auch Erika Preisig, Präsidentin der Stiftung Eternal Spirit, teilt die Einschätzung, dass vor allem politische und religiöse Eliten in anderen Ländern an Verboten festhalten, während die Bevölkerungen sich eigentlich Zugang zum assistierten Suizid wünschen: "Es sind immer wieder Politiker und vor allem religiöse Gruppierungen, die gegen uns arbeiten, die den Wunsch der Bevölkerung nicht respektieren", sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

Bürger wollen Selbstbestimmung am Lebensende

Ein Blick auf Meinungsumfragenexterner Link bestätigt, dass an der These von Dignitas und Eternal Spirit durchaus etwas dran ist: Gemäss Umfragenexterner Link ist in vielen europäischen Ländern wie auch in den USAexterner Link eine Mehrheit der Bevölkerung gegen ein Sterbehilfeverbot.

Hingegen unterstützen 56% der in der Palliativmedizin in Deutschland tätigen Fachkräfteexterner Link gemäss einer Umfrage ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe. Der Deutsche Bundestag verabschiedete 2015 ein restriktives Gesetz, obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung gemäss Umfragenexterner Link dagegen war.

Es scheint also tatsächlich eine Diskrepanz zu geben zwischen der Meinung der Bürgerinnen und Bürger einerseits sowie bestimmter Fachpersonen oder Politiker anderseits. Dignitas wirft daher mit einigem Recht die Frageexterner Link auf, ob die restriktiven Gesetzgebungen ausreichend demokratisch legitimiert seien.

Auch in der Schweiz haben Volksabstimmungenexterner Link und Umfragen gezeigt, dass eine sehr grosse Mehrheit der Bevölkerung die Sterbehilfe nicht verbieten lassen will. Dank direkter Demokratie ist diese liberale Haltung im Unterschied zu vielen anderen Ländern in der Schweiz auch gesetzliche Realität.

Nachdem die Zürcher Bevölkerung sich 2011 wuchtig gegen eine Einschränkung der Suizidhilfe ausgesprochen hatte, verzichtete die Schweizer Regierungexterner Link kurz danach darauf, die organisierte Suizidhilfe national zu regulierenexterner Link.

Engagement zeigt Wirkung

Das internationale Engagement von Schweizer "Right to die"-Organisationen scheint erste Erfolge zu zeigen: "Es gibt positive Entwicklungen in diversen Ländern, an denen Dignitas beteiligt war", sagt das Dignitas-Team stolz und zählt auf: Kanada hat 2015 das Verbot der Suizidhilfe per Gerichtsentscheid abgeschafft. In Deutschland hat sich das Bundesverwaltungsgericht in einem Dignitas-Rechtsverfahren 2017 für einen Anspruch auf Zugang zu einem Mittel zur selbstbestimmten Lebensbeendigung ausgesprochen. Das Parlament von Victoria (Australien) hat Ende 2017 für die "Voluntary Assisted Dying Bill" gestimmt.

Die Mission von Dignitas ist noch nicht beendet: "Es gibt noch sehr viel Arbeit um echte Wahlfreiheit und Selbstbestimmung zur Steigerung der Lebensqualität und zur Suizidversuchsprävention umzusetzen", so Dignitas.

Kontaktieren Sie die Autorin @SibillaBondolfi auf Facebookexterner Link oder Twitterexterner Link.

swissinfo.ch

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