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Atomabkommen mit Iran


Diplomatie und Rohstoffe profitieren vom Hub Schweiz




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Von der Schweiz aus operierende Rohstoffhändler sind in den Startlöchern für eine Öffnung des iranischen Ölmarktes. (Reuters)

Von der Schweiz aus operierende Rohstoffhändler sind in den Startlöchern für eine Öffnung des iranischen Ölmarktes.

(Reuters)

Als globaler Hub für Diplomatie und Rohstoffhandel ist die Schweiz prädestiniert dafür, bei der möglichen Öffnung der iranischen Märkte gegenüber der Welt eine zentrale Rolle zu spielen.

Schweizer Händler handelten in der Vergangenheit mit iranischem Öl durch die Hintertür. Ein iranischer Atomdeal, der diese Woche in der Schweiz zwischen Iran und den fünf UNO-Vetomächten USA, Russland, China, Grossbritannien und Frankreich sowie Deutschland ausgehandelt wird, könnte den Handel mit iranischem Öl auf eine legale Basis heben. Iran verlangt rund 7 Mrd. Dollar Entschädigung. Diese Summe sei dem Land wegen der internationalen Sanktionen entstanden und hätten der Wirtschaft grossen Schaden zugefügt. Eine Einigung im Atomstreit könnte laut Experten den Weg frei machen für milliardenstarke Verträge im Öl- und Rohstoffbereich, ein Handel, der durch Schweizer Handelsnetzwerke fliessen würde. In der Schweiz werden rund 20% des weltweiten Rohstoffhandels abgewickelt.

Abgesehen von der "riesigen zusätzlichen Geldmenge, die der Schweizer Wirtschaft zufliessen würde", hätte das Abkommens grosse Auswirkungen auf die Glaubwürdigkeit der Schweiz sowie auf ihr Prestige als multi-dimensionale Macht im Rohstoffmarkt inmitten geopolitischer Vertragsabschlüsse, sagt Emmanuel Fragnière, Dozent für Rohstoffhandel an der Genfer Fachhochschule für Wirtschaft (HEG).

"Sie ist bereits ein Hub zum Beispiel für Öl und Getreide. Auch wenn es weltweit Konkurrenz gibt im Handel mit gewissen Rohstoffen, zum Beispiel mit Singapur, so ist der Hub in der Schweiz doch einzigartig, nämlich weil dort mit mehreren Produkten und Rohstoffen gehandelt wird", sagte Fragnière gegenüber swissinfo.ch. Laut dem Experten sind die Zeiten vorbei, als die Händler auf ein spezielles Produkt oder Getreide fokussierten.

"Ausserdem wird alles, was einen Bezug zu Politik hat, in der Schweiz diskutiert. Es gibt eine starke geopolitische Dimension. Es geht darum, genügend Energie für ein Land zu bekommen", sagte er mit Blick auf steuergünstige Oasen wie Genf, Zug oder Lugano, die als wichtige Zentren dienen für den Handel mit Rohmaterialen für Firmen wie GlencoreXstrata, Trafigura und Vitol.

 (swissinfo.ch)
(swissinfo.ch)

Der 20-Milliarden-Franken starke Rohstoffhandels-Sektor der Schweiz macht 3,5% des Bruttoinlandprodukts des Landes aus. Also mehr als der Tourismus, wie die jüngsten Zahlen der Regierung zeigen.

Genf beherbergt nicht nur wichtige Rohölhändler wie Gunvor, Trafigura und Vitol, sondern ist auch ein bedeutendes Zentrum für Diplomaten, politische Entscheidungsträger und Mitarbeiter des europäischen UNO-Hauptsitzes sowie hunderter anderer internationaler Organisationen.

US-Aussenminister John Kerry und ranghohe iranische Diplomaten führten diese Woche Gespräche in Montreux, wo sie laut eigenen Angaben gewisse Fortschritte in Bezug auf die Verhandlungen um Teherans Nuklearprogramm verzeichnen konnten. Bis Ende März soll ein Rahmenabkommen stehen. Bislang hat Iran US-Präsident Barack Obamas Vorschlag, das iranische Atomprogramm für mindestens ein Jahrzehnt einzufrieren, allerdings zurückgewiesen. Einige Iraner verlangten sieben Jahre, einige Amerikaner schlugen 15 Jahre vor.

Nur Spekulationen

Zu den aktuellen Atomgesprächen sagte der Schweizer Botschafter in Washington, Martin Dahinden, jüngst gegenüber swissinfo.ch lediglich, dass "die Schweiz die Schutzmacht der USA in Iran ist. Angesichts der Art dieses Mandats kann ich dazu nichts sagen."

Da die Verhandlungen mit Iran zur Zeit noch im Gang sind, geben sich die Vertreter der Rohstoffindustrie zurückhaltend bezüglich der Frage, welche Auswirkungen eine Einigung haben könnte. Ein Vertreter der Swiss Trading and Shipping Association wollte keine Stellung nehmen und sagte, es gebe keine genauen Zahlen darüber, was ein Deal für die für ihre Verschwiegenheit bekannte Industrie bedeuten könnte.

Gemäss jüngsten Zahlen des Rohstoffverbands gibt es in der Schweiz rund 500 Firmen mit zirka 10'000 Mitarbeitenden, die direkt im Rohstoffhandel und –transport involviert sind. Das ist ein Drittel des Sektors globaler Handel mit Rohöl und anderen Rohstoffen.

Ein Abkommen mit Iran könnte lukrative Geschäfte und Verträge mit ausländischen Investoren im Rohölmarkt ermöglichen. Iran ist die Nummer 4 bei Rohölreserven und die Nummer 2 bei Erdgasvorkommen weltweit. Wegen verschärfter Sanktionen durch die UNO und westliche Länder ging die Rohölgewinnung zwischen 2011 und 2013 jedoch um mehr als die Hälfte auf knapp über eine Million Barrel pro Tag zurück. 2014 erhöhte der Iran die Produktion wieder etwas. Wie aus offizieller iranischer Quelle verlautete, könnte das Land seine Exporte verdoppeln, wenn die Sanktionen aufgehoben würden.

Ein grösseres Angebot an Rohöl, dessen Preise in letzter Zeit massiv absackten, würde den Preiszerfall fortsetzen. Davon wiederum würden die Rohstoff-Importeure profitieren. Von steigenden Preisen würden umgekehrt jedoch die Exporteure profitieren.

Joseph Di Virgilio, Experte für Energie und Rohstoff sowie leitender Investor bei Ardour Asset Management, das auf Alternativenergien und natürliche Ressourcen spezialisiert ist, bestätigte gegenüber swissinfo.ch, ein grösseres Angebot würde zu einem weiteren Preiszerfall bei Rohöl führen.

Schweizer Rohstofffirmen hätten in der Vergangenheit mehr als andere westliche Unternehmen mit Öl von Produzenten gehandelt, die auf "Schwarzen Listen" figurierten, sagt Di Virgilio. Sollten die Sanktionen fallen, wäre Teheran wahrscheinlich nicht in der Lage, seine Produktion so stark zu erhöhen, dass die globalen Ölmärkte dies ernsthaft zu spüren bekämen, so der ehemalige Genfer Rohölhändler.

"Im Fall Irans haben wir beobachtet, dass die Schweizer Regierung hin und her agierte. So stoppte Bern den Import von iranischem Öl im Jahr 2006. 2012 wurde dieser Entscheid wieder aufgehoben", so Di Virgilio.

"Genf wird weiterhin Liquidität bereitstellen. Vielen Rohstoffhändlern dürfte mehr Transparenz bei möglichen Geschäften mit Iran helfen, vorausgesetzt, der Deal kommt zustande", erklärte er. "Genf bleibt ein wichtiges Zentrum für den Rohstoffhandel, nicht nur für Energieträger, sondern auch für Agrarrohstoffe."

Dringliche Transparenz

Die mögliche Öffnung der iranischen Märkte ist für die regierungsunabhängige Organisation Erklärung von Bern (EvB) an und für sich kein Problem. Laut der NGO, die zur Kontrolle des Schweizer Rohstoffmarktes eine unabhängige Aufsichtsbehörde verlangt, auch weil sich der Sektor nicht allein regulieren könne, engagiert sich gegen systemrelevante Korruption, Ungleichheit und Umweltmissbrauch und für mehr Transparenz im Schweizer Rohstoffhandel.

"Wir beurteilen keine Märkte", erklärte Oliver Classen von der Erklärung von Bern. "Wir sind besorgt über fehlende politische Regulierung und Kontrolle (im Rohstoffhandel)…Wenn es keine Sanktionen gibt, dann gelten nur die Marktregeln."

Bereits im letzten Jahr hat die Schweizer Regierung Massnahmen angekündigt, um die Rohstoffbranche zu mehr Transparenz zu zwingen. So sollen Firmen, die im Rohstoffbereich tätig sind und mit anderen Ländern Geschäfte betreiben, dazu verpflichtet werden, ihre Zahlungen offenzulegen.

Finanzielle Massnahmen, die in der Europäischen Union und in den USA eingeführt wurden, erschweren den Handel mit Iran für Nahrungsmittel und andere Grundprodukte. GlencoreXstrata und grössere Agrobusiness-Unternehmen wie Archer Daniels Midland und Cargill, die auch grössere Betriebe in der Schweiz haben, sind grosse Player im Nahrungsmittelhandel mit Iran.

Fachhochschul-Dozent Emmanuel Fragnière sieht die Stärken der Schweiz vor allem in diesen Bereichen. "Wenn man heutzutage eine reine Handelsfirma betreiben will, muss man diese Synergien entwickeln und in all diesen Zulieferketten einen Fuss drin haben. Innert zehn Jahren hat sich das Umfeld verändert. Wir begannen in einem Markt, der von Spezialisten geführt wurde und gingen zu einem Markt über, der zusammenhängend und verkoppelt ist."

Die Schweiz sei ein sehr teurer Hub, betont der Genfer. "Gleichwohl ist sie der einzige Hub, der mit mehreren Märkten verbunden ist. Deshalb hat er die Fähigkeit entwickelt, einen Rohstoffsektor zu bewältigen, der den neuen Regeln des Rohstoffhandels angepasst ist", sagte Fragnière. "Es gibt hier eine lange Tradition, Probleme von geopolitischen Handelsdimensionen zu lösen."


(Übersetzung aus dem Englischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch

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