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Aufhebung Euro-Mindestkurs


Franken-Hausse lässt osteuropäische Hausbesitzer verzweifeln




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Danzig, Polen, 24. Januar 2015: Wütende Hausbesitzer gehen auf die Strasse und verlangen Hilfe vom Staat, weil ihre Schulden quasi über Nacht explodiert sind. (AFP)

Danzig, Polen, 24. Januar 2015: Wütende Hausbesitzer gehen auf die Strasse und verlangen Hilfe vom Staat, weil ihre Schulden quasi über Nacht explodiert sind.

(AFP)

Jahrzehntelang haben Menschen in Osteuropa Hypotheken in Schweizer Franken aufgenommen, aus Vertrauen auf die stabile Währung. Mit dem jüngsten Hochschnellen des Franken nach der Aufgabe des Euro-Mindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank sind jetzt ihre Schulden sprunghaft gestiegen, was viele in tiefe Verzweiflung treibt.

Als Agnieszka Gagala 2009 in Polen eine Hypothek in Schweizer Franken aufnahm, betrugen ihre Schulden 260'000 Zloty (64'000 Franken). Nachdem die Schweizerische Nationalbank (SNB) jüngst den Euro-Mindestkurs aufgab, stiegen die Wechselkurse so rasant an, dass Gagala nun 500'000 Zloty zurückzahlen muss.

Die monatlichen Rückzahlungen der Hypothek, die ursprünglich 1200 Zloty betragen hatten, stiegen auf 2000 Zloty, womit der 32-Jährigen zum Leben pro Monat noch 600 Zloty bleiben. "Ich kann kaum sagen, wie wütend und erschüttert ich bin", erklärte sie gegenüber swissinfo.ch.

"Viele Leute, die sich für eine Franken-Hypothek entschieden hatten, waren sich der Risiken nicht wirklich bewusst. Diese waren ihnen auch oft nicht sehr deutlich erklärt worden. Niemand kann von Kunden erwarten, dass sie über das gleiche Wissen verfügen wie Ökonomen."

Gagala ist nicht allein. Etwa 500'000 Häuser und Wohnungen in Polen wurden mit Franken-Darlehen gekauft. Die SNB schätzt, dass Haushalte in Europa momentan vor Franken-Hypothekarschulden im Umfang von insgesamt 230 Milliarden Franken stehen.

Staatliche Verbote

Das ist zwar weniger als im März 2009, als die Schulden in Schweizer Währung knapp 400 Mrd. Franken betragen hatten, bereitet aber trotzdem vielen Leuten grosses Kopfzerbrechen, die von der plötzlichen Aufwertung des Frankens am 15. Januar 2015 völlig überrumpelt wurden.

Vor allem in Osteuropa waren Kredite in Franken wegen der im Vergleich mit der jeweiligen lokalen Währung niedrigen Zinsen über Jahre verlockend gewesen; ironischerweise auch, weil der Franken als verlässliche Währung mit geringer Volatilität galt.

Doch all dies begann sich mit der Finanzkrise von 2008 zu ändern. Die wirtschaftlichen Turbulenzen, verursacht durch den globalen Absturz der Banken, liessen einige Länder fast Bankrott gehen. Der Franken fand sich in seiner traditionellen Rolle als sicherer Hafen und Fluchtwährung wieder und legte rasch an Wert zu.

Die schnell platzende Blase veranlasste die ungarische Regierung dazu, die Haushalte möglichst von Fremdwährungs-Krediten abzubringen; Ende letzten Jahres zwang sie die Banken schliesslich dazu, die noch verbleibenden Franken-Hypotheken in Kredite in der Landeswährung Forint umzuwandeln. Serbien verbot neue Franken-Hypotheken 2011.

Entspannung

Doch vor allem in Polen nahmen Haushalte weiterhin Kredite in Franken auf, um Immobilien, Autos und andere Anschaffungen zu finanzieren. Insgesamt sind in Polen Franken-Kredite im Volumen von über 32 Milliarden Franken ausstehend.

Nach Angaben der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) ist die Lage aber nicht gleich schwerwiegend wie unmittelbar nach der Finanzkrise von 2008. Vor sechs Jahren waren zum Beispiel nach Angaben der EBRD-Ökonomin Piroska Mohácsi Nagy 97% der Hypothekarkredite in Ungarn in Franken vergeben worden. Die EBRD war 1991 gegründet worden, um den Wiederaufbau in Osteuropa nach dem Fall der Mauer zu unterstützen.

"Heute sind die Engagements in Schweizer Franken geringer und es besteht, anders als auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise, nur wenig bis keine Gefahr systemischer Risiken", schrieb Piroska Mohácsi Nagy am 26. Januar 2015 auf der Website der EBRD.

Doch während der Schock der Franken-Aufwertung die Solvenz von Ländern oder deren Banken nicht akut bedrohen mag, ist die Notlage vieler Bürger und Bürgerinnen Grund zur Sorge: Soziale sind ein Risiko, die Stabilität gewisser Länder ins Wanken zu bringen. In Polen und Rumänien trugen die Menschen ihre Proteste bereits auf die Strasse und forderten bei Demonstrationen Hilfe von der Regierung.

SNB-Schockwellen breiten sich aus

Wie schon 2008 fordert die rasche Aufwertung des Schweizer Frankens auch einige weniger offensichtliche Opfer, die dem Trend gefolgt waren, Kredite in Franken aufzunehmen.

Frankreichs Regierung prüft die Aufstockung eines Unterstützungsfonds, um lokalen Behörden zu helfen, denen aufgrund solcher Kredite nun höhere Kosten entstehen. Der Fonds war eingerichtet worden, als sich einige Städte und Bezirke nach der Finanzkrise von 2008 mit Problemen konfrontiert sahen. Die abrupte Aufwertung des Frankens Mitte Januar 2015 erhöhte den Druck auf jene, die noch immer dabei sind, solche Schulden im Gesamtwert von schätzungsweise insgesamt 10 Milliarden Euro (10,4 Mrd. Schweizer Franken) zurückzuzahlen, wie die Agentur Reuters meldete.

Auch deutsche Medien berichteten über verschiedene Gemeinden, die vor Problemen stünden, weil sie Kredite in Franken aufgenommen hätten, in der falschen Annahme, dass diese weniger volatil sein würden als Schulden in Euro. So schnellten etwa die Fremdwährungsschulden der Städte Essen, Bochum, Münster und Dorsten nach dem Entscheid der SNB zur Aufgabe des Euro-Mindestkurses von 1,20 bedeutend in die Höhe, wie "Die Zeit" meldete.

Ein Grossteil des Zorns richtete sich gegen jene Geschäftsbanken, die solche Fremdwährungs-Kredite in erster Linie angeboten hatten und sich oft in ausländischem Besitz befinden.

"Wir sind sehr wütend. Wir sind sicher, dass die Banken uns betrügen, unsere Familien, unsere Kinder", schrieb ein polnischer Hausbesitzer, der nur als WS identifiziert werden wollte, an swissinfo.ch. "Die Banken stehen über dem Gesetz." Und weiter:

"Wir fordern, dass die Banken unsere Schulden in Zloty umwandeln, und zwar zum Preis [Wechselkurs], der galt, als wir unsere Hypotheken abschlossen. Es kann nicht sein, dass die Kunden 100% des Risikos tragen und die Banken nichts.

Zudem lasten wir der Schweizerischen Zentralbank an, nicht im Voraus davor gewarnt zu haben, dass sie plant, den Euro-Mindestkurs von 1,20 Franken aufzugeben. Es war für viele von uns ein grosser Schock. Diese Art Stress kann die Gesundheit ruinieren."

Keine einfachen Lösungen

Obschon es in den letzten sechs Jahren einige Warnungen vor den Wechselkurs-Risiken gab, haben viele Hausbesitzer das Gefühl, sie seien von den Banken getäuscht oder zum Abschluss einer Franken-Hypothek gedrängt worden, ohne dass man sie aber umfassend über alle Risiken informiert habe.

Dies erinnert an das Argument, das viele kleine Anleger weltweit aufbrachten, nachdem die Finanzkrise komplexe Investitionsmodelle vernichtet hatte, die sie nicht oder nicht vollständig verstanden hatten.

Die Regierung Polens, wo im Herbst Neuwahlen anstehen, wandelt auf einem schmalen Grat. Einerseits will sie die Glaubwürdigkeit des polnischen Finanzplatzes erhalten, andererseits den Erwartungen der etwa 500'000 potentiellen Wählerinnen und Wählern mit Frankenkrediten gerecht werden.

So schloss die Regierung eine Zwangsumwandlung der Frankenkredite nach dem Muster Ungarns zwar aus, will aber, dass die Banken ihren gebeutelten Kunden mit gewissen Konzessionen entgegenkommen. Sie scheint bereit, einen gewissen Druck auf die Banken auszuüben, die tiefen Frankenzinsen an die Kreditnehmer weiterzugeben und notfalls den Zeitrahmen für Kreditrückzahlungen zu verlängern.

Kurz nachdem die SNB den Euro-Mindestkurs aufgegeben hatte, stimmte das kroatische Parlament dafür, die Banken im Land auf einen künstlichen Frankenwechselkurs zu verpflichten. Auch in Rumänien sucht die Regierung nach Massnahmen, um die Auswirkungen des SNB-Entscheids auf die 75'000 Personen mit Frankenkrediten zu verringern.


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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