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Auslandschweizer-Community Stich für Stich in ein neues Leben

Familie

Matthias Oppliger (rechts) mit seiner Familie.

(zVg)

Ein Luzerner schenkt Opfern von Menschenhandel neue Perspektiven und stellt sie in seiner Näherei in Tel Aviv ein. Ein Projekt, das sich bis hin zur israelischen Regierung durchgesprochen hat.

Es ist gerade Mittagspause, im Nebenraum riecht es nach Schakschuka. S. hat es gekocht. Für sich und die anderen Arbeiterinnen. Das tut sie regelmässig. Noch vor zwei Jahren hätte sie sich zu der Uhrzeit vielleicht noch von ihrer Nachtschicht als Prostituierte erholt. Oder sich auf den nächsten Kunden vorbereitet. Vielleicht hätte sie auch bereits mit der Arbeit begonnen.

Auslandschweizer-Community

Die Journalistin Joëlle Weil lebt als Auslandschweizerin in Israel. Sie porträtiert in loser Folge interessante Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, denen sie in Facebook-Gruppen der Auslandschweizer-Community begegnet ist.

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Heute näht sie Taschen und Rucksäcke aus ausgedienten Kitesurfing-Segeln, Fallschirmen, Yacht-Segeln oder Neopren-Anzügen. Ehrliche Arbeit für ehrliches Geld. Und ein sicheres Umfeld ohne Ausbeutung, nach 30 Jahren im Rotlicht-Milieu.

In der Nachbarschaft der Opfer

S. ist nur eine Geschichte von vielen, die bei der Firma "kitepride"externer Link einen Neustart gefunden haben. Das Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, ehemaligen Opfern von Menschenhandel eine neue Perspektive zu schenken.

Es befindet sich im Süden Tel Avivs. Eine Nachbarschaft, deren Bild von Flüchtlingen und häufig von Opfern des Menschenhandels geprägt ist. Viele Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion tummeln sich hier. Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden.

Es ist ein strategischer Ort, den sich Geschäftsleiter und Gründer Matthias Oppliger (45) ausgesucht hat. Der Luzerner kam vor viereinhalb Jahren mit seiner Frau Tabea (41) und ihren drei Kindern zum ersten Mal nach Israel. Dass diese Ferien am Mittelmeer ihr Leben verändern werden, konnten sie damals nicht ahnen.

Bordelle nach Feierabend

Matthias und Tabea wuchsen beide als Missionarskinder in Papua Neuguinea auf. Entwicklungshilfe sei ihnen deshalb in die Wiege gelegt worden, sagt Matthias. Durch Medienberichte erfuhr Tabea vom Menschenhandel im Zusammenhang mit Prostitution in der Schweiz.

Eine Frau in Oppligers Atelier bearbeitet ein Stück Stoff.

(zVg)

Als gelernte medizinische Masseurin entschied sie sich, auf ihre Art zu helfen. So begann sie, nach Feierabend Bordelle zu besuchen und Prostituierte kostenfrei zu massieren. Und während Tabea massierte, hörte sie in den Nebenräumen, wie die Freier ihren Trieben nachgingen. Auch auf dem Strich bot sie Frauen Entspannung an und erfuhr so mehr und mehr über das Leben der Opfer von Menschenhandel.

Matthias glaubt nicht an Schicksal. Dafür aber an göttliche Fügung. Und so kam mit den Jahren alles zusammen: Familienferien in Tel Aviv entpuppten sich als Startschuss für ein neuen Leben.

Dass alle drei Kinder hebräische Vornamen hatten, könne wohl auch kein Zufall sein, meint er. Die israelischen Namen hätten ihnen schon immer irgendwie gefallen. Sie erfuhren während ihres Aufenthalts mehr über die misslichen Umstände in Süd-Tel Aviv und wussten, dass sie hier handeln wollen.

Umzug nach dem Gazakrieg

Einen Tag nach dem Gazakrieg 2014 zog die Familie um. Ihre Idee, Arbeitsplätze für ehemalige Sexarbeiterinnen und andere Opfern von Menschenhandel zu schaffen, fand in Israel schnell Gehör. Heute vermitteln verschiedene staatliche Organisationen und NGO Frauen, die als Arbeitnehmerinnen in Frage kommen.

Matthias beschäftigt 15 Mitarbeitende und acht freiwillige Helfer aus aller Welt. Nicht alle von ihnen haben dabei eine dramatische Vergangenheit: Unter ihnen ist auch israelisches Fachpersonal, Marketing- und Sales-Angestellte sowie Sozialarbeiter.

Auch Freiwillige, unter anderem aus der Schweiz, packen regelmässig mit an. Junge Menschen, die während ihren Ferien Gutes tun wollen und ihre Zeit in Israel sinnvoll nutzen möchten. "Wer gibt, der bekommt auch", sagt Matthias. Und das sei ein Lohn, für den es sich zu arbeiten lohne.

swissinfo.ch

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