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Bergführer "Unser Beruf ist einer der wenigen, bei denen man sein Leben aufs Spiel setzt"

tre persone incordate sulla vetta di una montagna innevata

In der Schweiz gibt es rund 1500 diplomierte Bergführer.

(Manuel Lopez)

Nach einem Unfall in den Bergen, wie jener in den Schweizer Alpen, bei dem im April fünf italienische Bergsteiger ums Leben kamen, wird häufig mit dem Finger auf den Bergführer gezeigt. Doch dieser setzt nicht selten sein Leben für die Wanderer aufs Spiel. Das sagt Pierre Mathey, seit über 25 Jahren Bergführer, im Interview mit swissinfo.ch.

Mit fast 50 Gipfeln mit einer Höhe von 4000 Metern und mehr ist die Schweiz ein Muss für Berg- und Hochgebirgsfreunde. Angetrieben vom Wunsch, den Gipfel zu erreichen, besteigen jedes Jahr Tausende das Matterhorn oder die Jungfrau. "Wer nicht an die Spitze kommt, spricht oft vom Scheitern. Für mich ist der einzige Misserfolg, wenn man nicht nach Hause zurückkehrt", sagt der 52-jährige Pierre Mathey, seit 25 Jahren Bergführer sowie Generalsekretär des Schweizer Bergführerverbandsexterner Link.

Die zahlreichen Medienberichte über dramatische Ereignisse könnten den Eindruck erwecken, dass die Unfälle in den Bergen zunehmen. Ist das der Fall?

Pierre Mathey: Zum Glück ist eher das Gegenteil der Fall. Im Verhältnis zur Zahl der Personen, die in der Schweiz Bergsport betreiben, sind die Unfälle sowohl im Sommer als auch im Winter zurückgegangen. Dieser Trend ist in fast allen Alpenländern zu beobachten.

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Unfalltote in den Bergen von 1997 bis 2017

Warum ist das so?

P. M.: Heute verfügen wir über eine bessere Ausrüstung, zum Beispiel fortgeschrittene Geräte für die Suche nach Lawinenopfer. Aber nicht nur das. Auch Information und Prävention haben sich verbessert. Ich denke zum Beispiel an das Lawinenbulletin. Die Schweiz ist das einzige Land der Welt, das täglich zwei Bulletins veröffentlicht, einen am Vormittag und den anderen am späten Nachmittag.

Ein weiteres wichtiges Element ist die Ausbildung von Bergführern und die Vorbereitung von Hobbywanderern, die dank der Alpenclubs an Auffrischungskursen teilnehmen können.

Die 10 besten Berge der Schweiz

Gemäss Schweiz Tourismusexterner Link sind das die zehn schönsten Berge der Schweiz:

Matterhorn (Wallis), Jungfrau (Berner Oberland/Wallis), Rigi (Schwyz), Eiger (Berner Oberland), Säntis (St. Gallen/Appenzell), Schilthorn (Berner Oberland), Dufourspitze (Wallis), Pilatus (Luzern), Niesen (Berner Oberland) und Piz Bernina (Graubünden).

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Ist die Ursache eines Unfalls immer menschliches Versagen?

P. M.: Es gibt immer eine menschliche Komponente, aber von "Fehler" zu sprechen, ist nicht immer richtig. Wenn man in die Berge geht, muss man eine gewisse Unvorhersehbarkeit in Kauf nehmen. Der Berg ist nicht reguliert und ist kein Ort, der periodisch sicher gemacht wird, anders als zum Beispiel eine Strasse.

Es wird oft gesagt, dass der Berg eine Person getötet hat. Das ist falsch: Der Berg tötet nicht. Natürlich birgt er einige objektive Gefahren wie eine Spalte, einen Steinschlag oder eine Lawine. Aber wir selbst sind es, die uns gefährden, wenn wir uns entscheiden, in die Berge zu gehen. Unsere Rolle als Bergführer ist es, dieses Risiko zu managen und zu reduzieren. Zum Nutzen des Kunden und uns selbst.

Das Matterhorn ist der Berg, an dem weltweit am meisten Menschen sterben. Seit der Erstbesteigung 1865externer Link sind mehr als 500 Menschen gestorben. Ist der Berg besonders gefährlich oder wird er einfach besonders häufig bestiegen?

P. M.: Ich würde sagen, beides. Jedes Jahr besteigen 3000 Menschen das Matterhorn. Als Vergleich: 20'000 besteigen den Mont Blanc. Es gibt dort viele Unfälle, aber sie sind nicht immer tödlich. Eine besondere Schwierigkeit stellt dagegen der Aufstieg zum Matterhorn dar. Man muss vielen Graten entlangwandern, und so führt ein falscher Schritt fast immer zu einem tödlichen Sturz.

persone camminano su un sentiero in montagna sullo sfondo di una vetta innevata

Das Matterhorn (4'478 Meter) ist ein wichtiges Symbol für die Schweiz.

(KEYSTONE/ VALENTIN FLAURAUD)

Der Unfall im Wallis Ende April, bei dem sieben Menschen, darunter fünf italienische Bergsteiger, ums Leben kamen, ist einer der schwersten der letzten Jahre. Welche Lehren können wir aus dieser Tragödie ziehen?

P. M.: Schon seit drei Jahren intensivieren wir den Informationsaustausch, um aus Fehlern und Unfällen zu lernen. Im Falle des Dramas von Pigne d'Arolla ist es noch zu früh, um Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber wenn so etwas passiert, ist klar, dass es eine Reihe von Dingen gegeben hat, die nicht funktioniert haben. Es war eine Kette von zufälligen negativen Ereignissen. Das ist ein schreckliches Drama, das glücklicherweise nur alle 50 Jahre passiert.

Es gab aber auch Stimmen, die den Bergführer der Gruppe beschuldigten…

P. M.: Ich finde es nicht richtig, von einem menschlichen Fehler zu sprechen. Der Bergführer leitete eine grosse Gruppe, das ist wahr, aber es waren erfahrene Leute. Es ist schwer zu sagen, was passiert ist. Vielleicht war die Natur damals zu stark für den Bergführer.

"Der italienische Bergführer hat sein Leben gegeben beim Versuch, seine Klienten zu retten. Was will man mehr?"

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Wie kann ich sicher Bergsteigen gehen?

P. M.: Eine Reihe von Dingen spielt eine Rolle: technische Ausbildung, Erfahrung und vor allem die Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen. Wir müssen der Natur gegenüber demütig bleiben, denn sie wird stärker sein als wir. Ich mag keine Ausdrücke wie "Wir haben den Gipfel erobert". Die Natur kann nicht gewonnen werden. Man geht nicht in die Berge, um etwas zu erobern, sondern um ein unvergessliches Erlebnis zu haben, Emotionen. Nicht umsonst gelten Bergführer als Fabrikanten von Erinnerungen.

Muss ich zwingend einen Bergführer dabeihaben?

P. M.: Nein. Die Alpen sind eine weltweite Ausnahme: Der Zugang ist kostenlos. Es gibt keine Gebühren oder Regeln.

Wie viel verdient ein Bergführer in der Schweiz?

P. M.: Der durchschnittliche Verdienst beträgt 650 Franken pro Tag. Es muss jedoch gesagt werden, dass ein Arbeitstag 10 oder 12 Stunden dauern kann, so dass der Stundenlohn sehr niedrig ist. Zum Beispiel dauert die Besteigung des Matterhorns zwei Tage und der Standardtarif beträgt 1300 Franken. Allerdings ist der Bergführer immer mit wirtschaftlicher Unsicherheit konfrontiert: Im Falle einer Stornierung sind die Einnahmen gleich Null.

Pierre Mathey, 52 Jahre alt, ist Generalsekretär des Schweizer Bergführerverbands.

(Pierre Mathey)

Einer Ihrer Kollegen sagte, Bergführer sei der einzige Beruf, bei dem man seinen Lebensunterhalt damit verdiene zu versuchen, am Leben zu bleiben. Was halten Sie davon?

M. P.: Um ehrlich zu sein... das ist ein schrecklicher Satz (er lacht). Natürlich ist Bergsteiger ein riskanter Beruf, aber das Risiko ist kalkulierbar und unter Kontrolle. Aber es ist unbestreitbar: Unser Beruf ist einer der wenigen, bei dem Sie Ihr Leben aufs Spiel setzen. Wieder zurück zum Unfall in Pigne d'Arolla: Auch wenn der italienische Bergführer einen Fehler gemacht haben sollte – was die Justiz klären wird –, gab er sein Leben beim Versuch, seine Kunden zu retten. Was will man mehr?

Wie hat sich der Job als Bergsteiger in den mehr als 25 Jahren Ihrer Berufstätigkeit verändert?

P. M.: Heute ist die Kundschaft internationaler und wechselhafter. Sie wechselt jeden Tag oder jeden zweiten. Früher gab es mehr Stammkunden. Die Menschen kehrten zurück oder blieben mehrere Wochen bei dem Bergführer. Auch das Verhältnis zum Kunden hat sich verändert. Früher ging der Bergführer vor und der Kunde folgte. Heute ist die Interaktion viel stärker. Der Kunde ist besser informiert und möchte nicht nur über den Berg, sondern auch über die Dinge im Allgemeinen diskutieren.

Kamen Sie bereits in eine kritische Situation?

P. M.: Mehrmals. Ich musste schon die Nacht im Freien verbringen. Aber zum Glück hatte ich nie einen schweren Unfall.

Was sind die wichtigsten Tipps für Bergliebhaber?

P. M.: Informieren Sie sich über das Wetter und das Gelände, wählen Sie die passende Ausrüstung und nehmen Sie Vorräte mit. Es darf nicht vergessen werden, dass Müdigkeit und Kälte uns in Lebensgefahr bringen. Information und Prävention sind unerlässlich. Denken Sie daran, jemandem zu sagen, wohin Sie gehen und zögern Sie nicht, bei Schwierigkeiten oder Gefahren Hilfe zu rufen.

Wie erkennt man einen guten Bergführer?

Der Schweizer Bergführerverbandexterner Link meldet eine Zunahme von Bergführern, die illegal oder unbefugt arbeiten. Nicht nur stellt dies einen unlauteren Wettbewerb gegenüber der Konkurrenz dar, diese Personen – meist aus dem Ausland – können auch das Leben ihrer Kunden gefährden.

Pierre Mathey, Generalsekretär des Schweizer Bergführerverbands, empfiehlt daher, die in jeder Region der Schweiz präsenten Büros der Bergführer oder Bergsteigerschulen zu kontaktieren. Er empfiehlt auch, die Datenbank des Verbands zu konsultieren: Wenn der Name Ihres Bergführers auf dieser Listeexterner Link steht, dann bedeutet das, dass er qualifiziert und berechtigt ist, Sie in die Berge zu begleiten.

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(Übertragung aus dem Italienischen: Sibilla Bondolfi)

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