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Das Ende eines nationalen Männer-Netzwerks

Hermann "Mäni" Weber als APF-Radioreporter im Manöver im April 1985 (Bild: Archiv APF)

Die Abteilung Presse und Funkspruch der Schweizer Armee (APF) wird aufgelöst. Ersatz sind die bundeseigenen Info-Abteilungen und die SRG.

1939 ins Leben gerufen, wurde die APF nach dem Fall der Berliner Mauer zunehmend zu einem Relikt vergangener Tage.

"Am meisten bedaure ich, dass mit der APF ein ausgezeichnetes Netzwerk für alle Kulturen, Sprachen und Medien unseres Landes verloren geht", sagt APF-Chef Rolet Loretan im Gespräch mit swissinfo.

Das Netzwerk war nicht der Armeeführung, sondern direkt dem Bundesrat unterstellt. Es hätte die Versorgung des Landes mit Informationen nach einem kriegsbedingten Kollaps der regulären Medien sichergestellt.

"Die Schweiz war das einzige Land in Europa, wo im Kriegsfall die Hoheit über die Information nicht in der Hand von Generälen, sondern bei der politischen Führung gelegen wäre", hält Loretan fest und fügt an: "Die Information wäre zudem durch eingespielte Fachleute sichergestellt worden."

Die Glaubwürdigkeit bekannter Stimmen

In der APF leisteten seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem Journalisten, Moderatoren und Kader der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG SSR Idée suisse) sowie Medienschaffende verschiedener Tageszeitungen ihren Miliz-Militärdienst.

Der damalige SRG-Generaldirektor Antonio Riva war in den 80er-Jahren militärischer Kommandant der APF, und der ehemalige Programmleiter von Radio DRS 1, Heinrich von Grünigen, ist bis heute publizistischer Chef.

500 der 1700 Mann starken Truppe sind Medienschaffende. Bei ihrer Rekrutierung spielte neben der Idee, ziviles Wissen militärisch zu nutzen, auch der Gedanken eine Rolle, dass die Bevölkerung den aus Funk und Fernsehen vertrauten Stimmen auch in Kriegszeiten Glauben schenken würde.

Medien-Black-out: Nicht mehr denkbar

"Seit Jahren hat die APF auch Fachleute von privaten Radio- und Fernsehstationen und von Zeitungsredaktionen rekrutiert", erzählt Loretan. "Wir sind multimedial und produzieren heute neben Radio, Fernsehen und Zeitungen auch Inhalte auf dem Internet."

Doch neben dem Fall der Berliner Mauer steht auch die Veränderung der Medien-Landschaft mit privaten Radio- und TV-Stationen am Anfang des Endes der APF.

Seit 1992 sind die Privaten von der gesetzlichen Verpflichtung entbunden, im Krisen- oder Kriegsfall die Programme der SRG zu übernehmen.

"Es ist heute in der Tat praktisch nicht mehr denkbar, dass gleichzeitig alle Medien ausfallen und damit die Information völlig zusammenbricht", räumt Loretan ein. "Der Primärauftrag der APF ist wirklich fragwürdig geworden."

Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg

Dazu kommt, dass der Bund seine eigenen Informations-Abteilungen in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut und personell aufgestockt hat.

"Die APF ist ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg und wird durch die Veränderung der sicherheitspolitischen Lage in Europa vor neue Herausforderungen gestellt", begründete der freisinnige Nationalrat Erich Müller 1999 seinen parlamentarischen Vorstoss, welcher schliesslich im Juni 2003 zum Abschaffungs-Entscheid des Bundesrates führte.

1939 vom Generalstab ins Leben gerufen, war die APF im Zweiten Weltkrieg ursprünglich eine Zensurbehörde. 1941 wurde sie direkt dem Bundesrat unterstellt. Dies aufgrund politischer Forderungen, wonach die Zivil- und nicht die Militärgewalt der Zensurbehörde vorstehen müsse.

Ende der 80er-Jahre wurde die Sektion Zensur aufgelöst. Das war auch die Zeit, als die Kernkompetenz der APF - die Information der Bevölkerung im Kriegsfall – zunehmend an Bedeutung verlor.

Schlussrapport und ein Buch zur Erinnerung

1995 wurde der Bestand der Abteilung von 2500 auf 1700 Milizsoldaten reduziert. 1998 veranstaltete die APF ihre letzte grosse Übung.

Ab 1. Januar 2005 wird sie Vergangenheit sein. Die Armee wird die überflüssig gewordene Infrastruktur liquidieren. Ihre Milizsoldaten, Unteroffiziere und Offiziere werden auf andere Abteilungen verteilt.

Am Schlussrapport am Freitag in Freiburg verabschiedete Bundesrat Samuel Schmid die APF-Truppe und verdankte deren Leistungen für Bundesrat und Öffentlichkeit. Beim Beschluss, die APF aufzulösen, habe es sich um einen politischen Entscheid gehandelt, der aufgrund der Weltlage und der neuen Medienrealitäten gefallen sei.

Zur Erinnerung an die 65-jährige Geschichte der APF erscheint das Buch "Die Stimme, die durch Beton geht". Herausgeber ist der Verein der Ehemaligen.

Erbstücke weiterhin zum Einsatz bereit

Die Schweizer Regierung hat die Information der Bevölkerung in Krisenzeiten neu geregelt. Dazu hat der Bund mit der SRG SSR idée suisse und der Schweizerischen Depeschenagentur (sda) eine Leistungsvereinbarung abgeschlossen.

Und wenn die Informations-Versorgung dennoch total zusammenbräche, würden ausgewählte SRG-Journalisten aus dem Bundesratsbunker die Botschaft ins Land hinaustragen.

Im Bunker steht das einzige voll digitalisierte Radio-Studio der APF. Auch für die Verbreitung der Sendungen kämen deren Erbstücke zum Einsatz.

Unter dem Namen "UKW 97" hat sie über alle Sprachregionen verteilt ein Netz von 36 leistungsstarken Sendern gelegt, die auch in den Zivilschutzkellern zu empfangen wären.

Die Sender befinden sich tief unter der Erde in Bunkern. Im Notfall fahren leistungsstarke Schiff-Diesel-Motoren die teleskopartigen Antennen aus. "Wie früher die Autoantennen", so APF-Chef Loretan.

swissinfo, Andreas Keiser

In Kürze

Die Abteilung Presse und Funkspruch (APF) wurde 1939 vom Generalstab ins Leben gerufen.

Seit 1995 waren noch 1700 Milizsoldaten (inkl. Unteroffiziere und Offiziere) bei der APF eingeteilt.

Auf den 31. Dezember 2004 wird die Abteilung aufgehoben.

An ihre Stelle tritt eine Leistungs-Vereinbarung mit der SRG SSR idée suisse und der Schweizerischen Depeschenagentur.

Die 36 unterirdischen Not-Radio-Sendeanlagen werden weiterhin unterhalten und dem neu geschaffenen Bundesamt für Bevölkerungsschutz unterstellt.


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