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Die Geburt der Solothurner Filmtage


Der Schweizer Film ist tot. Es leben die Schweizer Regisseure!




Die Kasse des ehemaligen Kinos Elite, einem der historischen Spielorte der Solothurner Filmtage. Damals kosteten die Eintritte zwischen 4 und 8 Franken. (Solothurner Filmtage)

Die Kasse des ehemaligen Kinos Elite, einem der historischen Spielorte der Solothurner Filmtage. Damals kosteten die Eintritte zwischen 4 und 8 Franken.

(Solothurner Filmtage)

Die Solothurner Filmtage als Schaufenster für das Schweizer Filmschaffen feiern ihre 50. Ausgabe. Das erste Filmfestival von Solothurn im Jahr 1966 markierte die Geburtsstunde eines neuen, poetischen und rebellischen Autorenfilms. Weltweit bekannt gewordene Filme von Regisseuren wie Alain Tanner oder Claude Goretta galten als "kleine Wunder" und haben bis heute nichts von ihrem Glanz verloren.

Solothurn 1966. Es war der Beginn: Eine Gruppe von Filmschaffenden traf sich zum ersten Mal, um über die Zukunft des Schweizer Films zu diskutieren. Die Kinoeintritte waren rückläufig, und eine Veränderung lag in der Luft.

"Die sogenannte Krise des Schweizer Films ist keine Krise des Stoffes, sondern eine Krise der Aufrichtigkeit und der Sehkraft, des Mutes und der Verantwortung. (…) Ich glaube nicht mehr an den Schweizer Film, aber an den Film von Schweizern", sagte Stephan Portmann 1966 nach der ersten Ausgabe der Solothurner Filmtage. Der Schweizer Medienpädagoge und Publizist (1933-2003) war Mitinitiator der Solothurner Filmtage und leitete diese 1967 bis 1986.

(Quelle: Thomas Schärer, "Zwischen Gotthelf und Godard", Limmat-Verlag, 2014)

Schon einige Jahre zuvor war in der Schweiz eine neue Generation Filmschaffender entstanden: Anti-Konformisten, rebellische und politisch engagierte Geister. Sie inspirierten sich am Autorenfilm, der in anderen europäischen Ländern bereits in Mode war.

Sie lehnten das Postkarten-Image der Schweiz mit Emmental-Landschaften und kleinbürgerlichen Dramen ab, welche in den 1950er-Jahren mit Filmen von Franz Schnyder und Kurt Früh das Publikum erobert hatten.

Die neuen Autorenfilmer wollten das wahre Leben in der Schweiz zeigen: Fabriken, Schulen, Immigranten und Randständige. Die 16-mm-Filmkamera und die direkte Tonaufzeichnung boten damals ganz neue Möglichkeiten für den Film.

Das Jahr 1964 wurde zum Wendepunkt, dank einer Reihe von Kurzfilmen, etwa "La Suisse s’interroge" (Die Schweiz fragt sich) von Henry Brandt oder dem Dokumentarfilm "Les Apprentis" (Die Lehrlinge).

Im gleichen Jahr feierte auch "Siamo italiani / Die Italiener" von Alexander J. Seiler seine Premiere, ein Dokumentarfilm über das Leben italienischer "Fremdarbeiter" in der Schweiz. Damit bekamen Ausländer in der Schweiz erstmals eine Stimme im Schweizer Filmschaffen.

Doch erst 1966 wird anlässlich des erstmaligen Treffens von Filmemachern und Cinéasten in Solothurn der Neue Schweizer Film offiziell aus der Taufe gehoben. Bis in die 1980er-Jahre feiern die Filme der Regisseure Tanner, Goretta, Soutter, Dindo, Schmid oder Maurer in ganz Europa sowie in Übersee Erfolge und prägen eine goldene Epoche des Schweizer Films, ein "kleines Schweizer Wunder", wie die ausländische Presse schreibt.

Schweizer Nouvelle Vague

Das damals im Ausland noch ignorierte Schweizer Filmschaffen wurde namentlich dank "Charles – tot oder lebendig" (Originaltitel: Charles mort ou vif) aus dem Jahr 1969 bekannt. Es handelt sich um den ersten langen Spielfilm des Regisseurs Alain Tanner, gemeinsam mit dem Tessiner Kameramann Renato Berta.

Dieser Film um einen älteren Genfer Fabrikanten, der sein bürgerliches Leben aufgibt, ist ein echtes Manifest im Geiste der 1968er-Jahre. Für die Schweiz war es ein erster eigener Ableger der französischen Nouvelle Vague.

In der französischsprachigen Schweiz dominiert in diesen Zeiten der Spielfilm, auch dank der Pionierrolle des öffentlichen Fernsehens (heute RTS), das die ersten Arbeiten der so genannten Fünfer-Gruppe (Groupe 5) unterstützt, junge Talente wie Alain Tanner, Claude Goretta, Michel Soutter, Jean-Jaques Lagrange und Jean-Jouis Roy.

"In der Schweiz gab es keine Filmschule, die Regisseure waren weitgehend Autodidakten oder bildeten sich im Ausland aus. Das Fernsehen war eine fundamentale Lehranstalt – ein Trampolin für die jungen Romands", sagt Ivo Kummer, Direktor der Sektion Film im Bundesamt für Kultur (BAK) und ehemaliger Leiter der Solothurner Filmtage.

Die Erfolge gingen weiter. Der Film "La Salamandre" von Alain Tanner verzeichnete 1971 in der Schweiz mehr als 145'000 Kinoeintritte, weltweit mehr als 2 Millionen. Gemäss Ciné-Bulletin wurde einige Jahre später der Film "La Dentellière" von Claude Goretta allein in Paris von 500'000 Personen gesehen.

Das Interesse an den Filmen aus der Westschweiz heizte auch die Produktion in der deutschen Schweiz an. Doch setzte sich hier vor allem der politische Dokumentarfilm durch, der anfänglich im Ausland auf weniger Anklang stiess. Die Produktion von Spielfilmen setzte erst später ein, hauptsächlich wegen eines konfliktreicheren Verhältnisses der Regisseure mit dem öffentlichen Fernsehen (heute SRF).

"Die jungen Regisseure hielten ihre Kollegen, die mit dem öffentlichen Fernsehen zusammenarbeiteten, für Verräter. Umgekehrt hielt das Fernsehen wenig von den jungen Regisseuren und fand ihre Filme als zu experimentell für das Schweizer Publikum", sagt Thomas Schärer, Autor eines detail- und anekdotenreichen Buchs über den Schweizer Film im 20.Jahrhundert.

Einheit macht stark

Trotz kultureller und sprachlicher Barrieren ist die Auseinandersetzung zwischen den Jungen in den 1960er- und 1970er-Jahren äusserst intensiv, besonders in politischer Hinsicht.

Doch die Rahmenbedingungen, um frei und unabhängig Filme zu machen, sind schwierig: Es gibt keine Strukturen und kaum Geld. Die Regisseure müssen ihre Filme häufig selbst mitbringen, wenn sie Schulen, Vereine oder Filmclubs besuchen. Die Notwendigkeit einer öffentlichen Unterstützung wird immer wichtiger. Und es setzt sich unter den Jungregisseuren die Einsicht durch, dass man nur durch Einheit stärker wird.

Solothurn wird somit auch dank seiner zentralen geografischen Lage zu einem privilegierten Ort der Debatten über den Schweizer Film. "Damals brauchte man etliche Stunden, um von Genf nach Zürich zu fahren, und es war teuer", sagt Schärer.

"Dazu kam die Sprachbarriere. Der Geist von Solothurn erlaubte es, den Austausch anzuregen. In Solothurn entstanden daher die meisten Institutionen in der Filmbranche, die es bis heute gibt, beispielsweise der Berufsverband der Filmschaffenden oder die Zeitschrift Ciné-Bulletin."

Die Subventionen der öffentlichen Hand für das Filmschaffen sind für die Solothurner Filmtage seit ihrer Gründung ein zentrales Thema: Welche Filme sollen Subventionen erhalten? Wer soll entscheiden? Und auf Grundlage welcher Kriterien? Die Schweiz erwartete einerseits neue Filme, doch die Regisseure mussten sich andererseits damals mit einer konservativen Gesellschaft, dem Einfluss der Kirche und einem vom Kalten Krieg geprägten gesellschaftlichen Umfeld auseinandersetzen.

"Häufig sorgten die Dokumentarfilme für Skandale und Aufruhr. Sie beeinflussten die öffentliche Bewusstseinsbildung und lösten eine nationale Debatte aus. Ihr politischer Einfluss war wesentlich grösser als heute", meint Schärer. Als Beispiel nennt er den Film "Die Erschiessung des Landesverräters Ernst S." von Richard Dindo, der 1976 in Solothurn seine Premiere erlebte.

Erstmals wurde in diesem Streifen die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg kritisch beleuchtet. Der Bundesrat (Schweizer Regierung) sah sich den Film an, bezichtigte den Autor "manipulativer Tendenzen" und zog den versprochenen Preis zurück. Das Thema kehrte in den 1990er-Jahren zurück, als die Schweiz in der Folge des Bergier-Berichts ein Schuldeingeständnis in Bezug auf die Beziehungen mit Nazi-Deutschland machen musste.

Was bleibt von den goldenen Jahren?

Die Solothurner Filmtage sind mittlerweile bei ihren 50. Ausgabe angekommen und befinden sich in glänzender Form. Mit 50'000 Besuchern ist das Publikumsinteresse gewaltig. "Aber es ist nicht mehr die Plattform der Debatten wie einst", sagt Thomas Schärer.

Die Regisseure seien heute "atomisierter". Zudem seien funktionale Strukturen verfügbar. Und der Meinungsaustausch finde über moderne Kommunikationsformen wie E-Mail, Skype sowie bei anderen Festivals statt.

"Die Schweizer Cinéasten fühlen sich nicht mehr als Teil einer neuen Bewegung in einer Epoche des Umbruchs. Zudem gibt es die Marke 'Schweizer Film' nicht mehr. Die Vielfalt hat zugenommen. Und wenn ein Film im Ausland Erfolg hat, wird er nicht mehr als Teil eines 'Schweizer Wunders' gesehen", bilanziert Schärer.

Doch sind die Filme von damals noch Vorbilder? "Ich habe den Eindruck, dass die Schweizer Regisseure aus den 1960er- und 1970er-Jahren bei den Studenten wieder in Mode sind", mein Lionel Baier, Direktor der Abteilung Film in der Kunstgewerbeschule von Lausanne und eine der herausragenden Figuren in der Generation neuer Cinéasten. "Die jungen Leute begeistern sich für die 16-mm-Filme, in denen Politik und Poesie verschmelzen."

Aber die Welt hat sich verändert. Europa ist nicht mehr in Ost und West geteilt. "Und dies gilt auch für den Film: Man versucht nicht mehr, einfach die Guten und die Bösen zu zeigen, aber die unterschiedlichen Facetten einer Problematik. Der Schweizer Film ist kein Revolver mehr, sondern erwachsen geworden", präzisiert seinerseits BAK-Filmchef Kummer.

Eine der grossen Schlachten der Väter des Neuen Schweizer Films ist aber noch längst nicht gewonnen, das heisst, die Freiheit, etwas zu wagen. "Wenn ich mir die Filme von damals anschaue, stelle ich fest, dass sich die Regisseure wesentlich grössere Freiheiten herausnahmen. Oder anders gesagt: Sie waren weniger politisch korrekt", hält Baier fest. "Heute gibt es keine staatliche Zensur mehr, so wie damals, aber wir kennen die Zensur in unseren eigenen Köpfen. Und das ist viel schlimmer und gefährlicher", bilanziert Baier.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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