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Schweizer Käse und der starke Franken


Die Preisgrenzen des guten Geschmacks


Von Petra Krimphove, Berlin


Inspektion eines Tête de Moine (Mönchskopf), ein Halbhartkäse, der zum Essen typischerweise hauchfein geschabt wird. (Keystone)

Inspektion eines Tête de Moine (Mönchskopf), ein Halbhartkäse, der zum Essen typischerweise hauchfein geschabt wird.

(Keystone)

Schweizer Käse ist in Deutschland begehrt: Gruyère, Emmentaler und Appenzeller sind dort in jeder Käsetheke zu finden, die Kunden haben sich an Preise im oberen Segment gewöhnt. Mit der Aufwertung des Frankens wird eidgenössischer Käse nun indes vermutlich noch teurer. Schweizer Produzenten fürchten, dadurch im wichtigen Absatzmarkt Deutschland Kunden zu verlieren.

Noch steht Berlin für einen Bissen Schweizer Käse Schlange. Vor dem grossen halbrunden Schweizer Fonduestand auf der Internationalen Grünen Woche, der weltgrössten Messe für Ernährung und Landwirtschaft, hat sich eine lange Wartereihe gebildet. Hinter der Theke tunken zwei Schweizer Frauen in Trachten im Sekundentakt kleine Brotstückchen in den Topf mit Käsefondue und reichen sie den hungrigen Besuchern. Die greifen freudig zu.

Vielleicht wird ihr Appetit auch durch den Umstand angeregt, dass der schmackhafte Fonduekäse auf der Messe gratis degustiert werden kann. In den Theken deutscher Supermärkte und Fachgeschäfte sind Schweizer Käsespezialitäten hingegen bereits heute für viele Konsumenten ein kleiner Luxus. Derzeit kann ein 300 Gramm schweres Stück alter Gruyère durchaus zehn Euro kosten und damit den Preis eines Abendessens in einem Restaurant erreichen. Der durch die Freigabe des Euro-Wechselkurses erstarkte Schweizer Franken wird den eidgenössischen Käse für deutsche Verbraucher nun vermutlich noch teurer machen.

So ist die Entscheidung der Schweizer Nationalbank nicht nur eine schlechte Nachricht für deutsche Käseliebhaber, sondern auch für jene Schweizer, die mit der Herstellung und dem Export von Käsespezialitäten ihr Geld verdienen. Sie fürchten um ihre treuen Kunden und halten mit dieser Einschätzung in Berlin nicht hinter dem Berg.

Exportschlager Käse

Käse ist ein echter Schweizer Exportschlager. Während der im Land angebaute Wein und das produzierte Fleisch den heimischen Bedarf nicht decken können, verhält es sich bei Milch und Käse umgekehrt: Schweizer Bauern erzeugen mehr Milchprodukte, als ihre Landsleute konsumieren. Entsprechend hoch ist der Anteil von Käse an den exportierten Lebensmitteln. Zwei Drittel des Schweizer Käse werden von den Eidgenossen selber verspeist, rund ein Drittel verlässt das Land. Im letzten Jahr wurden 63'000 Tonnen Käse ausgeführt, wovon 52'000 Tonnen in Europa blieben. Immerhin die Hälfte davon wurde von deutschen Verbrauchern verzehrt.

Wichtigste Exportkäse der Schweiz (Exporte 2013 in Tonnen, Exportanteil an Produktion)

Emmentaler AOP: 16'870, 72,9%

Le Gruyère AOP: 12'207, 41,6%

Appenzeller: 5185, 55,9%

Switzerland Swiss: 3725, 64%

Tête de Moine AOP: 1348, 59,1%

Raclette: 1597, 12,2%

Sbrinz AOP: 173, 9,9%

Tilsiter: 295, 9,3%

(Quelle: Switzerland Cheese Marketing)

"Deutschland ist ein ganz wichtiger Markt für uns", betont Urs Schneider, Präsident der Agro-Marketing Suisse, und zeigt sich auf der Grünen Woche wenig erfreut über den freigegebenen Wechselkurs. Die hohen Preise für Schweizer Produkte stellten ohnehin eine ständige Herausforderung für deren Vermarktung dar. "Die ist mit der Entscheidung nicht geringer worden", merkt er an, sichtlich bemüht, die Zukunft nicht zu schwarz zu malen.

Über den Preis wird der Kampf in deutschen Supermärkten nicht gewonnen werden können. Das galt auch bisher schon für Schweizer Produkte. Also bleibt nur der bekannte Weg: "Weiterhin Qualität, Qualität, Qualität", so Schneider. Das Ziel ist ehrgeizig: Die "Switzerland Cheese Marketing" (SCM), sozusagen globaler Botschafter des Schweizer Käse, will erreichen, dass dieser als "bester Käse der Welt" wahrgenommen wird. Dafür sind Kunden dann auch bereit, tiefer in die Tasche zu greifen.

Auch Bundesrat Johann Schneider Ammann versuchte während seines Messebesuchs in Berlin die Aufregung etwas zu legen. Er versprach politische Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Schweizer Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion auf dem Weltmarkt weiter konkurrenzfähig bleibe – und warnte zugleich vor Pessimismus.

Noch sind Prognosen Kaffeesatz-Leserei

Schwarzmalerei scheint in der Tat unangebracht. Bisher hat das hohe Preisniveau des Schweizer Käse seinen Absatz nicht gehemmt, wie Zahlen der SCM belegen: Zwischen 2010 und 2014 stieg der Export nach Deutschland sogar um stattliche 40 Prozent auf 27'736 Tonnen. Eindeutige Favoriten der Deutschen sind dabei Halbhartkäse und Hartkäse. Appenzeller, Gruyère und Emmentaler rangieren laut SCM unter den beliebtesten zehn Käsesorten in Deutschland. Insgesamt stammen rund 15 Prozent des hier verzehrten Käse aus der Schweiz.

Doch auch dessen treueste Fans haben eine Schmerzgrenze. "Ich liebe Gruyère und kaufe ihn seit vielen Jahren", sagt die Berlinerin Mechthild Volke-Gorissen. Aber es ist keine grenzenlose Liebe. "Wenn er noch teurer wird, werde ich wohl auf günstigere Sorten umsteigen", kündigt sie an. Ihr Mann Norbert Gorissen gehört wiederum zu jenen Konsumenten, auf welche die Schweizer Käsewirtschaft auch weiterhin setzen kann – Preis hin oder her. Er hat für seine Lieblingssorte Gruyère im letzten Urlaub sogar einen Zwischenstopp im Kanton Freiburg eingelegt, um zu sehen, wo das von ihm so geschätzte Produkt hergestellt wird. Der Berliner ist von seinem Lieblingskäse nicht zu trennen: "Ich würde ihn weiter kaufen", stellt er klar. "Auch bei höheren Preisen."

Ob die deutschen Verbraucher in Zukunft generell den Schweizer Käse häufiger links liegen lassen und günstigere Alternativen wählen, wird sich erst im Laufe der kommenden Monate zeigen. "Noch ist jede Prognose Kaffeesatzleserei", so Urs Schneider von Agro-Marketing Suisse.

Und falls sie tatsächlich weniger Emmentaler und Gruyère kaufen sollten, öffnen sich der Schweizer Wirtschaft vielleicht neue Absatzmärkte in anderen Weltregionen. Wie im August, als russische Verbraucher, die aufgrund eines Handelsembargos keinen Käse aus der EU mehr kaufen konnten, den Schweizer Käse entdeckten. In diesem Fall war der Preis egal. Denn teurer Käse ist allemal besser als gar kein Käse.

swissinfo.ch



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