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Die Schrecken des Kriegs


Syrien: Verzweifelte Bevölkerung, vom Wahnsinn bedroht




Während Europa mit einer Flüchtlingswelle konfrontiert ist, unterstreicht ein neuer Bericht der Untersuchungskommission für Syrien das unendliche Leid der Zivilbevölkerung, vor allem der Frauen und Kinder. Auch ihre psychische Verfassung sei immer mehr bedroht, erklärt ein IKRK-Experte gegenüber swissinfo.ch.

Das Bild des ertrunkenen Aylan Al-Kurdidi ist weltweit zum Symbol geworden für das Elend der Flüchtlinge. (Keystone)

Das Bild des ertrunkenen Aylan Al-Kurdidi ist weltweit zum Symbol geworden für das Elend der Flüchtlinge.

(Keystone)

Das Bild von Aylan Al-Kurdi, dem kleinen Jungen, der – nach dem Untergang des Boots, mit dem seine Familie zu flüchten versuchte – tot an einem Strand in Bodrum in der Türkei gefunden wurde, geistert durch soziale Medien und findet sich auf den Frontseiten von Zeitungen. Eine Tragödie, die in gewissem Sinne den neuen Bericht der unabhängigen internationalen Untersuchungskommission für Syrien dokumentiert, der am Donnerstag in Genf veröffentlicht wurde. Die Kommission handelt im Auftrag des UNO-Menschenrechtsrats, der seinen Sitz in Genf hat.

"Das Leben der syrischen Kinder wurde durch die Brutalität des Kriegs zerstört. Eine unüberschaubare Anzahl von Kindern erlitt dieselben Verstösse wie die Erwachsenen, unterschiedslos. Die Konfliktparteien rekrutieren weiterhin Kinder und setzen diese für die Durchführung von Kampfhandlungen ein (...) Weil sie immer wieder der Gewalt und der Unsicherheit ausgesetzt sind, zeigen Kinder in der ganzen Arabischen Republik Syrien Symptome von Trauma, einschliesslich Verhaltens- und psychologische Störungen sowie posttraumatische Belastungsstörungen. Die lange Dauer des Konflikts (viereinhalb Jahre) schwächt die Belastbarkeit dieser Kinder", schreiben (in Englisch, Übersetzung swissinfo.ch) die Autoren des Berichts, unter ihnen die Schweizerin Carla Del Ponte. Die Nachforschungen der Kommission hatten zwischen dem 10. Januar und 10. Juli dieses Jahres stattgefunden.

Eine Schande, sagt Carla Del Ponte

Dass der UNO-Sicherheitsrat nichts unternehme, sei eine Schande, erklärte die ehemalige Schweizer Bundesanwältin Carla Del Ponte am Donnerstag in Genf. Sie prangerte die totale Straflosigkeit in Syrien an.

"Meine Frustration ist enorm gross", erklärte sie vor den Medien bei der Präsentation des 10. Berichts der UNO-Untersuchungskommission zu den Menschenrechtsverletzungen in Syrien.

"Die Justiz könnte ein erster wichtiger Schritt sein, aber in Syrien herrscht völlige Straflosigkeit", fuhr die ehemalige Anklägerin der Internationalen Tribunale für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda fort.

Die UNO-Untersuchungskommission hat den UNO-Sicherheitsrat schon mehrmals aufgefordert, den Internationalen Strafgerichtshof in den Haag mit Ermittlungen der Menschenrechtsverstösse in Syrien zu beauftragen oder ein Ad-hoc-Tribunal zur Lage in Syrien ins Leben zu rufen.

Diese Aufrufe verlaufen jedoch seit vier Jahren im Sand, der Sicherheitsrat ist blockiert. Russland, das treu hinter Syriens Präsident Baschar Al-Assad steht, hat bisher für sämtliche Versuche, ein Gericht zu bestellen, sein Veto ins Spiel gebracht.

In ihrem Bericht, der am 21. September im Menschenrechts-Rat vorgelegt werden wird, prangert die Untersuchungskommission eine Litanei des Schreckens in Syrien und die totale Gleichgültigkeit an. Das Leiden der Bevölkerung erfordere sofortiges Handeln. Alle Seiten im Konflikt hätten in den vergangenen Monaten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen.

"Die Zivilbevölkerung leidet in unvorstellbarem Masse und die Welt schaut passiv zu", unterstrich seinerseits Paulo Sergio Pinheiro, der Präsident der Untersuchungskommission.

Quelle: sda

Konfliktparteien haben Kontrolle über Krieg verloren

Senop Tschakarjan, ein Facharzt für psychische Gesundheit beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), bestätigt die düsteren Feststellungen im UNO-Bericht: "Mit jedem neuen Angriff, jedem neuen Übergriff steigt die Zahl der traumatisierten Personen, vor allem der Kinder. Ein beträchtlicher Teil der Zivilbevölkerung scheint es noch verkraften zu können. Doch je länger der Konflikt dauert, um so mehr steigt das Risiko von Zusammenbrüchen."

Was die Dauer des Kriegs angeht, zeigt sich der UNO-Bericht pessimistisch: "Keine der Konfliktparteien scheint kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen, oder sich in der Lage zu befinden, einen klaren militärischen Sieg erringen zu können. Nach mehr als vier Jahren des Kampfes sicherten sich alle Seiten genügend Unterstützungskanäle, territoriale Gewinne und operationelle Fähigkeiten, um noch mehrere Jahre lang durchzuhalten.

Die Konkurrenz unter den regionalen Mächten (im Konflikt, N.d.R.) um Einfluss hat – neben anderen Folgen – zu einer alarmierenden Verschärfung der konfessionellen Dimension des Konflikts geführt, angezettelt durch die Intervention ausländischer Kämpfer und religiöser Extremisten.

Syrische Akteure auf allen Seiten des Konflikts haben nach und nach die Kontrolle über den Gang der Ereignisse verloren – aufgrund einer Reihe externer Faktoren, welche die interne Dimension des Kriegs verschleiert haben."

Spitäler mit Absicht ins Visier genommen

Eine Folge des Kriegs ist das zerstörte Gesundheitssystem. "Der andauernde Griff der syrischen Regierung zu wahllosen Luftangriffen zerstörte oder beschädigte Spitäler, Feldlazarette, Kliniken, medizinische Ausrüstungen sowie Medikamentenlager und führte dazu, dass  Gesundheitseinrichtungen vorübergehend oder auf Dauer geschlossen wurden."

Aber alle Konfliktparteien tragen einen Teil der Verantwortung, wie die UNO-Untersuchungskommission unterstreicht: "Die Konfliktparteien setzten medizinisches Personal Angriffen aus, oft im Rahmen grösserer Aktionen gegen Gesundheitseinrichtungen und –Infrastruktur."

Neben diesen vorsätzlichen Angriffen hat die Gruppe Islamischer Staat (IS) die Situation in den von ihr kontrollierten Gebieten noch verschärft: "Die vom IS verfügten Regeln gegen die Vermischung der Geschlechter haben negative Auswirkungen für Frauen und Mädchen was deren Zugang zu Gesundheitsversorgung angeht. Viele Ärzte sind 2013 aus den vom IS kontrollierten Gebieten geflohen, und es gibt in der Region nur sehr wenige Ärztinnen. Es gibt daher nur sehr wenige spezialisierte medizinische Fachkräfte für Frauen und Mädchen."

Auch auf der Flucht dauert das Leid an

Um dieser Hölle zu entkommen, bleibt kaum noch etwas ausser der  Flucht. "Mit mehr als 4 Millionen Flüchtlingen und etwa 7,6 Millionen intern Vertriebenen ist nun etwa die Hälfte der Bevölkerung Syriens entwurzelt", heisst es in dem Bericht der Untersuchungskommission.

Auch wenn eine wachsende Zahl von Flüchtlingen heute versucht, nach Europa zu gelangen, überlebt die Mehrheit von ihnen in Lagern in Syrien oder den Nachbarländern. Was im Bericht über diese Lager steht, ist niederschmetternd: "Die Lager sind oft Orte der Unsicherheit. Die Sorge um die Sicherheit von weiblichen Familienmitgliedern und die Kosten für die Betreuung und Versorgung grosser Familien haben zu einem Anstieg von Frühehen in den Lagern geführt. Das hat Auswirkungen (negative, N.d.R.) auf Ausbildung, Gesundheit und Zukunftsaussichten der jungen syrischen Frauen und Mädchen. Kinder, die als intern Vertriebene leben,  zeigen – wie auch Flüchtlingskinder ausserhalb Syriens – klare Zeichen von Trauma. Dass sie immer wieder neuen Gewalttaten ausgesetzt sind, der Verlust von Familie, wiederholte Vertreibungen und Instabilität haben besonders unheilvolle Auswirkungen auf das Leben der Kinder."

Dabei wäre Sicherheit die erste Bedingung, um die psychische Verfassung der Opfer dieses Krieges, dem nach Angaben des syrischen Observatoriums für Menschenrechte (OSDH) schon mehr als 230'000 Menschen zum Opfer gefallen sind, nicht weiter zu verschlechtern, erklärt der psychiatrische Facharzt Senop Tschakarjan. "Mit Blick auf die psychische Gesundheit ist es a priori besser, in der Region zu bleiben, in der die Mentalitäten und Kulturen sich ähnlich sind. Eine Flucht nach Europa kann bei den Kriegsopfern zu neuen Traumata führen, auch in Europa selber, wenn sie dort abgelehnt werden. Die Möglichkeit, in einer sicheren Umgebung leben zu können bleibt jedoch das beste Mittel, den Kreislauf von Gewalt und Traumata stoppen zu können."

Und wie der Bericht in Erinnerung ruft: "Tausende von Syrern legen ihr Leben in die Hände von Schleusern und Menschenhändlern, um in seeuntüchtigen Booten die gefährliche Reise über das Mittelmeer anzutreten. Seit 2011 sind mehr als 2000 syrische Flüchtlinge bei einem verzweifelten Versuch ertrunken, in Europa Sicherheit zu finden.

Europa muss seine Verantwortung wahrnehmen

Das globale Versagen beim Schutz der syrischen Flüchtlinge kommt jetzt durch eine Krise in Südeuropa zum Ausdruck. Es ist unerlässlich, dass die Länder den Grundsatz der Nichtzurückweisung respektieren und ihren Verantwortungen im Rahmen des Völkergewohnheitsrechts und des Vertragsrechts nachkommen", heisst es in dem Bericht der Untersuchungskommission weiter. Ein Aufruf, der langsam beginnt, gehört zu werden, der aber die Mitglieder der Europäischen Union noch immer spaltet.


(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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