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Die Schweiz und ihre Rekorde

(Roland Gerth/swiss-image)

Fürs Protokoll: Die Schweizer benutzen nicht nur sehr oft die Bahn, sie legen damit weltweit pro Jahr auch am meisten Kilometer zurück, der höchste Bahnhof Europas liegt in der Schweiz und auch beim Abfall-Recycling steht das Land mit an der Spitze.

Viele Leute lieben Rekorde. Wir haben den grössten, längsten, ältesten...

Aber bedeutet das notwendigerweise auch das Beste? Und wieso sollte uns das kümmern?

Niemand würde ernsthaft behaupten wollen, ein Wasserfall sei weniger eindrücklich oder wunderbar, nur weil er ein paar Meter weniger lang ist als ein anderer.

Trotzdem ist es schwierig – wenn man in der Schweiz lebt – nicht auch etwas Freude zu haben, dass es in den Schweizer Alpen mehr Berge gibt, die über 4000 Meter hoch sind, als sonstwo in Europa, oder dass der Aletschgletscher der längste Gletscher der Alpen ist.

In den nächsten Monaten will swissinfo.ch diesen Stolz auf unterschiedlichste Rekorde des Landes mit Ihnen, unseren Leserinnen und Lesern teilen.

Die überzeugtesten Eisenbahn-Fahrer?

Ein Rekord, auf den das Land besonders stolz ist, ist die Zahl der Bahnbenutzerinnen und –benutzer: 2007 reisten die Menschen in der Schweiz ein weiteres Mal mehr Kilometer im Zug als irgend jemand sonst auf der Welt: Im Schnitt fuhr jede Person 2103 Kilometer, 127 Kilometer mehr als die Japaner, die grössten Rivalen.

Die Zahlen werden von der Litra veröffentlicht, dem Informationsdienst für den Öffentlichen Verkehr. Werner Neuhaus stellt die Statistiken zusammen. Gegenüber swissinfo.ch erklärt er das Vorgehen – und dass die Zahlen vielleicht nicht alles aussagen.

Denn möglicherweise steht die Schweiz noch besser da, als aus dem Litra-Jahresbericht hervorgeht. Die Statistiken erfassen nämlich nur die Angaben jener Bahngesellschaften, die dem Internationalen Eisenbahn-Verband (UIC) angehören.

In der Schweiz sind das die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) und die BLS. Daten der weiteren Bahngesellschaften, auf die etwa 13% des Passagier-Aufkommens entfallen, fehlen also.

Viele Touristen

Andererseits könnten die Erhebungsmethoden den Ausschlag in die andere Richtung geben: Passagiere werden bei der Billetkontrolle zu ihrer Reise befragt, aufgrund dieser Angaben werden dann Projektionen erstellt.

Jüngst wurden in den S-Bahnen rund um Zürich und Bern zudem Sensoren installiert, die in jedem Bahnhof die aus- und einsteigenden Passagiere zählen. Beide Systeme gelten als zuverlässige Methoden, um Daten zu erheben.

Die so erhobenen Summen werden aber durch die Bevölkerungszahl dividiert, um die Distanz zu errechnen, die auf eine einzelne Person entfällt. Und mit dem System werden natürlich nicht nur die Einwohner erfasst, sondern alle Reisenden.

"Die Schweiz steht sehr gut da. Wir haben hier allerdings sicher mehr ausländische Touristen, die mit dem Zug reisen, als in anderen Ländern, was zu einem höheren Durchschnittswert beiträgt", räumt Neuhaus ein.

Der höchste Wasserfall?

Leute bewegen sich, das erschwert es, sie zu zählen, aber Wasserfälle haben ihre Standorte und sollten daher, könnte man annehmen, einfach zu messen sein.

Doch dem ist nicht so. In der Schweiz gibt es drei Wasserfälle, die um den Titel "höchster freifallender Wasserfall" des Landes ringen. Der wohl bekannteste ist der Staubbachfall im Lauterbrunnental im Berner Oberland, er galt lange Zeit als der höchste Wasserfall im Lande.

Doch neue Vermessungen ergaben 2006, dass der Seerenbachfall am Walensee im Kanton St. Gallen noch ein paar Meter höher ist als der Staubbachfall.

Doch schon 2009 mussten die St. Galler den Rekord wieder an das Berner Oberland abtreten: Heute gilt der Mürrenbachfall – wiederum im Lauterbrunnental – als der höchste Wasserfall der Schweiz.

Die Geografen Florian Spichtig und Christian Schwick haben während zwei Jahren rund 250 Wasserfälle in der Schweiz untersucht. Wie Spichtig gegenüber swissinfo.ch erklärt, gibt es verschiedene Methoden, Wasserfälle zu definieren, unterschiedliche Ansichten, was zählen soll, was nicht – oft sei es schwierig, einen Wasserfall zu vermessen.

Um die genaue Höhe der mittleren Stufe der Seerenbachfälle zu eruieren, mussten sich Spichtig und Schwick schliesslich entlang dem Fall abseilen.

Beim Mürrenbachfall kam heraus, dass er mit seiner Einschätzung, der Fall sei nicht durchgehend freifallend, falsch lag. Dies führte zu einer Neudefinition des Falles, der nun mit 403 Meter als der höchste der Schweiz gilt.

Wieso Rekorde?

Der Mensch als Individuum ringe um ein positives Selbstbild, erklärt Carmen Tanner, Expertin für Kognitive Sozialpsychologie der Universität Zürich.

Studien zeigten, dass gewisse Menschen ein positives Selbstbild nicht nur aufgrund ihrer eigenen Qualitäten finden, sondern auch als Teil einer bestimmten sozialen Gruppe.

"Rekorde wären eine Möglichkeit, wie jemand versucht sein könnte, die Überlegenheit seiner Gruppe oder seiner Nationalität gegenüber anderen Gruppen oder Nationalitäten darzustellen", führt sie aus.

Auch für Peter Gerber, wissenschaftlicher Berater in der Abteilung Abfall im Bundesamt für Umwelt, ist der kompetitive Aspekt nicht das zentrale Anliegen. Die Schweiz gehöre zwar beim Sammeln und Verwerten von Haushalts-Abfällen weltweit zur Spitze.

"Ich spreche beim Recycling aber eigentlich nicht gerne von Weltmeister. Denn bei einer Weltmeisterschaft zählt nur der Sieger, alle andern gehen unter. Beim Recycling sind aber alle wichtig, die mitmachen. Gewisse Länder haben erst später mit dem Recycling begonnen und sind jetzt am Aufholen. Bei uns hat Recycling Tradition."

Pia Schubiger hat die Ausstellung "Das Sackmesser – ein Werkzeug ist Kult" im Forum der Schweizer Geschichte in Schwyz kuratiert, die noch bis im Oktober zu sehen ist. Zu der Schau gehört ein Sackmesser, das 1992 den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft hatte.

Mitmachen ist wichtiger...

Bei dem Messer, das 314 Klingen hat, sei es aber nicht nur um den Rekord gegangen, der Hersteller zeige mit dem Schaustück auch all sein Können, erklärt Schubiger.

Das gehöre zu einer alten Tradition, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts hätten Messerschmiede solche Schaustücke oft zu Werbezwecken in ihre Schaufenster gestellt.

"Der Aspekt des Bravours, des Tüftelns, die Lust am Erfinden, ist meines Erachtens im Falle dieses Messers genau so wichtig wie der Eintrag in das Guinness-Buch selbst", sagt Pia Schubiger.

Rekorde sind ohne Zweifel ein Vorteil für die touristische Vermarktung einer Destination, wie Marina Tonn, Leiterin der PR-Abteilung der Jungfrau Region, erklärt. Viele Besucher kämen in die Region, weil sie einmal die längste Ski-Abfahrtsstrecke am Lauberhorn sehen wollten, sagt sie gegenüber swissinfo.ch.

"Der Rekordaspekt gilt auch für die Jungfrau-Bahnen, mit dem höchstgelegenen Bahnhof Europas. Die Bahnen nutzen dies für ihre Werbung weltweit."

Wir hoffen, wir haben auch Ihr Interesse für die Geschichten rund um die Rekorde geweckt, die wir für sie hier zusammengetragen haben!

Julia Slater, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)

Schweiz der Rekorde

Während der nächsten Monate wird swissinfo.ch verschiedenste Rekorde vorstellen.

Hier ein kleiner Vorgeschmack:

Das höchste Dorf

Der längste Tunnel

Die härtesten Inquisitoren

Das älteste Haus

Der höchste Weinberg

Die komplizierteste Uhr

Die längste Treppe

Das erste vegetarische Restaurant


Einige dieser Rekorde sind leicht festzustellen und unbestritten, andere eher eine Frage der Definition oder umstritten.

Bewiesen oder nicht, sind Rekorde immer ein gutes Marketing-Instrument.

Wir hoffen, sie werden Spass haben mit den Artikeln, Videos, Galerien, Spielen und Audioslideshows.

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