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Digitale Vermögensverwaltung


Generation Y fordert DNA der Privatbanken heraus




Die digitale Mobilität bringt grosse Bewegung in den Bereich des Private Banking. (Reuters)

Die digitale Mobilität bringt grosse Bewegung in den Bereich des Private Banking.

(Reuters)

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Algorithmen den gewandten Privatbankier ersetzt und Mobiltelefon-Applikationen jahrhundertealte Banken zu Fall gebracht haben. Finanztechnologie-Startups (Fintechs) sowie digital versierte Investoren drohen, die Welt der Privatbanken zu erschüttern.

Unternehmen wie "Wealthfront", "Nutmeg", "Mint" und "eToro" bieten bereits eine Reihe digitaler Dienstleistungen an. Sie verbinden Investoren in speziell dafür bestimmten Social-Media-Gruppen miteinander, machen immer komplexere Transaktionen mit einem Fingerstreich auf einem Smartphone möglich und bieten Beratungen zu Investmentstrategien an.

Die meisten führenden Fintech-Unternehmen tauchen in den USA und in Grossbritannien auf, aber auch in der Schweiz hissten eine Handvoll Firmen wie "Swissquote ePrivate Banking" die Flagge.

Das in der Schweiz angesiedelte Unternehmen "nViso" hievte die Verbindung zwischen Vermögen und Technologie im Zusammenhang mit der Bank of New Zealand im letzten Jahr auf eine andere Ebene. Die "nViso"-Software "EmotionScan" prüft die Reaktionen in den Gesichtern von Kunden auf eine Reihe von Fragen über Geld, um der Bank zu sagen, was die Kunden wirklich fühlen, wenn es um ihre Investitionen geht.

Futuristisches Bankenwesen

Die Digitalisierung hat die Welt des Retailbanking schon lange erobert, während Fintech-Startups ins gehobene Massensegment vorstossen und sich Kunden schnappen, die pro Jahr mehrere Tausend Dollar an überschüssigem Bargeld haben, dass sie investieren können. Alles deutet darauf hin, dass sich auch Multimillionäre beim Verwalten ihrer riesigen Vermögen ein Stück der digitalen Aktivitäten abschneiden wollen.

Die Herausforderung für Privatbankiers ist, Wege zu finden, wie digitale Instrumente kombiniert werden können mit der Komplexität von Vermögensverwaltung, die sich über verschiedene Rechtssysteme (mit unterschiedlichen Vorschriften und steuerlichen Rahmenbedingungen) und ein breites Spektrum von Vermögensarten (d.h. Geschäftsinvestitionen, Immobilien, Familien-Stiftungen, Kunst oder gemeinnützige Spenden) erstreckt.

Bemühungen, digitale Plattformen zu entwickeln, die reichen Kunden eine sofortige Übersicht über all ihre Vermögenswerte in Echtzeit ermöglicht, sind im Gang. Ein nächster Schritt wäre, einen Algorithmus zu entwickeln, mit dem auf die Zukunft ausgerichtete Simulationen zur Performance verschiedener Anlageklassen getätigt werden könnten. Dies könnte Kunden helfen, Änderungen in ihren Portfolios zu planen.

Reiche Kunden werden aber auch weiterhin den persönlichen Kontakt mit Experten wollen, die auf Gebiete wie Erbschaften oder Philanthropie spezialisiert sind. Massgeschneiderte Vermögensverwaltungs-Anbieter müssen in der Lage sein, hoch mobile Kunden jederzeit mit Beratern irgendwo auf der Welt in Verbindung setzen zu können.

Eine weitere Knacknuss sind Social Media. Ein Privatbankier, der nicht auf Twitter, LinkedIn, Google+, Facebook oder Youtube präsent ist, hinkt schon heute der Zeit hinterher. Noch ist es eine offene Frage, wie solche Massenengagements in digitalen Netzwerken mit Diskretion und Exklusivität vereinbart werden können.

Steinzeit-Banken

Reiche Kunden und Kundinnen lieben das Digitale. Nicht nur Startups und Geschäftsunternehmer der "Generation Y", sondern auch über 50-Jährige, die ihre Vermögen während Jahren bei Privatbanken deponiert haben.

Der Welt-Vermögensreport 2014 von Capgemini/Royal Bank of Canada kam zum Schluss, dass die Hälfte der Multimillionäre weltweit zurzeit für ihre Privatbankengeschäfte digitale Kanäle nutzen. Zwei Drittel könnten gemäss dem Bericht ihre Bank verlassen, falls die steigende Nachfrage in den nächsten fünf Jahren nicht erfüllt werde.

"Die Privatbankenbranche steckt in einer Aufwachphase. Es ist eine sehr konservative Branche, technologisch und kulturell betrachtet", erklärte Steffan Binder, Leiter der Forschungsabteilung bei "MyPrivateBanking", gegenüber swissinfo.ch. Vor allem Social Media rieben sich an der Tradition von Diskretion und Schutz der Privatsphäre, die den Schweizer Privatbankensektor vom ersten Tag an prägte.

Schweizer Privatbanken hielten mit ihren Kollegen in den USA und in Asien Schritt, was die Frühphase digitaler Angebote angehe, erklärte die in der Schweiz angesiedelte Firma, die solche Trends von nah verfolgt. Insgesamt betrachtet seien solche Anpassungen jedoch erst lückenhaft erfolgt. Noch bleibe viel Arbeit zu tun.

"Die Privatbankenbranche befindet sich in Sachen Digitalisierung noch im Steinzeitalter", räumte Moreno Volpi, Sprecher der Bank Syz, gegenüber swissinfo.ch ein. "Aber alle Banken befassen sich mit digitalen Fragen, das ist nichts Neues. Wir müssen alle Instrumente modernisieren, die unsere Kunden derzeit nutzen."

Die Grossbank UBS setzt sich mit der Frage von Partnerschaften mit Fintech-Firmen auseinander, die Credit Suisse steht kurz davor, für ihre reichsten Kunden ein exklusives Gefäss für ein Social Network zu schaffen.

Persönliche Note

Digitalisierung sollte als Chance und nicht als Kampfansage gesehen werden. Diese Ansicht vertritt Sebastian Dovey, Direktor von Scorpio Partnership, einem Unternehmen, das Verhalten und Erwartungen von reichen Kunden erforscht.

Social Media können Banken helfen, neue Geschäfte anzubahnen, während Big Data dazu genutzt werden kann, die Bedürfnisse der Kunden besser zu verstehen. Der heilige Gral besteht aber darin, die neusten digitalen Entwicklungen zu paaren mit den Kundenbetreuern (Client Relationship Manager, CRM) – jenen Fachleuten, die im persönlichen Kontakt stehen mit den Kunden und die Privatbanken vom Rest der Meute unterscheiden.

"Es reicht nicht, einem Kundenberater einfach einen iPad hinzustrecken und ihm zu sagen, 'na dann los damit'", erklärte Dovey letzten Monat beim Europäischen Privatbankengipfel in Zürich.

"Die Banken müssen sich fragen: Weshalb machen Leute aktuell gerne Geschäfte mit uns, und wie kann dies in der Zukunft mit Digitalisierung in Einklang gebracht werden? Kunden fragen sich schon heute, wieso sie jedes Jahr Tausende von Dollar an Gebühren zahlen für Dinge, die sie auf dem Internet finden können."

Die Antwort darauf, wie die Beziehungen zu Kunden gestärkt werden könnten, heisse "loslassen", sagte Dovey gegenüber swissinfo.ch. "Die alte Beziehung zwischen Privatbankiers und Kunden ist wie eine Eltern-Kind-Beziehung. Sie muss sich wandeln, in eine Beziehung zwischen Eltern und Teenager."

Es werde nicht dazu führen, dass Kunden davonlaufen würden, wenn sie die Möglichkeit erhielten, mit digitalen Instrumenten eine grössere Kontrolle über ihr Vermögen und vermehrten Zugang zu Investitions-Informationen zu erhalten, sagte Dovey. Im Gegenteil, verbesserte Bankenbeziehungen sorgten für andauernde Loyalität der Kunden.

Eine Frage des Geldes

"Eine Beratungsdienstleistung auf Papier wird für stärker technologisch versierte Kunden in Zukunft nicht mehr relevant sein", warnte Matthias Bossardt, Spezialist der IT-Beratungsabteilung von KPMG Schweiz. "Sie fordern eine interaktive Erfahrung mit aussagekräftigen Realzeitdaten, die ihnen zum Beispiel aufzeigen, was mit ihrem Portfolio passieren würde, wenn sie auf bestimmte Aktien setzen oder Vermögenswerte aus Rohstoffen auf Blue Chips verschieben würden."

Warum werden Fintechs gefürchtet?

Eine Umfrage bei 198 leitenden Bankiers durch das in Genf angesiedelte Finanzsoftware-Unternehmen Temenos ergab, dass 23% der Antwortenden Konkurrenz von Technologie-Unternehmen wie Apple und Google befürchten.

Im Vergleich dazu betrachteten 20% die grossen, etablierten Banken als grösste Bedrohung in Sachen Konkurrenz. Etwa 30% betrachteten schwankende Kundentreue als grösste Herausforderung im Bankensektor.

Der Welt-Vermögensbericht 2014 von Capgemini/Royal Bank of Canada kam zum Schluss, dass zwei Drittel der Multimillionäre erwarten, im Verlauf der nächsten fünf Jahre sämtliche oder die meisten ihrer Beziehungen im Bereich Vermögensverwaltung digital abzuwickeln.

Untersuchungen von Scorpio Partnership kamen zum Schluss, dass Privatbanken aus Sicht reicher Kunden in Sachen Innovation hinter Unterhaltungselektronik, Telekommunikation, Medizin sowie der Auto- und Reise-/Gastgewerbe-Industrie hinterherhinken.

Nach Angaben der Beratungsfirma Accenture wird die Generation der Baby-Boomer in den kommenden 30 bis 40 Jahren etwa 30 Billionen Dollar Vermögen an die digital versierten Generationen X und Y übertragen.

Wegen Gewinneinbrüchen, dem Mangel an technischem Know-how, Kürzungen im IT-Bereich, den Kosten neuer Regulierungsvorschriften und den andauernden Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Steuerstreit schrecken Schweizer Banken aktuell jedoch vor grossen digitalen Investitionen zurück.

Ein Gesundheitscheck des Schweizer Privatbankensektors durch KPMG und die Universität St. Gallen kam früher in diesem Jahr zum Schluss, dass 34 der untersuchten 94 Banken für 2013 operationelle Verluste auswiesen, nicht zuletzt wegen dem andauernden Steuerstreit mit den USA.

Laut Bossardt von KPMG könnten kleinere Banken sich gezwungen sehen, auf digitale Plattformen ausweichen zu müssen, die von ihren grösseren Konkurrenten angeboten werden.

Ein anderer Bereich, mit dem sich die berüchtigten Schweizer Privatbanken konfrontiert sehen, sind die Kundendaten, deren Sicherheit durch digitale Systeme gefährdet werden könnte. Unterstrichen wurde dieses Problem letzten Monat durch den Cyber-Angriff auf die US-Bank JP Morgan.

Die Schweizer Regulierungsbehörde, die Finanzmarktaufsicht (Finma), erklärte, es gebe bereits Vorschriften zur Sicherheit elektronischer Systeme, aber keine spezifischen Richtlinien, was den neuen Trend zur Digitalisierung im Privatbankensektor angehe.

Die Konkurrenz aus der Welt der Technologie könnte noch härter werden, wenn Giganten wie Facebook oder Amazon ihre Big-Data-Ressourcen vor den Karren der Vermögensverwaltung spannen. Dann könne den Privatbanken drohen, dass sie zu "Dinosauriern" würden, warnte Hein van der Loo, Direktor der ABN Amro, am Europäischen Privatbankengipfel.

Um dieses Schicksal zu vermeiden, so Steffan Binder von "MyPrivateBanking", müssten Privatbanken Wege finden, ihren einzigartigen, exklusiven Charakter zu bewahren, während sie gleichzeitig in die digitale Welt vorstiessen.

"Wie im medizinischen Bereich ist die menschliche Interaktion unersetzbar", erklärte Binder. "Diese Interaktion sollte mit digitalen Instrumenten verbessert, nicht ersetzt werden. Und es darf keine Selbstzufriedenheit geben, denn solche Verbesserungen werden sich in den kommenden Jahren als wichtiger Wettbewerbsvorteil herausstellen."


(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch), swissinfo.ch

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