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Junge und Politik Wenn der Nationalrat das Bundesbüchlein nicht mehr versteht


Debattier-Runde an der easyvote-Jahrestagung 2018 in Bern.

"Kurz und prägnant ist das A und O auch in der Sprache der Politik": Nationalrat Matthias Aebischer (2. von rechts) an der easyvote-Tagung in Bern. Mit Daniel Binswanger, Laura Zimmermann, Philipp Gut (von links). Rechts Gesprächsleiterin Marguerite Meyer.

(easyvote)

Eine knappe und prägnante Sprache, überprüfbare Fakten und Emotionen – kurz: gutes Journalistenhandwerk. Damit sollen Junge in der Schweiz wieder für politische Themen gewonnen werden. Die Rezeptur stammt von Journalisten und Politikern, abgegeben an der easyvote-Jahrestagung in Bern.

Dieser Beitrag ist Teil von #DearDemocracyexterner Link, der Plattform für direkte Demokratie von swissinfo.ch. Hier äussern nebst internen auch aussenstehende Autoren ihre Ansichten. Ihre Positionen müssen sich nicht mit jener von swissinfo.ch decken.

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In der Schweiz stimmen die Bürger viermal im Jahr landesweit über Sachvorlagen ab. Dazu kommen viele Urnengänge auf kantonaler und lokaler Ebene.

So kommt einiges zusammen: In seinem Leben geht ein aktiver Bürger in der Schweiz rund 1800 Mal ins Stimmlokal. Diese Zahl hat der Politikwissenschaftler Andreas Ladner einmal genannt. Etwa ein Fünftel davon sind nationale Urnengänge, je 40% entfallen auf kantonale und kommunale Abstimmungen, so der Professor an der Universität Lausanne.

Aber ausgerechnet in der Schweiz mit ihrer stark ausgebauten direkten Demokratie zeichnet sich Beunruhigendes ab: Denn 2017 markiert einen Wendepunkt, was das Interesse von Jungen an politischen Themen betrifft. 2014 lag der Anteil der politisch interessierten Jugendlichen in der Schweiz noch bei 56%. Im letzten Jahr ist dieser auf 43% abgesackt – hoppla!

Anders ausgedrückt: In der weltweiten Nummer 1 in Sachen Volksabstimmungen ist Politik bei über der Hälfte der 15- bis 25-Jährigen nicht mehr auf dem Radar.

Und was, wenn diese Jungen die Journalisten, die politische Inhalte in die öffentliche Debatte einspeisen, auf der "Vertrauensskala" von Personen und Organisationen in der Schweizer Politik auf den letzten Platz setzen? Nochmals hoppla!

So geschehen im neuen Politikmonitor 2017externer Link, den das Forschungsinstitut gfs.bern für die Plattform easyvote schon zum dritten Mal erstellt hat.

Besucher der easyvote-Tagung im Berner Käfigturm.

Volle Reihen oder es wurde eng an der easyvote-Tagung im Polit-Forum Käfitgturm in Bern.

(easyvote)

Easyvoteexterner Link setzt sich für mehr politische Partizipation der Jungen und für eine Stärkung der politischen Bildung in der Schweiz ein. Die unabhängige Organisation ist den Schweizer Jugendparlamenten angegliedert.

Notwendiges Misstrauen

"Misstrauen muss nicht unbedingt schlecht sein. Ein gesundes Misstrauen den Medien gegenüber ist nicht schlecht", sagte Philipp Gut, stellvertretender Chefredaktor der rechtskonservativen Zeitung Weltwocheexterner Link

"Wenn nach den Vorkommnissen der Silvesternacht in Köln in 2015/16 öffentliche Medien in Deutschland sagen, dies sei kein Thema, dann sind die Medien selber schuld, dass ihnen die Leute nicht mehr vertrauen."

Gut diskutierte an einem Podium zum Thema "Vertrauenskrise der Jugendlichen in die Medien und die Auswirkungen auf die politische Partizipation".

Weitere Teilnehmende der Runde, die im Rahmen der easyvote-Jahrestagung 2018 in Bern stattfand, waren der Journalist und Autor Daniel Binswanger vom Online-Magazin Republikexterner Link, der sozialdemokratische Nationalrat Matthias Aebischerexterner Link sowie Laura Zimmermann von der Operation Liberoexterner Link.

"Nächste Entlassungswelle bei Tamedia"

"Das gesamte Mediensystem in der Schweiz macht alles falsch, was man falsch machen kann", sagte Daniel Binswanger. "Der Journalismus zerstört seine eigene Glaubwürdigkeit, und das ohne Notwendigkeit."

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Er illustrierte dies anhand "der nächsten Entlassungswelle, die bei Tamedia bevorsteht". Es ist dies der grösste private Medienverlag der Schweiz. Binswanger hob aber hervor, dass das Vertrauen in die Medien nicht nur bei den Jungen, sondern generell massiv abnehme.

Als ein Mittel, um Vertrauen zurückzugewinnen, brachte Gesprächsleiterin Marguerite Meyer Transparenz ins Spiel. Bloss wie diese herstellen, fragte die Leiterin des Bereichs Multimedia bei swissinfo.ch.

Überprüfbare Fakten

"Wenn Medien Fakten bringen, ist das überzeugend", sagte Gut. Werde beispielsweise bei Gerichtsprozessen aus Akten zitiert, könnten Leser diese Informationen nachprüfen.

Wie aber können Jugendliche faktenbasierte Informationen von Fake News unterscheiden? "Das Erlernen des Umgangs mit Quellen gehört zur Eigenverantwortung, und man muss sich dafür Zeit nehmen", sagte Laura Zimmermann. Gutes journalistisches Handwerk bleibe unerlässlich, sagte die Vertreterin der Operation Libero.

Medienkompetenz gestiegen

"Jugendliche sind heute viel wachsamer als früher und sie haben viel mehr Medienkompetenz", sagte Matthias Aebischer, sozialdemokratischer Nationalrat und ehemaliger Journalist beim Schweizer Fernsehen SRF. . "Ich wusste, dass stimmt, was die Tagesschau des Schweizer Fernsehens brachte." Heute treffe dies auf sehr viele Informationen nicht mehr zu.

Was das sinkende Interesse an politischen Themen angeht, registriert Aebischer eher eine Re-Politisierung der Jungen statt eine Entpolitisierung. "Wenn ich von Studien höre, die zum Schluss kommen, dass sich die Jugendlichen nicht mehr für Politik interessieren, herrscht bei mir Alarmstufe rot", sagt Matthias Aebischer. "Während der Session besuchen mich bis zu fünf Schulklassen pro Tag. Das Interesse ist also da und ich gehe in den Infight."

Emotionen beleben das Geschäft

Emotionalen Themen kann Aebischer durchaus Positives abgewinnen. Selbst wenn sie von der politischen Gegenseite stammen. 

"Ich habe die Debatte um die 'No-Billag-Initiative' richtiggehend genossen. Die ganze Schweiz hat darüber diskutiert, und viele Jugendliche haben erst dank dieser Debatte gemerkt, wie viele Medien es hier überhaupt gibt."

Sprache als Barriere

Eine komplizierte, unverständliche Sprache: Dies nannten die Jugendlichen in der Befragung als Hauptgrund für ihr Desinteresse an Politik.

Heisst dies für die Journalisten, in möglichst jugendfreundlicher Sprache über Politik zu berichten zu müssen? "Keineswegs, da bin ich strikt dagegen", sagte Aebischer. "Wir haben genügend Banalität. Im Gegenteil: Jugendliche lieben es, zwischendurch intellektuelle Texte zu lesen!"

Die Formel "kurz und prägnant" erachtet der Ex-Journalist als "das A und O". Das Abstimmungsbüchlein sei oft kompliziert. "Das verstehe ich oft selber nicht – sogar als Nationalrat."

Nachtrag: Vor jeder Abstimmung erhalten alle Schweizer  Stimmbürger und Stimmbürgerinnen das Bundesbüchlein. Darin listet die Bundeskanzlei die wichtigsten Argumente für und gegen die Vorlagen auf, die zur Abstimmung kommen. 

Die Broschüre ist die wichtigste Grundlage für die Meinungsbildung und Entscheidungsfindung der Stimmbürger, wie Umfragen ergeben. Die auflagenstärkste Publikation des Bundes ist also dennoch alles andere als ein "Kommunikations-Fail".


Der Autor auf Twitterexterner Link.

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