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Dunkles Kapitel der Geschichte


Rehabilitation der "versklavten Kinder"


Von Isabelle Eichenberger


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Die Schweiz macht sich daran, Zehntausende Kinder und Jugendliche zu rehabilitieren, die bis in die 1980er-Jahre bei Bauern platziert oder im Namen administrativer Fürsorge weggesperrt wurden. Die Opfervereinigungen verlangen finanzielle Entschädigungen.

"Ich bin ohne Vater geboren worden, und meine Mutter hat mich der Grossmutter gegeben. Als diese starb, hat man mich zuerst bei den Schwestern und dann bei einem Bauern platziert. Vor Schulbeginn musste ich täglich die Kühe melken. Man hat mich schlecht behandelt. Ich war ein Niemand", erzählt Paul Stutzmann.

Der heute 72-jährige Freiburger war eines von rund 100'000 so genannten Verdingkindern, die im 19. und 20. Jahrhundert als billige Arbeitskräfte bei Bauern aufwuchsen, oft geschlagen, schlecht ernährt und manchmal sexuell missbraucht worden waren. Zur gleichen Zeit wurden minderjährige Mütter oder "Randständige" ins Gefängnis oder in die psychiatrische Klinik gesteckt – "administrativ versorgt", wie es damals hiess. Manchmal haben die Behörden eine Kastration oder Sterilisation oder eine Zwangsadoption der Kinder verordnet.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts erschienen die ersten Schicksalsberichte in den Medien, die zu parlamentarischen Vorstössen führten. Während einer langen Zeit schoben sich Kirchen, Kantone und Gemeinden die Verantwortung zu, einige spielten die Misshandlungen herunter. Erst als sich der Bund und der Kanton Bern 2010 bei ehemaligen "administrativ Versorgten" entschuldigten, die ins bernische Frauengefängnis Hindelbank gesteckt worden waren, kam Bewegung in die Aufarbeitung der leidigen Geschichte.

Am 11. April sind alle "Opfer der Zwangsmassnahmen aus fürsorgerischen Gründen" in Bern zu einer Gedenkfeier eingeladen, an der unter anderen Bundesrätin Simonetta Sommaruga, Vertreter der Behörden, der Kirchen, der Kantone und Städte sowie des Schweizerischen Bauerverbands teilnehmen werden. An diesem historischen Tag wird auch der ehemalige Parlamentarier Hansruedi Stadler teilnehmen, der von der Justizministerin zur Klärung der Verhältnisse zwischen Opfern und Institutionen beauftragt wurde.

Ein paar Meilensteine

Die Geschichte der ausserfamiliären Erziehung war in der Schweiz bisher nicht Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Aber die Behörden anerkennen, dass Kinder und Jugendliche bis 1981 Opfer von "fürsorgerischen" Zwangsmassnahmen und in Institutionen oder bei Bauern platziert worden waren.

1944 veröffentlicht die Wochenzeitung "Die Nation" eine Reportage des Journalisten Peter Surava und des Fotografen Paul Senn über das Knabenheim Sonnenberg im Kanton Luzern. Darauf wird die Institution geschlossen und der Direktor wegen Misshandlungen verurteilt.

1974 publiziert der Journalist und Politiker Arthur Honegger "Die Fertigmacher". Von dem über weite Strecken autobiografischen Roman über Zwangseinweisungen werden mehr als 100'000 Exemplare verkauft.

1981, 7 Jahre nach der Ratifizierung der Europäischen Menschenrechtskonvention, wird die schweizerische Gesetzgebung mit Bestimmungen über den fürsorgerischen Freiheitsentzug ergänzt.

1991 veröffentlicht der Berner Historiker Marco Leuenberger, dessen Vater verdingt worden war, die erste umfassende Studie über Verdingkinder im Kanton Bern.

1999 wird eine parlamentarische Initiative eingereicht, die eine Entschädigung für die Opfer von Zwangssterilisierungen verlangt. Sie hatte bis heute keine Wirkung.

2009-2013: Die Wander-Ausstellung "Enfances volées – Verdingkinder reden", die in einem Dutzend Schweizer Städten gezeigt wird, zieht 85'000 Besucher an.

Bis heute haben die Kantone Bern, Luzern, Freiburg und Thurgau die Opfer offiziell um Entschuldigung gebeten.

2010: In Folge einer parlamentarischen Interpellation bittet die damalige Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf die Opfer "administrativer Internierung" um Entschuldigung.

2011 werden zwei parlamentarische Interpellationen eingereicht – die eine verlangt die Rehabilitierung der Personen, die "administrativ versorgt" wurden, die andere fordert eine historische Aufarbeitung sowie Entschuldigungen der  Eidgenossenschaft gegenüber den betroffenen Kindern.

Zu viel Scham oder Schmerz

"In dieser Epoche war es normal, die Kinder zu misshandeln, und die Armut wurde als Laster betrachtet, das es durch Arbeit zu korrigieren galt. Ich wurde einmal an ein Treffen der betroffenen Menschen eingeladen und war von ihren Berichten so erschüttert, dass ich keine Worte mehr fand", sagt Walter Zwahlen, Präsident des Vereins "Netzwerk Verdingt", den er 2008 mitgegründet hat.

Die Zahl der ehemaligen Verdingkinder, die heute noch am Leben sind, wird auf 10'000 geschätzt, aber dem Verein gehören nur rund 40 Mitglieder an. "Die meisten haben zu viel Scham, um sich erkenntlich zu geben, oder sie empfinden zu viel Schmerz und wollen die alten Wunden nicht aufreissen lassen", sagt Walter Zwahlen.

Eine nationale Studie zu diesem unrühmlichen Teil der Schweizer Geschichte existiert nicht, weil die Archive in den Kantonen, Gemeinden und Institutionen verstreut und zum Teil vernichtet worden sind. Mündliche Zeugenaussagen sind fast die einzigen glaubwürdigen Quellen.

Walter Zwahlen hat gleichwohl eine einzigartige Bibliothek aus 620 Büchern mit Zeugenberichten aus mehreren westlichen Ländern errichtet. "Es war andernorts gleich", sagt er. "Dort hat es eben so wenige Dokumente wie in der Schweiz, aber die Zeugenberichte stimmen überein, in Deutschland, über die (damalige) Tschechoslowakei und Norwegen bis nach Polen."

Jahre des öffentlichen Drucks

"Man kann nicht mehr behaupten, dass es dies nicht gegeben hatte. Viele Familien haben Verwandte, die 'versorgt' worden waren", sagt Pierre Avvanzino, Forscher und ehemaliger Professor an der "Haute-Ecole de travail sociale" in Lausanne.

"1987 wurden die Kinder der Fahrenden, die ihren Eltern gewaltsam entzogen worden waren, rehabilitiert und entschädigt." Das liess sich einfacher umsetzen, weil die Operation "Kinder der Landstrasse" vom Bund finanziert wurde. Die Archive waren zentralisiert, so dass sich die Regierung den Entschuldigungen und Entschädigungen nicht entziehen konnte", sagt der Historiker.

Für die Verdingkinder und die "administrativ Versorgten" brauchte es Jahre des öffentlichen Drucks mit Hungerstreiks, Ausstellungen aber auch Klagen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, damit sich einige Kantone – nämlich Bern, Luzern, Thurgau und Freiburg – bei den Opfern entschuldigten.

Zwei parlamentarische Initiativen verlangen eine moralische Wiedergutmachung und die Lancierung eines nationalen Forschungsprogramms. Von einer materiellen Entschädigung ist bei den Parteien der politischen Rechten und bei der Mehrheit der Rechtskommission der Grossen Kammer aber keine Rede.

Zwangsarbeit im Wert von Milliarden

Das Boulevardblatt Blick hat sich vom Chefökonomen einer Grossbank vorrechnen lassen, dass die Gratisarbeit der Kinder der Landwirtschaft zwischen 20 und 65 Milliarden Franken eingetragen hatte. Den 10'000 Betroffenen, die heute noch am Leben sind, würden demnach 1,2 Milliarden Franken zustehen.

Der Schweizerische Bauernverband (SBV) anerkennt das "dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte", lehnt aber Entschuldigungen und Entschädigungen ab. "Es ist schwierig, wenn nicht unmöglich, nach so vielen Jahren einen Betrag zu bestimmen. Und eine pauschale Entschädigung würde den Lebensbedingungen der Kinder nicht Rechnung tragen, die von Fall zu Fall sehr unterschiedlich waren", erklärt SBV-Präsident Jacques Bourgeois.

Pierre Avvanzino ist skeptisch: "Es braucht starken politischen Druck, den ich derzeit nicht erkennen kann. Das historische Faktum wird noch zu stark bestritten. Meiner Meinung nach repräsentieren diese Kinder nichts für die Politiker. Aber wenn man etwas tun will, muss es rasch geschehen, weil die Betroffenen aussterben."

Wird Paul Stutzmann, der ehemalige Verdingbub aus Freiburg, am 11. April auch nach Bern reisen? "Ich glaube nicht, dass ich den Mut dazu habe. Und ausserdem habe ich ein gutes Leben gehabt. Für mich ist es vorbei, erledigt", sagt er mit zögerlicher Stimme.

Gedenkveranstaltung

Die Opfer "fürsorgerischer" Zwangsmassnahmen sind zu einer Gedenkveranstaltung vom 11. April 2013 in Bern eingeladen.

Neben Justizministerin Simonetta Sommaruga werden Vertreter des Fachverbands Sozial- und Sonderpädagogik, der Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren, des Vereins der Schweizer Gemeinden, der Föderation der protestantischen Kirchen, des Schweizerischen Bauernverbands, der Konferenz der kantonalen Sozialdirektoren, des Schweizerischen Städteverbands, der christkatholischen Kirche der Schweiz, der Schweizerischen Bischofskonferenz teilnehmen.     


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch



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