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Eidgenössische Wahlen


Rekordhohe Anzahl Kandidaten für Sitze im Parlament




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Von 3788 Kandidierenden werden nur 200 den ersehnten Sitz im Nationalrat erobern. (swissinfo.ch)

Von 3788 Kandidierenden werden nur 200 den ersehnten Sitz im Nationalrat erobern.

(swissinfo.ch)

Fast 3800 Personen bewerben sich um einen der 200 Sitze im Nationalrat (kleine Parlamentskammer), die alle vier Jahre neu verteilt werden. Ein Rekord. Praktisch zehn Prozent mehr Politikerinnen und Politiker als vor vier Jahren buhlen um einen Sitz. Und auch Kandidatenlisten gibt es in den 26 Kantonen so viele wie nie zuvor.

Gleich verdoppelt hat sich die Zahl der Kandidierenden im Kanton Tessin: Waren es für die Wahlen 2011 noch 68, kämpfen heuer 123 Personen um einen der acht Tessiner Sitze im Nationalrat. Ähnliches gilt für den Kanton Wallis, wo 173 Kandidierende (2011: 151) um die acht Sitze buhlen. In Luzern möchten 159 Politikerinnen und Politiker (2011: 129) einen von zehn Nationalrats-Sitzen erobern. Ein Rekord in allen drei Fällen, und die Liste könnte noch weitergeführt werden.

Innert 40 Jahren hat sich die Zahl der Kandidierenden gesamtschweizerisch mehr als verdoppelt: 1971 waren es knapp 1700 Personen, dieses Jahr 3788. Dies zeigen die vom Bundesamt für Statistik (BFS) erhobenen Daten, die Mitte September publiziert wurden. Gegenüber den letzten Wahlen 2011 beträgt die Zunahme rund zehn Prozent.

Mehr Wahlberechtigte – mehr Kandidierende?

Einer der Faktoren für die Zunahme könnte schlicht struktureller Natur sein: Mehr Personen mit Stimm- und Wahlrecht (und damit auch dem Recht, selber gewählt zu werden), heisst mehr Kandidierende. Sicherlich besteht ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Variablen. Doch dies reicht als Begründung für das Phänomen nicht aus. Denn während 1975 auf einen Kandidaten 1918 Wahlberechtigte fielen, war das Verhältnis vor vier Jahren nur noch eins zu 1481.

"Exotische" Listen

Über die traditionellen Parteien hinaus finden sich in fast allen Kantonen mehr oder weniger "exotische" Bewegungen.

In Zürich beispielsweise präsentiert sich je ein Kandidat auf der Liste der "Anti Powerpoint Partei" und jener von "Hanf Ueli". Im gleichen Kanton können Wählende ihre Stimmen auch einer Liste geben, die ausschliesslich aus Künstlern und Literaten besteht, oder für Kandidierende der Bewegungen "Die Unpolitischen" oder "Stopp Stau und Blitzerterror – die Autofahrer Liste" stimmen.

Im Kanton Aargau geht die Kandidatenliste "Integrale Politik - Aus der Intelligenz des Herzens" auf Stimmenfang.

Und in einigen Westschweizer Kantonen präsentieren sich Vertreterinnen und Vertreter der "Liste du Vote Blanc" ("Liste der Leereinleger").

Der Grund für diese exponentielle Zunahme ist daher eher in der politischen Konjunktur zu finden. "Heute gibt es viel mehr Parteien", sagt Georg Lutz, Politologe an der Universität Lausanne. "Zu den vier traditionellen Parteien, die 1919 bei der Einführung des Proporzsystems existierten, kamen die Grünen [erstmals im Parlament vertreten 1979, N.d.R.], die Grünliberalen [2007], die Bürgerlich-Demokratische Partei [2011] sowie andere kleinere Parteien, die einen Platz an der Sonne suchen."

Listen für jeden Geschmack

Das ist aber nicht das einzige Motiv. Die Zunahme der Kandidierenden ging Hand in Hand mit dem Anstieg der Anzahl Listen. 1975 kandidierten interessierte Personen auf insgesamt 170 Listen. Heute gibt es über 400.

Im Kanton Zürich beispielsweise kann das Wahlvolk aus 35 verschiedenen Listen auswählen, fünf mehr als 2011. Darunter findet sich etwas für jeden Geschmack: Neben ihren Hauptlisten präsentieren die grössten Parteien oft eine Liste mit jungen Kandidierenden, manchmal auch eine mit älteren Semestern, mit Frauen oder Auslandschweizerinnen und Auslandschweizern.

Mit der Möglichkeit von Listenverbindungen – sie ermöglichen den Zusammenschluss zu einer scheinbar grösseren Partei, die rechnerisch bessere Chancen auf einen Sitz hat – versuchen die Parteien, noch einige zusätzliche Prozentpunkte oder Bruchteile davon zu ergattern, indem sie beispielsweise junge Wählende ansprechen. Manchmal entscheidet der kleinste prozentuale Unterschied über den Gewinn oder Verlust eines Sitzes.

"Die Schweizer Politik ist viel kompetitiver geworden, zwischen den Parteien herrscht eine viel grössere Rivalität, und die Wählerschaft ist ein wenig unberechenbarer geworden", sagt Pascal Sciarini, Politologe an der Universität Genf. "Es gibt grössere Unterschiede zwischen einer Wahl und der anderen. Dies ermöglicht es den Parteien, hier und dort noch einige zusätzliche Bruchteile von Prozentanteilen zusammenzukratzen, indem sie sich an spezifische Segmente der Wählerschaft wenden."

Lutz unterstreicht noch einen anderen Aspekt: "Mit mehr Listen bringen die Parteien eine grössere Anzahl Kandidierender ins Spiel, die alle Wahlkampf betreiben."

Seit Mitte der 1990er-Jahre habe es "eine Form der Politisierung in der Schweiz" gegeben, sagt Sciarini. So habe die Stimmbeteiligung, 1995 mit 42,2% auf dem Tiefpunkt, seither stetig zugenommen. 2011 betrug sie 48,5%.

Dieses Jahr dürfte sie gemäss Umfragen der SRG SSR, durchgeführt durch das Institut gfs.bern, um die 50% erreichen. "Der Wahlkampf hat sich verstärkt", so Sciarini. "Das ist quasi eine positive Wirkung des Aufstiegs der Schweizerischen Volkspartei (SVP) und der Polarisierung der Schweizer Politik. Die Wahlen sind viel kompetitiver und offener geworden." Und dies fördere die Zunahme von Kandidierenden.

15 Minuten Ruhm?

Dazu kommen wohl noch eine ganze Reihe persönlicher Faktoren. "Einige denken vielleicht, es sei unterhaltsam, sich in den Wahlkampf zu begeben, andere wollen ihrer Partei helfen, wieder andere sind der Meinung, eine Kandidatur könnte ihrer beruflichen Karriere förderlich sei", sagt Lutz. "Um ehrlich zu sein, muss ich aber sagen, ich kann die Gründe all dieser Kandidaten nicht verstehen. Der Grossteil von ihnen hat überhaupt keine Chance, gewählt zu werden."

Im Wissen, dass die 174 bisherigen Nationalrätinnen und Nationalräte, die erneut kandidieren, mit einem enormen Vorsprung ins Rennen gehen, werden lediglich zwei Dutzend neue Kandidierende einen Sitz erobern können.

Kann die Zunahme an Informationskanälen und Kampagnen eine mögliche Erklärung liefern? "Das ist eine Hypothese, die sich bestätigen dürfte", sagt Sciarini. "Es ist wahr, dass bis vor ein paar Jahren alles viel institutionalisierter war. Es gab ein staatliches Fernsehen und sonst kaum etwas. Das beschränkte die Möglichkeiten eines Kandidaten, auf sich aufmerksam zu machen. Heute, mit den sozialen Netzwerken, dem Regionalfernsehen und so weiter haben auch diese Kandidaten eine Chance, wahrgenommen zu werden. In Genf beispielsweise will das Regionalfernsehen alle 178 Kandidierenden für den Nationalrat interviewen." Erhalten die von Andy Warhol geprägten 15 Minuten Ruhm bald neue Anwärter?

Das Parlament

Die Bundesversammlung, das Schweizer Parlament, besteht aus zwei Kammern, dem Nationalrat (Volkskammer) und dem Ständerat (Kantonskammer).

Seit 1919 wird der Nationalrat (200 Sitze) nach dem Proporzsystem gewählt. Jeder Kanton hat Anrecht auf mindestens einen Sitz und proportional zu seiner Wohnbevölkerung auf weitere Sitze. Zürich zum Beispiel hat 35 Sitze, Glarus nur einen.

Der Ständerat hingegen besteht aus 46 Abgeordneten der Kantone. Jeder Kanton hat Anrecht auf zwei Ständeräte, die sechs Halbkantone auf je einen. Ausser in Jura und Neuenburg werden die Ständeräte in allen Kantonen nach dem Majorzsystem gewählt: Wer die meisten Stimmen holt, erhält den Sitz. Dieses Jahr kämpfen 160 Kandidierende (6 mehr als 2011) um die Sitze im Ständerat.

Die Wahlberechtigten (darunter auch jene Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, die sich in Wählerverzeichnisse eintragen liessen) können nur Kandidierende aus ihrem Wohnkanton wählen.


(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

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