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Ein Nord-Süd-Festival, das auf Nähe baut


Das 21. internationale Filmfestival von Freiburg (FIFF) ist am Sonntag zu Ende gegangen. "A Casa de Alice" des Brasilianers Chico Teixeira wurde mit dem "Regard d'or" ausgezeichnet.

Jean-Michel Frodon, Direktor der Filmzeitschrift "Cahier Cinéma", hat das Festival verfolgt. Er begrüsst die Qualität der Auswahl und die Nähe zur Öffentlichkeit.

Dank dem Festival werden einige der dort gezeigten Filme einem breiteren Publikum zugänglich. Unterstützen soll das auch die Publikation einer Sondernummer der "Cahier du cinéma", die unter dem Namen "Les Cahiers du Festival" im Mai in Freiburg erscheinen wird.

Der Redaktionsdirektor, Jean-Michel Frodon, weilte die ganze Woche in Freiburg. Aus seiner kritischen Distanz will er eine Zeitschrift machen, die das FIFF sowie andere Festivals als Spiegel benutzen können, um dieses "vom Markt verstossene Kino" besser verteidigen zu können.

swissinfo: Haben Sie das Freiburger Filmfestival schon vorher gekannt?

Jean-Michel Frodon: Vor 20 Jahren hat mich Martial Knaebel [der künstlerische Direktor des Festivals] darauf aufmerksam gemacht. Und ich habe festgestellt, dass die Auswahl von hoher Qualität war. Ich kenne auch Cineasten auf der ganzen Welt, für deren Karriere das Freiburger Festival eine wichtige Rolle gespielt hat.

Festivals sind Veranstaltungen, an denen man über andere Festivals spricht. In Cannes 2006 hat man über dieses Projekt meiner "kritischen Anwesenheit" gesprochen und in Locarno haben wir es in grossen Zügen entworfen.

swissinfo: Sie besuchen seit vielen Jahren die verschiedensten Filmfestivals. Worin unterscheidet sich das FIFF von seinen Konkurrenzveranstaltungen?

J.-M. F.: Freiburg hat viele sehr gute Filme im Programm, auch solche, die bereits an anderen Orten gezeigt worden sind. Andere Festivals bevorzugen das Neue. Doch das funktioniert nicht auf Dauer: Es ist illusorisch zu glauben, dass jedes Jahr 200 geniale Filme realisiert werden.

Es ist besser, einen guten Film zu zeigen, der bereits in Toronto oder Venedig zur Aufführung gelangt ist, als zu verkünden, man habe ein unbekanntes Genie aufgespürt, dessen einziger Verdienst darin besteht, unbekannt zu sein!

Weiter unterhält Freiburg einen wunderbaren Austausch mit seinem Publikum. Viele Festivals leisten grossartige Arbeit – hinter verschlossenen Türen. Für ein Festival ist es sehr wichtig, für das und mit dem Publikum zu arbeiten.

swissinfo: Begünstigt dies den Vertrieb der Filme?

J.-M. F.: Auf jeden Fall ist das sehr wichtig für das Leben, die Stimmung des Festivals und dafür, was von den Filmen rüberkommt. Das erlaubt Cineasten wie auch Film-Vertreibern zu beobachten, was für Emotionen die Werke auslösen können.

swissinfo: Das FIFF ist leider eine fast einmalige Gelegenheit, solche Filme vorgeführt zu bekommen. Wo liegt der Fehler? In Hollywood, bei den Vertreibern, bei der Politik?

J.-M. F.: Die Fehler liegen bei allen. Vor allem bei den Politikern. Der Markt zieht Standardisiertes vor, das ist die Definition der Industrie – ob es sich nun um Autos oder Filme handelt – damit eine grössere Rentabilität erzielt werden kann.

Heutzutage ist Hollywood für die weltweite Vereinheitlichung verantwortlich. Und wenn nicht politischer Wille andere Werke favorisiert, wird die Markt-Mechanik dazu führen, dass überall dieselben Sachen zu sehen sind.

swissinfo: Die Filmindustrie erwidert normalerweise, dass sie der Öffentlichkeit nur das anbiete, was diese auch verlange...

J.-M. F.: Gerade das Freiburger Festival beweist, dass dies falsch ist. Wenn es eine politische Arbeit gibt - und ich bin überzeugt, dass diese in Freiburg gemacht wird, macht das Publikum mit. Die Menschen, die hierher kommen, sind nicht 51 Wochen pro Jahr dumm und in der 52., jener des Festivals, intelligent.

Viele Menschen haben in ihrem normalen Alltag ganz einfach nicht die Zeit, einen tschadischen oder taiwanesischen Film zu suchen. Bietet man ihnen aber solche Filme an, greifen sie zu.

swissinfo, Carole Wälti in Freiburg
(Übertragung aus dem Französischen: Etienne Strebel)

Fakten

Jean-Michel Frodon ist 1953 in Paris geboren.

Sein Pseudonym stammt von Tolkiens "Herr der Ringe".

Er arbeitete als Kinokritiker bei "Le Monde".

Seit 2003 leitet er die Redaktion der "Cahiers du cinéma", des bekannten französischen Filmmagazins.

Frodon ist Autor von Werken über das moderne französische Kino und Woody Allen. Er hat ebenfalls über das Kino des Südens geschrieben.

Gewinner

Der "Regard d'or" des 21. Internationalen Filmfstivals von Freiburg FIFF geht an den brasilianischen Film "A Casa de Alice" des 49-jährigen Chico Teixeira

Der Preis ist mit 30'000 Franken dotiert.

Es ist das 1. Fiktionswerk des Brasilianers, der auch von der Jury der Jungen mit dem E-CHANGERPreis ausgezeichnet worden ist.

Der Preis der ökumenischen Jury, FIPRESCI und der Preis "Don Quijote" gingen an "Cercle des noyés" des belgischen Regisseurs Vandeweerd-Stein-Yves.

Das FIFF hat etwa 21'000 Zuschauer angezogen. Seine 21. Ausgabe ist die letzte unter der künstlerischen Leitung von Martial Knaebel, der nach 15 Jahren demissioniert.



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