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Emissionen "Am besten ist es, wenn man keine CO2-Kompensation nötig hat"

scritta make love not co2 dipinta sulla schiena di una donna

Junge Menschen haben dem CO2 den Kampf angesagt.

(Keystone / Patrick Seeger)

Immer mehr Menschen und Unternehmungen kompensieren freiwillig C02-Emissionen. Handelt es sich um eine Modeerscheinung oder einen wirklichen Bewusstseinswandel? Kai Landwehr, Sprecher der Schweizer Stiftung myclimate, nimmt im Gespräch mit swissinfo.ch Stellung.

Haben Sie einen Flug in die USA gebucht? Oder eine Kreuzfahrt im Mittelmeer? Und wollen Sie die Reise mit einem reinen Gewissen antreten? Einige Organisationen bieten an, die eigenen CO2-Emissionen freiwillig durch Klimaschutzprojekte zu kompensieren. Eine der führenden Organisationen für die Kompensationen ist die Schweizer Stiftung myclimate www.myclimate.orgexterner Link.externer Link

swissinfo.ch: Seit dem ersten Klimastreik im Dezember 2018 wird in der Schweiz immer häufiger eine Energie- und Konsumwende gefordert. Handelt es sich um Lippenbekenntnisse oder um einen effektiven Gesellschaftswandel?

Kai Landwehr: Ich habe den Eindruck, dass es sich um einen echten Wandel handelt. Auch dank des Klimastreiks befinden sich Umwelt- und Klimafragen nun ganz oben auf der Agenda der öffentlichen Diskussion. Die Stiftung myclimate gibt es seit 2002, und wir konnten seit damals ein Wachstum von 10 bis 15 Prozent im Jahr bei Nachfragen nach CO2-Kompensationen verzeichnen.  2018 sind die Nachfragen dann förmlich explodiert. Der Anstieg gegenüber 2017 betrug 80 Prozent. Der so genannte «Greta-Effekt» ist im ersten Halbjahr 2019 noch deutlicher zu spüren – mit einem Wachstum von 400 Prozent. Die Anzahl der Personen, die ihren CO2-Ausstoss kompensieren möchten, hat sich verfünffacht.


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Balkendiagramm C02-Ausgleich in Tonnen in den letzten zehn Jahren

Balkendiagramm

swissinfo.ch: Stellen die Kompensationen nicht einfach eine bequeme Lösung dar, um das eigene Gewissen zu beruhigen, beispielsweise nach einem kurzen Wochenend-Städtetrip mit dem Flugzeug?

K.L.: Das glaube ich nicht. Viele unserer Kunden wollen auch Emissionen kompensieren, welche durch berufliche Aktivitäten, durch Autofahrten oder Flüge, entstehen. Es handelt sich folglich um Personen, die ihren ökologischen Fussabdruck wirklich reduzieren wollen. Aber sicher gibt es auch Personen, die einen Urlaub gebucht haben und den Flug kompensieren wollen.

Im Idealfall sollte man keinerlei Treibhausgase ausstossen oder zumindest ernsthaft über die Folgen des eigenen Handelns nachdenken. Am besten ist es sicherlich, wenn man wenig oder keine CO2-Kompensation nötig hat.

swissinfo.ch: Heute fordern vor allem junge Menschen einen radikalen Wandel. Konnten Sie feststellen, dass auch diese Jungen vermehrt Kompensationen erwerben?

K.L.: Wir verfügen über keine entsprechenden Statistiken, doch wir wissen, dass sich immer mehr junge Menschen unsere Homepage im Internet anschauen. Ich glaube, dass es immer mehr junge Leute gibt, die ihre CO2-Emissionen kompensieren, auch wenn diese Gruppe in absoluten Zahlen eher klein bleibt. Das hat natürlich auch mit den verfügbaren Finanzen zu tun.

"Der Greta-Effekt ist auch bei Unternehmern deutlich sichtbar."

Ende des Zitats

swissinfo.ch: Wie verhalten sich Unternehmungen?

K.L.: Der Greta-Effekt ist auch bei Unternehmern sichtbar. Bis vor wenigen Jahren hatten wir vielleicht zwei bis drei Anfragen pro Jahr. Inzwischen erreichen uns drei oder vier Anfragen pro Tag. Die Beiträge von Unternehmungen machen 85 Prozent unseres Umsatzes aus. Es gibt viele kleine und mittlere Unternehmungen, aber durchaus auch grosse Fluggesellschaften oder Tour-Operatoren, welche die CO2-Kompensationen aus Marketing-Gründen entrichten.

swissinfo.ch: Der mittlere CO2-Ausstoss eines Schweizers beträgt zirka 4,5 Tonnen pro Jahr. Dabei sind Importe und Flugverkehr nicht mitberechnet. Wieviel würde es kosten, den Gesamtausstoss zu kompensieren?

K.L.: Der Preis für eine Tonne C02 hängt von den Projekten in den unterschiedlichen Ländern ab. In der Schweiz sind sie teurer. Der Durchschnittspreis beträgt rund 27 Franken pro Tonne, während für ein qualitativ hochstehendes Projekt auch 120 bis 130 Franken bezahlt werden.

swissinfo.ch: Wir könnten folglich den gesamten CO2-Ausstoss der Schweiz kompensieren?

K.L.: Theoretisch ja. Für recht kostengünstige Projekte würde eine halbe Milliarde Franken pro Jahr reichen. Es handelt sich aber um eine sehr ungenaue Schätzung.

swissinfo.ch: Insbesondere der Flugverkehr gehört zu den grossen Klimasündern. Wie viele Schweizer Fluggäste kompensieren ihre Flüge?

K.L.: Zwischen 2017 und 2018 gab es einen starken Anstieg bei den Kompensationen von Flügen. Der Anteil liegt aber insgesamt wohl nur bei 2 bis 3 Prozent. Zudem muss gesagt werden, dass die Kompensation häufig von den Unternehmen bezahlt werden, wenn es sich um berufsbedingte Flüge handelt.

Kai Landwehr, Sprecher von myclimate.

(myclimate)

swissinfo.ch: Nur 2 bis 3 Prozent aller Passagiere: Warum ist der Prozentsatz so niedrig angesichts der Tatsache, dass gerade Flüge von Klimaaktivisten scharf kritisiert werden?

K.L.: Einige Fluggesellschaften, wie Swiss, sehen die CO2-Kompensation erst am Ende des Buchungsprozesses vor. Und wenn die Kunden ihr Ticket, die Reservation, allenfalls einen Zuschlag für Gepäck oder andere Dienstleistungen bezahlt haben, möchten sie häufig nicht noch mehr ausgeben. Das System sollte vereinfacht werden und die CO2-Kompensation am Beginn des Buchungsprozesses stehen. Denkbar wäre auch eine Inklusion der C02-Kompensation in den Ticketpreis. Es handelt sich um ein psychologisches Problem.

swissinfo.ch: Die kleine Parlamentskammer befürwortet dieEinführung einer Abgabe auf Flugtickets. Das ist wohl eine schlechte Nachricht für myclimate…

K.L.: Überhaupt nicht. Wir begrüssen jede Massnahme, die dem Klimaschutz dient. Wenn eine Steuer eingeführt würde, welche auf Grundlage der effektiven Emissionen erhoben und für Klimaschutzprojekte eingesetzt würde, wäre dies positiv, auch wenn ein erheblicher Teil unserer Aktivitäten dadurch entfiele. Wenn es sich jedoch um eine Anreizsteuer handelt, die ebenso wie die Einnahmen aus der CO2-Abgabe auf fossile Brennstoffeexterner Link an die Bevölkerung umverteilt wird, dann ist es notwendig, die Kompensation fortzusetzen.

swissinfo.ch: Gemäss Ihrer Homepage kostet die Kompensation eines Hin- und Rückfluges von Zürich nach New York in der Economy-Class zwischen 58 und 183 Franken. Wo landet dieses Geld?

K.L.: Als gemeinnützige Stiftung sind wir verpflichtet, mindestens 80 Prozent unserer Einnahmen in Klimaschutzprojekte zu investieren. Ziel ist es, fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energien zu ersetzen, die Energieeffizienz zu verbessern, Wiederaufforstungsmassnahmen zu fördern und die Methanemissionen zu reduzieren.

Zurzeit sind wir an rund 100 Projekten in mehr als 30 Entwicklungs- oder Schwellenländern beteiligt. In Kenia unterstützen wir beispielsweise ein Projekt, um die Verwendung von Holz zum Kochen um 50 Prozent zu reduzieren. Dann gibt es Investitionen in Anlagen für Biogas, Windkraft, Sonnen- und Wasserkraft sowie Projekte zur Kehrichtbeseitigung.

Wir haben auch 15 Projekte in der Schweiz. Dies ist unter anderem nötig, weil die Importeure von fossilen Brennstoffen gesetzlich verpflichtetexterner Link sind, einen Teil der Emissionen auf nationaler Ebene zu kompensieren.

"Wir haben 50 Projekte auf der Warteliste. Mit diesen Projekten könnten wir sofort starten, aber es fehlen uns die finanziellen Mittel."

Ende des Zitats

swissinfo.ch: Gemäss einer internationalen Studie aus dem Jahr 2016 führt der Grossteil der Kompensationsprojekte nicht zu einem realen Rückgang der Emissionen. Wie wählen Sie Ihre Projekte aus?

K.L.: Zunächst möchte ich betonen, dass die von Ihnen erwähnte Studie Grossprojekte gemäss CDMexterner Link-Standards analysiert hat, die nur einen kleinen Teil unseres Portfolios ausmachen.

Bei der Auswahl unserer Projekte wenden wir unabhängige und strengere Kriterien an. Ich denke hier beispielsweise an das Gütesiegel Gold Standardexterner Link, das von Organisationen der Zivilgesellschaft und den Vereinten Nationen ausgearbeitet wurde. Drei Punkte sind entscheidend: Die Projekte müssen effektiv, das heisst nachweisbar zu einer Reduktion der Emissionen führen. Und die Finanzierung muss auf Gelder aus dem Klimaschutzfonds angewiesen sein.

Es ist schon vorgekommen, dass wir die Zusammenarbeit mit Projekten abgebrochen haben, die von staatlichen Subventionen profitieren. Das ist beispielsweise mit einer Windkraftanlage in der Türkei passiert.

Läuft Ihre Organisation nicht Gefahr, über viel Geld, aber zu wenig Projekte zu verfügen?

K.L.: Auf keinem Fall. Wir haben 50 Projekte auf der Warteliste. Mit diesen Projekten könnten wir sofort starten, aber es fehlen uns die finanziellen Mittel.


(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)

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