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Europäische Kunstbiennale in Zürich


"Es ist eine Ehre, an die Manifesta eingeladen zu werden"


Von Martina Kammermann, Zürich


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Die Künstlerin in ihrem Zürcher Atelier. (Martina Kammermann)

Die Künstlerin in ihrem Zürcher Atelier.

(Martina Kammermann)

Die 11. Manifesta findet dieses Jahr erstmals in der Schweizer Metropole Zürich statt. Mittendrin und im Rampenlicht: die Künstlerin Una Szeemann, als einzige Schweizer Vertretung. swissinfo.ch hat sie kurz vor der Eröffnung der europäischen Kunstbiennale in ihrem Atelier in Zürich besucht.

Es geht drunter und drüber im Atelier von Una Szeemann. Hier und dort warten Objekte auf den letzten Schliff, eine beschädigte Skulptur muss sie komplett neu produzieren, andere Werke werden bereits transportiert. Bald werden sie alle an der Manifesta, einer der grössten europäischen Veranstaltungen für zeitgenössische Kunst, ausgestellt sein. "Ja, es ist gerade viel los", meint sie gut gelaunt.

Una Szeemann (*1975) ist in Locarno aufgewachsen und machte die Schauspielschule in Mailand, bevor sie sich auf die bildende Kunst konzentrierte. Skulptur, Fotografie, Video und Installation sind ihre wichtigsten Medien, und sie lebte mehrere Jahre in Berlin, New York und Rom.

Seit 2006 arbeitet sie mit dem Künstler Bohdan Stehlik zusammen. Szeemann stellte unter anderem bereits im Kunstmuseum Luzern, im Museo Maga in Gallarate, im 21er Haus Belvedere Wien, an der Busan Biennale, in der Kunsthalle Wien, im Centre Culturel Suisse Paris und im Nam June Paik Art Center in Korea aus.

Die Künstlerin war schon mehrmals für den Schweizer Kunstpreis nominiert und nahm 2007 an den Biennalen in Venedig und Lyon teil. Ihre letzte Einzelausstellung in der Schweiz fand 2014 im Museo Cantonale d’Arte di Lugano statt. 2015 kuratierte sie im Zürcher Cabaret Voltaire die 100-Jahr-Jubiläumsausstellung. Zurzeit lebt und arbeitet sie in Zürich. 

Die Manifesta findet alle zwei Jahre in einer anderen europäischen Stadt statt – dieses Jahr in Zürich. Ihr übergreifendes Thema lautet "What People Do For Money", oder kürzer gesagt: Arbeit. Ausgewählte Werke von hunderten Kunstschaffenden aus aller Welt werden zu sehen sein, zudem wurden dreissig Künstler eingeladen, speziell für die Manifesta eine Arbeit zu produzieren.

So auch Una Szeemann, als einzige Schweizer Vertretung. Die im Tessin aufgewachsene, 41-jährige Künstlerin arbeitet aktuell hauptsächlich im Bereich Skulptur, Installation und Fotografie. In der Kunstwelt bekannt wurde sie durch ihre zahlreichen Videoarbeiten und auch ihre jahrelange, bis heute dauernde Zusammenarbeit mit dem Künstler Bohdan Stehlik.

Hypnose als Inspiration

Auch für ihr Manifesta-Projekt arbeitete sie mit Partnern zusammen – allerdings nicht wie gewöhnlich mit anderen Künstlern: "Es war die Vorgabe, dass wir etwas mit Zürcher Berufsleuten machen." Szeemann hat sich mit einem Psychotherapeuten und einem Psychoanalytiker zusammengetan. "Für mich war sofort klar, dass es dieser Bereich sein muss", erzählt sie. "Die Beziehungen zwischen Illusion und Realität haben mich immer fasziniert, auch weil es ja nur individuelle Realitäten gibt."

Ihre Arbeit entstand denn auch aus einem sehr persönlichen Ansatz heraus. Aufgrund einer Vision, die ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, liess sich Szeemann von Psychotherapeut Peter Hain hypnotisieren und ging dieser Vision nach. "Die Szenen, die ich in diesem Zustand gesehen und durchlebt habe, setzte ich danach in Objekten um. Das war eine grosse Herausforderung." In einem zweiten Schritt liess Szeemann die entstandenen Skulpturen vom Psychoanalytiker Olaf Knellessen analysieren. "Das öffnet wiederum das Spektrum in andere Richtungen und ermöglicht eine neue Perspektive."

Der Haarschopf ist Teil von Una Szeemanns Ausstellung. (Martina Kammermann)

Der Haarschopf ist Teil von Una Szeemanns Ausstellung.

(Martina Kammermann)

Im Atelier ist bereits erkennbar, was dabei herausgekommen ist: Samenförmige, faserig ausgekleidete Gipsschalen, in fallenden Tüchern angedeutete Figuren, ein gesichtsloser Haarschopf. Szeemann wird die Objekte in der Ausstellung zu einer Landschaft anordnen, also einer "Landschaften des Unbewussten". Was Szeemanns Skulpturen aus psychoanalytischer Sicht ergeben, wird man erst an der Manifesta erfahren.

Im Kunstbetrieb aufgewachsen

Was aber bedeutet es für sie als Künstlerin, dort auszustellen, winkt ein Karrieresprung? "Für sowas bin ich zu alt", winkt Szeemann lachend ab. Klar werde man an einer Manifesta eher wahrgenommen als an anderen Ausstellungen. "Aber ich war nie eine kommerzielle Künstlerin. Mein Anspruch ist, eine gute Arbeit zu machen und der Kunst ihren Raum zu geben." Trotzdem sei es natürlich eine Ehre, eingeladen zu werden. Und da Szeemann die Manifesta seit ihren Anfängen kennt, freut sie sich umso mehr.

Künsterutensilien, säuberlich platziert. (Martina Kammermann)

Künsterutensilien, säuberlich platziert.

(Martina Kammermann)

Überhaupt ist Una Szeemann mit dem Kunstbetrieb schon seit Kindesbeinen vertraut. Ihr Vater ist der 2005 verstorbene, international berühmte Schweizer Kurator Harald Szeemann, der in den Sechziger Jahren etwa die Berner Kunsthalle zu einem dynamischen Zentrum der damaligen Avantgarde machte. "Ich habe wahrscheinlich die längste Akademie der Welt besucht", lacht sie. Als Kind sei sie an allen möglichen Ausstellungen dabei gewesen – genauso wie an den dazugehörigen ausgelassenen Abenden.

Den einen oder anderen wird es wohl auch an der Manifesta geben, wenn sich die Kunstwelt in Zürich zum grossen Stelldichein trifft.

Das Unbewusste in der Kunst

Das Unbewusste diente ab dem frühen 20. Jahrhundert vielen Künstlern als Inspirationsquelle. Die von Sigmund Freud und Josef Breuer entwickelte Psychoanalyse und ihre Untersuchungen zur Traumdeutung hatten gezeigt, dass der Grossteil unseres Seelenapparates in den Tiefen des Unbewussten liegt. Um zu diesem unbekannten Feld vorzudringen und eine möglichst authentische Poesie zu erreichen, übernahmen die Dadaisten schon früh die Technik der Écriture Automatique, ein ursprünglich als Therapie gedachtes Schreiben in Halbschlaf, Trance oder Hypnose.

Intensiv setzten sich in Folge auch die Surrealisten im Paris der 20er-Jahre mit dem Unbewussten auseinander und knüpften mit Traum- und Hypnose-Experimenten an Freuds Psychoanalyse an. Berühmte Gemälde aus dieser Zeit sind etwa die "Weichen Uhren" Salvador Dalís oder die absurden Bildwelten von Giorgio De Chirico. Sie wirken wie ans Tageslicht gezerrte Traumvisionen voller unerklärlicher Zeichen. Auch berühmte Film "Un Chien andalou" von Dalí und Luis Buñuel basiert auf deren Träumen.

Weitere wichtige Surrealisten waren Joan Miró, Max Ernst oder René Magritte. Ihnen allen gemeinsam ist, dass sie Zugang zu einer Wirklichkeit hinter der sichtbaren Wirklichkeit schaffen wollten – dabei waren sie auch Drogenexperimenten nicht abgeneigt. In ihren Kreisen verkehrte ab den 30ern auch die Schweizer Künstlerin Meret Oppenheim, die mit ihrer Pelztasse berühmt wurde. Der Zufall und die Trance spielten ab 1945 im abstrakten Expressionismus, etwa bei Jackson Pollocks Action Paintings wieder eine wichtige Rolle.   

Die Manifesta ist die europäische Biennale für zeitgenössische Kunst und gehört neben der Biennale in Venedig und der Documenta in Kassel zu den bedeutendsten Kunst-Veranstaltungen der Welt. Als Ausstellungsplattform steht sie für einen kulturellen Austausch innerhalb des Kontinents und wandert deshalb alle zwei Jahre in eine andere europäische Stadt. Seit 1996 fand sie in Rotterdam, Luxemburg, Ljubljana, Frankfurt, Donostia/San Sebastián, Trentino–Südtirol, Murcia, Genk und zuletzt in St. Petersburg statt.

Vom 11. Juni bis 18. September findet die 11. Ausgabe der Manifesta in Zürich statt, kuratiert vom deutschen Künstler Christian Jankowski. Es ist das erste Mal, dass die Manifesta von einem Künstler kuratiert wird. Unter dem Titel "What People Do For Money: Some Joint Ventures" untersucht er verschiedene Arbeitsfelder und ihr Verhältnis zur Kunst.

Jankowski hat rund dreissig Künstler aus aller Welt eingeladen, zu diesem Thema ein Werk zu erstellen, zusammen mit Leuten aus verschiedenen Arbeitswelten in Zürich. Neben diesen Joint Ventures gibt es in der Hauptausstellung rund hundert historische wie zeitgenössische Positionen zu sehen, die sich mit menschlicher Arbeit beschäftigen. So schlägt er eine Brücke zur Welt ausserhalb der Kunst.

Die Ausstellung findet in verschiedenen Zürcher Kunstinstitutionen sowie im Pavillon of Reflections, einer schwimmenden Plattform auf dem Zürichsee, statt. Infos zu den Orten und Öffnungszeiten gibt es hier.

Was kann die Psychoanalyse Ihrer Meinung nach über einen Künstler oder eine Künstlerin aussagen? Ihre Meinung interessiert uns!

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