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Fall Joachim Son-Forget Franzosen in der Schweiz fühlen sich von ihrem Abgeordneten verraten

Der Unsinn von Joachim Son-Forget bringt die Franzosen in der Schweiz und Liechtenstein nicht zum Lachen.

(photo tirée du compte Twitter de Joachim Son-Forget)

Joachim Son-Forget vertritt in der Nationalversammlung in Paris die Interessen der Franzosen in der Schweiz. Doch mit skandalösen Beiträgen in sozialen Netzwerken hat er die Community schockiert. Nach dem Son-Forget die Partei "La République en Marche" verlassen hat, will der Doktor der Neurowissenschaften sein Amt nicht niederlegen, sondern eine eigene Bewegung gründen. Es gibt jedoch Stimmen, die seinen Rücktritt fordern.

Bis Anfang Dezember 2018 blieb der französische Abgeordneteexterner Link aus der Schweiz und Liechtenstein im Hintergrund. Im Parlament Frankreichs, der Nationalversammlung, konnte er keine grossen Stricke zerreissen. Das Mitglied von "La République en Marche", der Partei von Präsident Emmanuel Macron, setzte deshalb auf Twitter, um eine gewisse Bekanntheit zu erlangen. Dort löste er eine medienpolitische Polemik aus, in die sogar die Partei gezogen wurde.

Der erste, den der Doktor der Medizin und Neurowissenschaften an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne (EPFL) ins Visier nahm, war niemand geringeres als der Präsident der Vereinigten Staaten. "Donald Le Gâteux [der Vertrottelte] leidet an zerebraler Inkontinenz" und muss sich "verpissen", schrieb Son-Forget am 9. Dezember im sozialen Netzwerk.

Am 23. Dezember griff er die Umweltschützerin und Senatorin Esther Benbassa in einem als sexistisch geltenden Tweet an und spottete über deren "Make-up-Topf (....), den Sie sich auf den Kopf setzen". Dann vervielfachte er die provokativen und beunruhigenden Antworten an seine Gesprächspartner, insbesondere indem er mit einem Plüsch-Dachs posierte, um seine Kritiker zu erniedrigen.

Joachim Son-Forget erhielt schliesslich ein Suspendierungsschreiben seiner Partei und kündigte am 29. Dezember seinen Rücktritt aus "La République en Marche" (LREM) an. Nun sitzt er als fraktionsloses Mitglied im Parlament.

Aufforderung zum Rücktritt

Der Austritt von Son-Forget klingt wie ein Verrat an den mehr als 2200 Mitgliedern, die der Schweizer Sektion von "République en Marche" angehören . "Joachim Son-Forget hat sich gegenüber seinen Wählern verpflichtet. Er wurde dank LREM gewählt, und wir sind sehr enttäuscht, dass er sich dieser Verantwortung entzieht. Deshalb bitten wir ihn, konsequent zu sein, seinen Entscheid zu Ende zu führen und von seinem Mandat als Abgeordneter zurückzutreten", sagt Anne Dardelet, Sprecherin der Bewegung von Macron in der Schweiz.

Joachim Son-Forget ist Mitglied des Parlaments für den 6. Wahlkreis der ausserhalb Frankreichs lebenden Franzosen.

(© KEYSTONE / JEAN-CHRISTOPHE BOTT)

Son-Forget, der im Juni 2017 mit 75% der Stimmen der Franzosen aus der Schweiz und Liechtenstein gewählt wurde, hat aber bisher keine Absicht bekundet, von seinem Amt zurückzutreten. Im Gegenteil, der Abgeordnete will mit seiner plötzlichen Medienberühmtheit und seinen mehr als 47'000 Twitter-Followern für seine neue politische Partei "Je suis français et européenexterner Link" (JSFee) ("Ich bin Franzose und Europäer") werben, die sich an den Initialen seines Namens orientiert und mit der er im Frühjahr bei den Europawahlen eine Liste vorlegen will. Eine Partei "mit Satire und Humor", sagt er.

Als Mitglied des Parlaments 2017 gewählt

Seit 2012 sind französische Expats auf der ganzen Welt in der Nationalversammlung vertreten. Sie haben 11 Sitze, von denen einer für den 6. Wahlkreis reserviert ist, zu dem die Schweiz und Liechtenstein gehören. Joachim Son-Forget hat derzeit diese Position inne.

Mit dem Sieg von Emmanuel Macron bei den Präsidentschaftswahlen wurde der Kandidat der "La Republik en Marche" im zweiten Wahlgang der Parlamentswahlen im Juni 2017 mit 75% der Stimmen gewählt, nachdem er im ersten Wahlgang 65% der Stimmen gewonnen hatte.

Mit mehr als 180'000 Mitgliedern, von denen 134'000 in den konsularischen Wählerverzeichnissen eingetragen sind, ist die französische Gemeinschaft in der Schweiz die grösste Community der Auslandfranzosen der Welt.

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Son-Forgets Aktivismus auf Twitter steht im Gegensatz zum Schweigen der Schweizer Sektion von "La République en Marche" auf deren offiziellen Facebook-Seiteexterner Link. Kein Wort ist der "Son-Forget-Affäre" gewidmet, die jedoch selbst in den höchsten Ebenen der Pariser Partei einen verbalen Tsunami auslöste. "Wir haben entschieden, uns nicht auf diese Polemik einzulassen. Der Schweizer Ableger von LREM existiert für sich allein, wir wollen uns auf die grossen Debatten konzentrieren, die vor uns liegen", sagt Anne Dardelet.

"Ein verrückter Dezembermonat"

Son-Forgets Verhalten schockiert auch die Vertreter der Republikanischen Partei Frankreichs in der Schweiz. Jean-Philippe Keil, Mitglied der Versammlung der Auslandsfranzosenexterner Link, spricht von "einem verrückten Monat Dezember" und bezeichnet die Bemerkungen des Abgeordneten als "gewalttätig, empörend und sexistisch". "Ein Vertreter der Französischen Republik muss Vorbild sein", sagt er.

Am 11. Dezember, nach dem Twitter-Angriff Son-Forgets auf Donald Trump, hatten Jean-Philippe Keil und andere Vertreter der Franzosen im Ausland, sowohl der politischen Linken wie der Rechten, beschlossen zu reagieren. Sie schickten ein Schreiben an den Präsidenten der Nationalversammlung, in dem sie darum baten, "diesen gewählten Vertreter in die Pflicht zur Zurückhaltung zu nehmen und ihn an die Würde zu erinnern, die ihm bei der Ausübung seines Mandats obliegt". Nach Ansicht der Unterzeichner "schadet ein solches Verhalten dem Image Frankreichs im Ausland".  

Keil ist der Ansicht, dass es nicht seine Aufgabe sei, den Rücktritt des Abgeordneten zu fordern: "Es liegt an ihm, die Konsequenzen seiner Handlungen zu ziehen". Son-Forget "vertritt immer noch jene Franzosen in der Schweiz, die nicht empört sind". Viele sind es allerdings.

Florian Baccaunaud, ein 29-jähriger französisch-schweizerischer Staatsbürger, der seit 2015 in Bern lebt, hat eine differenzierte Meinung. "Es ist in der Tat nicht die Haltung, die von einem Abgeordneten erwartet wird." Baccanaud ist jedoch der Meinung, dass Son-Forget die Verantwortung für seine Bemerkungen übernommen habe, indem er "La République en Marche" verlassen habe.

Olivier Corticchiato, ein Mitarbeiter des französischen Konsulats im Kanton Waadt, glaubt, dass Son-Forget die Franzosen in der Schweiz nicht mehr repräsentiere. Auf seiner Facebook-Seite greift er eine Publikation von Son-Forget auf und kommentiert: "Amateurismus und beängstigende Oberflächlichkeit (die sogar den Humor übersteigt). Dennoch solle er sich um die Franzosen in seinem Wahlkreis und deren Angelegenheiten kümmern."

Auch in den sozialen Netzwerken fordern einige den Rücktritt des Radiologen. "Er wurde aufgrund seiner Mitgliedschaft bei LREM gewählt. Wenn er diese Bewegung verlässt, sollte er auch sein Amt verlassen. Man tut nicht, was man will, wenn man eine Wählergruppe vertritt", schreibt ein Leser auf der Facebook-Seite von swissinfo.ch.

Es gab aber auch Stimmen, die den umstrittenen Abgeordneten verteidigten. Wie Céphéide auf Twitter, die sich immer noch durch Son-Forget vertreten fühlt: "Die Schweiz denkt anders als andere Länder, ebenso wie unser Abgeordneter. Und er unterstützt Macron immer noch, also ist das für mich der Deal." 

"Sagen, was geändert werden muss"

Son-Forget will auf die Fragen von swissinfo.ch nicht antworten und erklärt, er wolle die Exklusivität seiner Bekanntmachungen der Schweizer Sonntagspresse vorbehalten. In einem Newsletter, der am 31. Dezember an die Franzosen in der Schweiz und in Liechtenstein verschickt wurde, forderte der Abgeordnete seine Wähler jedoch auf, nicht aufzugeben und erklärte, dass "EM und JSFee eine Doppelmitgliedschaft gewährt wird".

In dem Schreiben kommt der Abgeordnete auf die Gründe für seinen Austritt aus der Partei zurück. Er deutete an, dass er Emmanuel Macron persönlich darüber informiert habe. "Ich bitte Sie, mir zu vertrauen und zu hoffen, dass einige 'Marcheur' (Mitglieder der LREM) neugierig sein werden, dieses Projekt zu verstehen. Das Leben ist kurz. Das Fenster zur Reform des Landes schliesst sich. Es ist an der Zeit, laut und deutlich zu sagen, was geändert werden muss", schreibt er.


(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)

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