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Festival von Avignon "Schweizer Theaterproduktionen sind nicht einfach zu verkaufen"

Mann vor Leinwand mit Zeichnung

Joël Maillard wird sein Stück "Quitter la terre" im Rahmen der Schweizer Auswahl in Avignon aufführen.

(Copyright: Simon Letellier)

Laurence Perez hat eine Mission: Sie muss "die Türöffner-Produktion finden". Die Direktorin der Schweizer Auswahl für das Festival von Avignon erklärt, wie sie die Schweizer Produktionen ausgewählt hat, die am wichtigsten Theaterfestival Europas zwischen dem 6. und 24 Juli in der Stadt der Päpste gezeigt werden.

Die Schweizer Auswahlexterner Link soll das Schweizer Theater- und Choreografieschaffen im internationalen und im französischsprachigen Kulturnetzwerk fördern. Dieses Programm wurde 2016 auf Initiative der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und Corodis (Commission romande de diffusion des spectacles) gegründet und wird unterstützt von privaten Förderern, darunter dem Migros-Kulturprozent. Der Grossteil der Schweizer Produktionen werden an den "Off Avignon Festspielen" gezeigt.

Keine einfache Aufgabe für Laurence Perez, Direktorin der Schweizer Auswahl (Sélection): Jährlich werden in der Sektion Off Avignon etwa 1500 Theaterproduktionen aufgeführt. Ein Dschungel, in dem die Schweizer Auswahl mit ihrem Jahresbudget von 350'000 bis 400'000 Franken herausragen muss, wenn sie nicht in der Masse untergehen will.

Die Türöffner-Produktion

Um die Chancen für die Schweizer Produktionen zu verbessern, will die Sélection den Schauspielerinnen und Schauspielern die besten Bedingungen bieten. Sie kümmert sich um die Anmiete der Säle und die Bezahlung der Kompanien. Damit entlastet sie die Initiatoren von der finanziellen Belastung, bietet ihnen aber auch die nötige Sichtbarkeit für den Erfolg ihrer Stücke.

Doch letzten Endes geht es bei Erfolgen auch ums Geld: "Alle Theater-Programmgestalter finden sich im Juli in Avignon ein. Um diese zu überzeugen, ist es notwendig, Produktionen zu präsentieren, die sich sowohl durch ihre Qualität als auch durch ihre Einzigartigkeit auszeichnen", sagt Laurence Perez. "Ob man nun beruflich oder als Zuschauer an Theater interessiert ist; alle suchen in Avignon nach der Türöffner-Produktion."

Laurence Perez, Direktorin der Schweizer Auswahl für das Theaterfestival Avignon.

(Copyright: Sébastien Monzani)

Doch wie wählt Perez die Produktionen aus? "Zuallererst steht das, was ich das Prinzip der Interessenbekundung nenne", sagt die Direktorin der Schweizer Auswahl. "Im Oktober jeden Jahres schreiben wir die Schweizer Kompanien an, falls gewünscht bei der nächsten Ausgabe der Auswahl mitzumachen. Für 2016 haben wir 80 Kandidaturen erhalten, 2017 waren es 120, für dieses Jahr rund hundert. Die ausgewählten Produktionen müssen bereits aufgeführt worden sein. Man kann nicht mit einer neuen Produktion kommen: Für Proben fehlt die Zeit."

Qualität und Potenzial

Der nächste Schritt ist "das Prinzip der künstlerischen Leitung": Perez ist allein verantwortlich für die Auswahl und die einzige Person, die über die Produktionen entscheidet.

Schränkt diese Exklusivität die Auswahl nicht etwas ein? Würde die Meinung eines Kollektivs nicht eine breitere Fülle an Produktionen bringen? "Ich betrachte diese 'Exklusivität' nicht als Einschränkung, sondern mehr als einen Kampf, den ich führen muss", antwortet Perez.

"Ich reise das ganze Jahr über durch die Schweiz auf der Suche nach Juwelen. Mit der freien Hand, die ich habe, muss ich jedoch nicht nur die Qualität der Produktionen, sondern auch deren Potenzial für den Vertrieb bewerten – namentlich in Frankreich."

Und sie ergänzt: "Ich ziehe Stücke vor, die Branchenvertreter sich nicht zu sehen gewohnt sind. Denn Schweizer Produktionen sind aus Gründen des Wechselkurses nicht einfach zu verkaufen."

Ein typisches Beispiel dafür ist "Conférence de choses", das Soloprogramm des Genfer Komikers Pierre Mifsud, eine schlichte und preiswerte Produktion. Das Stück wurde im Rahmen der Auswahl 2016 in Avignon aufgeführt und tourte seither mit grossem Erfolg durch die französischsprachige Welt (einschliesslich der kanadischen Provinz Quebec).

"Ich verbiete mir bekannte Künstler nicht. Und auch wenn sie oft in Europa auftreten, denke ich, dass sie bei bestimmten französischen Institutionen nicht genügend bekannt sind."

Laurence Perez

Ende des Zitats

Gesamtschweizerische Ambitionen​​​​​​​ 

Avignon als Startrampe? Ja. Doch warum wählt Perez wie etwa dieses Jahr bereits bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler aus, darunter den bereits erwähnten Mifsud und unter anderen die berühmten Choreografen Philippe Saire und Cindy Van Acker?

"Ich verbiete mir bekannte Künstler nicht", verteidigt sich die Direktorin. "Van Acker und Saire haben von sich aus für die Ausgabe 2018 kandidiert. Ich habe sie ins Programm aufgenommen, weil ich ihre Arbeit sehr schätze. Und auch wenn sie oft in Europa auftreten, denke ich, dass sie bei bestimmten französischen Institutionen nicht genügend bekannt sind. Zudem steht nirgends festgeschrieben, dass sich die Auswahl auf den Nachwuchs konzentrieren sollte. Wenn sich dennoch ein junges Talent präsentiert, nehme ich es natürlich gerne ins Programm. Das war etwa 2016 bei der Regisseurin Emilie Charriot der Fall."

Da sie auf Initiative der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia entstanden ist, hat die Sélection landesweite Ambitionen. Kümmert sie sich auch um deutsch- und italienischsprachige Künstlerinnen und Künstler? "Ja", antwortet Perez, die für dieses Jahr drei Kandidaturen aus dem Tessin erhalten hatte (die erfolglos blieben). Sie räumt ein, dass es in diesem Südschweizer Kanton, wo Talent nicht ausreichend geschätzt werde, noch viel zu tun gebe.

Die Deutschsprachigen zeigen trotz der Sprachbarriere grösseres Interesse an der Schweizer Auswahl. Im Vorteil sind aber Künstlerinnen und Künstler, deren Produktionen in englischer Sprache aufgeführt werden. Zum Beispiel der Zürcher Phil Hayes.

Der einzige Regisseur, der eine Produktion im Rahmen von "In Avignon" zeigen darf (jedoch nur ausserhalb des Wettbewerbs), ist Milo Rau. Der international renommierte Berner wird "Die Wiederholung. Histoire(s) du théâtre (I)" zeigen.


(Übertragung aus dem Französischen: Christian Raaflaub)

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