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Filmfestival Locarno


Goldener Leopard für Filipino Lav Diaz


Von Stefania Summermatter, Locarno


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Am Filmfestival Locarno hat Lav Diaz für seinem fünfeinhalbstündigen Film "Mula sa Kung Ano ang Noon" ("From What is Before") den Hauptpreis gewonnen. Eine Erfolgsmeldung gibt es auch für den Schweizer Film, erhielt doch Peter Luisi für "Schweizer Helden" den Publikumspreis. swissinfo.ch zieht Bilanz – durch die Augen dreier junger Filmkritiker.

Lav Diaz präsentiert stolz den Goldenen Leoparden, den er für sein fünfeinhalbstündiges Monumentalwerk "From What Is Before" erhielt. (pardo.ch)

Lav Diaz präsentiert stolz den Goldenen Leoparden, den er für sein fünfeinhalbstündiges Monumentalwerk "From What Is Before" erhielt.

(pardo.ch)

Der Siegerfilm handelt von den schlimmen Auswirkungen der Diktatur von Ferdinand Marcos auf den Philippinen in den 1970er-Jahren. Er spielt in einem abgelegenen Dorf und zeigt als Historiendrama ein Land, das von der Repression gekennzeichnet ist. Die Erzählung stellt für die Zuschauer auf Grund der suggestiven Bilder eine Herausforderung dar, aber auch wegen der Länge. Ganze 338 Minuten dauert dieses Poem des Filmemachers Lav Diaz.

"Dieser Film hebt die Idee von Zeit und Raum vollkommen auf; er lässt sich auch nicht in eine spezifische Filmkategorie einordnen", hält Jurypräsident Francesco Rosi gegenüber swissinfo.ch fest. "Der Film 'Mula sa Kung Ano ang Noon' beginnt wie ein Dokumentarfilm, der dann ganz, ganz langsam in die Geschichte eindringt - wie ein Film von Bertolucci. Es handelt sich um ein sehr intensives und grossartig gespieltes Werk, das über die geschichtlichen Ereignisse der damaligen Epoche hinaus führt", so Rosi. 

Still aus dem preisgekrönten Diaz-Film “Mula sa kung ano ang noon”. ()

Still aus dem preisgekrönten Diaz-Film “Mula sa kung ano ang noon”.

Bei den abendlichen Filmen auf der Piazza Grande schwang hingegen ein Schweizer Beitrag obenaus. Der Streifen "Schweizer Helden" von Regisseur Peter Luisi, in dem eine Gruppe von Asylbewerbern Wilhelm Tell von Schiller auf ungewöhnliche Weise interpretiert, erhielt wiederholt Szenenapplaus und gewann den Publikumspreis Prix du Public.

Allerdings hat dieser Film die Kritik tief gespalten. Für einen Teil der Kritiker stellt er ein wichtiges politisches Manifest dar, ähnlich wie "Das Boot ist voll" oder "Die Schweizermacher", die in den 1970er- und 1980er-Jahren das Schweizer Publikum mit dem Thema der Immigration konfrontierten. Anderer Kritiker hingegen fanden den Film konventionell und oberflächlich.

Gute Qualität des Schweizer Films

Doch fraglos hat sich der Schweizer Film dieses Jahr in Locarno in guter Form gezeigt, sowohl in quantitativer Hinsicht (42 Werke),  als auch in qualitativer.

"Ich war wirklich beeindruckt. Die Qualität war optimal", sagt Pascaline Sordet, die mit drei anderen jungen Schweizern an der Critics Academy teilgenommen hat, einer Werkstatt für Filmkritikerinnen und -kritiker. Sordet war besonders von der musikalischen Komödie "Pause" angetan. Es war dies der erste Langspielfilm des Westschweizer Regisseurs Mathieu Urfer, der auf der Piazza Grande lief. "Mir gefiel der Humor und auch der Rhythmus des Films. Die Spannung wurde aufrecht erhalten und fiel nicht in der Mitte ab, wie es bei anderen Filmen häufig passiert", hält Pascaline Sordet fest, die bereits als Journalistin mit dem Westschweizer Fernsehen RTS und der Tageszeitung Le Matin zusammenarbeitete.

Vor allem im internationalen Wettbewerb fielen die Schweizer Beiträge auf, vor allem die Werke von Andrea Staka und Fernand Melgar. Der Dokumentarfilm "L’Abri" von Melgar galt für einige Kritiker sogar als Favorit für den Goldenen Leoparden. "'L’Abri' ist nicht unbedingt überraschend, wenn man den Stil und die Themen des Regisseurs kennt. Doch dieser Film ist gut gemacht und berührt einen. Er zeigt die Wirklichkeit von Lausanne aus einer vollkommen neuen Perspektive, aus der Sicht der Obdachlosen. Nicht einmal die Einwohner von Lausanne werden diese Zustände kennen", meint Walter Rohrbach, ebenfalls Teilnehmer der Critics Academy.

Ihm hatte es ein anderer Schweizer Film angetan: "Electroboy" von Marcel Gisler, der in der Sektion "Woche der Jury" lief. "Es ist ein herrliches Porträt eines erfolgsverwöhnten Mannes, der in der Einsamkeit landet."

Und welche Meinungen gibt es zu "Schweizer Helden"Peter Luisis? Jungkritikerin Martina Viviani, die das Verdikt des Publikums zum Zeitpunkt der Frage noch nicht kannte, antwortet: "Das war wirklich ein Piazza-Film und kein Wettbewerbs-Film, sehr sympathisch. Das Publikum applaudierte während der Projektion, was nicht häufig passiert. Ich frage mich allerdings, ob man einen solche Film im Ausland versteht und ob er Chancen hat."

Die jungen Kritiker räumen ein, dass sie den Schweizer Film für ihre Kritiken besonders aufmerksam verfolgt haben. "Ich würde mir nie erlauben, einen solchen Film zu verreissen, denn ich weiss, wie schwierig es ist, Filme in der Schweiz zu machen, das nötige Geld und die Zeit zu finden. Wenn mir ein Film nicht gefällt, schreibe ich lieber gar nichts. Für US-Grossproduktionen ist es anders: Da braucht es angesichts der Übermacht des amerikanischen Markts wirklich Kritik, auch wenn eine Kritik sicherlich keinen Einfluss auf den Erfolg eines Film hat." 

Wettbewerb "Hui", Piazza "Pfui"

Die drei jungen Filmkritiker-Aspiranten hatten neben Filmen, Interviews und ihrem Kurs keine Zeit, alle Piazza- und Wettbewerbsfilme zu schauen. Gleichwohl fällt ihre Bilanz positiv aus. "Ich bin der Meinung, dass es dem Filmfestival Locarno gelungen ist, ein anderes Kino zu zeigen, sowohl im Hinblick auf den Stil als auch in Hinblick auf die Herkunftsländer", sagt Walter Rohrbach.

Plädoyer für Kultur in den Medien

Am Rande des Filmfestivals haben der Journalistenverband impressum und die Mediengewerkschaft syndicom zum "Kampf gegen Magersucht im Kulturjournalismus" aufgerufen. Kulturjournalisten hätten unter den Sparprogrammen der Verlage am meisten zu leiden. 

"Wenn die Verlage und Sender Personal, Löhne und Honorare abbauen, trifft es die Kulturredaktionen am härtesten", heisst es in einem "Manifest gegen die Abwärtsspirale im Kulturjournalismus." 

Die Kulturberichterstattung werde immer spärlicher. Dieser Entwicklung müsse entgegen gewirkt werden.

Pascaline Sordet teilt diese Meinung und fügt an: "Wenn man die Auswahl der Filme in Locarno beurteilt, muss man immer auch die Konkurrenz berücksichtigen. Die Filmfestspiele von Cannes finden nur wenigen Wochen zuvor statt, Venedig folgt bald. Trotzdem muss ich sagen, dass mich kein Film wirklich umgehauen hat."

 Neben dem Film von Lav Diaz, der den Goldenen Leoparden gewonnen hat, waren die jungen Kritiker vor allem vom russischen Film "Durak" von Yury Bykow begeistert, einem grossen Gleichnis über die Diktatur der Korruption, und von "Listen Up Philip" von Alex Ross Perry, dem Porträt eines Schriftstellers, der um sich herum eine Leere aufbaut.

 Die Filme auf der Piazza Grande scheinen die Kritiker dieses Jahr kaum überzeugt zu haben. Viele Journalisten bemängelten zu viele Komödien und Plots ohne Tiefgang. Aber auch hier gibt es Ausnahmen wie "Sils Maria" des französischen Regisseurs Olivier Assayas, der in Graubünden spielt und von den hervorragenden Schauspielerinnen Juliette Binoche und Kristen Stewart interpretiert wird. 

Treffpunkt und Ort des Austauschs

Die drei Jungkritiker nehmen vom diesjährigen Filmfestival viel Inspiration und viele neue Erfahrungen mit nach Hause. Sie konnten von einer privilegierten Situation profitieren, um aus der Filmkritik einen Beruf zu machen, auch wenn es wohl nur eine Nebentätigkeit bleibt. Denn als Folge der Krise der Verlagshäuser und der Konkurrenz durch das Internet werden immer weniger Kulturseiten produziert. Es ist sehr schwer geworden, im Kulturjournalismus einen Platz zu finden.

"Wir hatten die Möglichkeit , andere Journalisten und Profis aus der Branche zu treffen. Es ist interessant zu sehen, was sie tun und welche Fragen sie sich stellen. Und dann liest man Kritiken, die manchmal total unterschiedliche Standpunkte vertreten", sagt Walter Rohrbach. Doch natürlich ist es für alle faszinierend, Regisseure und Schauspieler direkt kennenlernen zu können. Trotz Wettbewerbssituation ist diese unkomplizierte Nähe immer noch ein unschlagbares Markenzeichen von Locarno.

Pascaline, Walter und Martina ziehen folglich eine positive Bilanz, auch wenn sie etwas traurig sind, dass sie nicht noch mehr Filme haben sehen können. Sie wollen dies nachholen, zumindest für diejenigen Filme – es dürften allerdings nur wenige sein – die einen Verleiher und damit einen Markt in der Schweiz finden.  

Die Gewinner des Goldenen Leoparden seit 1968

Pardo d'Oro 1968-2013

1969: Goldener Leopard, einstimmiger Entscheid

1970: Goldener Leopard, ex aequo

1971: Goldener Leopard für das beste Werk

1982: Die Jury verleiht keine Preise, sondern vier Erwähnungen.

1988: Goldener Leopard, ex aequo

Offizielle Preise 67. Filmfestival Locarno 2014

Internationaler Wettbewerb

Goldener Leopard

"Mula Sa Kung Ang Noon" (From What Is Before) von Lav Diaz, Philippinen

Spezialpreis der Jury

"Listen Up Philip" von Alex Ross Perry, USA

Leopard für die beste Regie

Pedro Costa (Portugal) für "Cavalo Dinheiro"

Leopard für die beste Schauspielerin

Ariane Labed für "Fidelio, l'Odyssée d'Alice" von Lucie Borleteau, Frankreich

Leopard für den besten Schauspieler

Artem Bystrow für "Durak" (Der Verrückte) von Yury Bykow, Russland

Besondere Erwähnung

"Ventos de Agosto" von Gabriel Mascaro, Brasilien

Goldener Leopard Cineasti del presente

"Navajazo" von Ricardo Silva, Mexiko

Leopard für das beste Erstlingswerk

"Songs from the North" von Soon-mi Yoo, USA/Südkorea /Portugal

Pardi di domani

Pardino d’oro per für den besten internationalen Kurzfilm - Premio SRG SSR

"Abandond Goods" von Pia Borg und Edward Lawrenson, UK

Pardino d’oro für den besten Schweizer Kurzfilm

"Totems" von Sarah Arnold, Frankreich

Noch ein Fall Polanski

Auch dieses Jahr wurde das Filmfestival Locarno von teils polemischen Diskussionen begleitet. Stein des Anstosses war der angekündigte Besuch von Starregisseur Roman Polanski, der einen Spezialpreis hätte erhalten sollen und gratis eine Masterclass geben wollte.

Doch in letzter Minute zog Polanski seine Zusage zurück, nachdem er von den - teils heftigen - Protesten im Tessin gegen seine Anwesenheit erfahren hatte.

Im Jahr 2009 war der französisch-polnische Regisseur am Flughafen Zürich verhaftet worden, weil er wegen des Vorwurfs von "illegalem Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen" (der Fall geht auf das Jahr 1977 zurück) von den USA per internationalen Haftbefehl gesucht wurde.

Nach fast einem Jahr Hausarrest wies die Schweiz aber das Auslieferungsbegehren der USA ab . Polanski war damit wieder ein freier Mann in der Schweiz.



(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch

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