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Französisch unter Druck


"Die Kinder sind mit zwei Fremdsprachen nicht überfordert"




Französisch war als zweite Fremdsprache lange Zeit nicht bestritten. (Keystone)

Französisch war als zweite Fremdsprache lange Zeit nicht bestritten.

(Keystone)

Zwei Fremdsprachen in der Primarschule seien für die Kinder zu viel, behaupten die Befürworter der Initiative für nur eine Fremdsprache auf der Primarstufe. Gerade in diesem Alter lernen die Schüler die Sprachen sehr gern, entgegnen jedoch die Fachleute, vorausgesetzt, der Unterricht ist altersangemessen.

Sind die Deutschschweizer Kinder womöglich weniger intelligent als ihre Altersgenossen in Luxemburg? Die Frage stellt sich sogleich, wenn man die Schweiz mit dem Herzogtum vergleicht, wo das Unterrichten von zwei Fremdsprachen in der Primarschule problemlos möglich ist, im Gegensatz zu einer wachsenden Zahl von Deutschschweizer Kantonen, in denen sich die Gesuche häufen, in der Primarschule nur eine Fremdsprache zu unterrichten und die zweite in die Sekundarschule zu verschieben.

Treibende Kraft hinter den Forderungen, die mittels parlamentarischen Vorstössen oder Volksinitiativen vorangetrieben werden, sind die Lehrpersonen. Ihre Argumente gründen vor allem auf einer angeblichen Überlastung der Schüler. Dies erstaunt aus verschiedenen Gründen, zum Beispiel spricht sich die Hirnforschung für frühes Erlernen von Fremdsprachen aus.

 Eine Frage des guten Unterrichts

 "Wer früh anfängt, erzielt bessere Resultate" – dieser Leitsatz allein greift jedoch zu kurz, präzisiert Lars Schmelter, Professor für Fremdsprachen-Didaktik an der Bergischen Universität Wuppertal, Deutschland. "Der Erfolg des Erlernens einer Fremdsprache in der Primaschule hängt stark von den vorhandenen Mitteln und vom Unterricht ab, der den kognitiven Fähigkeiten der Schüler angepasst ist", erklärt der Fachmann.

"Wichtig ist, dass der Unterricht altersangemessen gestaltet ist", stellt auch Andrea Haenni Hoti fest, Professorin für Bildungs- und Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Luzern.

"Beispielsweise ist es wichtig, dass die Unterschiede in Morphologie und Syntax, in regelmässigen oder unregelmässigen Strukturen sichtbar gemacht werden und nicht bloss mit den Paradigmen von Konjugation oder Deklination, wie sie in der Sekundarstufe angewendet werden“, empfiehlt Lars Schmelter.

Ein weiterer Vorteil, den die Kinder in diesem Alter haben, "ist die Fähigkeit, die Aussprache und die Intonation einer Sprache leichter zu lernen", so der deutsche Professor. Doch auch hier kommt der Grad der Kompetenz der Lehrpersonen ins Spiel: die Kinder lernen die Aussprache so leicht, dass, wenn ein Französischlehrer einen deutschen Akzent hat, die Schüler diesen übernehmen und wie er zu sprechen beginnen.

Die Freude am Lernen

Die zwei Fachpersonen sind sich einig: wenn die Bedingungen angemessen sind, können auch ältere Schüler erfolgreich Fremdsprachen lernen, doch das frühe Lernen ist ein Vorteil. Beide heben hervor, dass die grosse Mehrheit der Kinder der Primarstufe motiviert ist, eine Fremdsprache zu lernen, es ihnen gefällt zu kommunizieren. "Die Kinder in diesem Alter sind neugierig, und es ist schade, wenn man diese Neugier nicht unterstützt und nährt", so die Beobachtung von Lars Schmelter. Später sei die Motivation nicht mehr dieselbe.

Die Forscher fügen hinzu, dass die Kinder auch lernen, wie man eine Fremdsprache lernt und das hat wiederum eine positive Auswirkung auf die Entwicklung der metakognitiven Fähigkeit oder auf die Fähigkeit, die eigenen Lernprozesse zu reflektieren, nützliche Strategien zu erkennen, zu festigen und anwenden zu können. Dieser Effekt wird sich bis in die Adoleszenz und ins Erwachsenenleben hinausziehen.

Fächer abschaffen, in denen einige Probleme haben?

In einer Studie des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, durchgeführt in vier Kantonen der Zentralschweiz, konnte Andrea Haenni Hoti klarstellen, dass die Mehrheit der Schüler der Primarstufe die festgesetzten Lernziele erreicht hatten und mit zwei Fremdsprachen gut zurechtkamen.

"Natürlich gibt es, wie in allen Schulfächern, sowohl überforderte, als auch unterforderte Kinder. Das bedeutet indes nicht, dass deswegen alle Primarschüler auf den Erwerb einer zweiten Fremdsprache verzichten müssen oder dass diese zum Wahlpflichtfach erklärt werden soll. Auch in der Mathematik gibt es Schüler, die die Lernziele nicht erreichen, doch niemand spricht davon, das Fach auf der Primarstufe abzuschaffen oder es als Wahlpflichtfach zu führen", erläutert die Professorin.

"Wenn man das Erlernen der zweiten Fremdsprache in die Sekundarstufe verschieben würde, hätten die Schüler anstelle von fünf nur noch drei Jahre Zeit, um die Landessprache Französisch zu lernen. Auch wenn man die Anzahl der Lektionen erhöhen könnte, bleibt fraglich, ob diese Zeit reicht, um die angestrebten Sprachkompetenzen zu erwerben", erklärt Andrea Haenni Hoti und erinnert daran, dass jene, denen die nötigen Französischkenntnisse fehlen, beruflich ins Hintertreffen geraten könnten.

Der Vorteil der Zweisprachigkeit

Für die Untersuchung des Frühunterrichts von Fremdsprachen, bei der Andrea Haenni Hoti als Co-Autorin mitwirkte, wurden 30 Primarklassen der Kantone Obwalden, Zug und Schwyz unter die Lupe genommen. In diesen Klassen wurde Englisch ab der dritten Klasse unterrichtet und Französisch ab der 5.Klasse. Weitere 20 Klassen aus dem Kanton Luzern wurden untersucht, in denen in der Primaschule nur Französisch unterrichtet wurde.

"Wir haben festgestellt, dass zweisprachige Kinder, die zu Hause zum Beispiel auch Albanisch, Türkisch oder Portugiesisch sprechen, motivierter sind, Französisch zu lernen als einsprachige Kinder. Vorkenntnisse in einer anderen Muttersprache helfen beim Fremdsprachenlernen. Allerdings müssen ihre Vorkenntnisse im Fremdsprachenunterricht auch erkannt und als Ressource genutzt werden.“

Französisch vor Englisch ist besser

Auf der Grundlage von Studien, die in andern europäischen Ländern durchgeführt wurden, und vor allem von Erfahrungen mit dem Fremdsprachenunterricht in Luxemburg, erachtet Lars Schmelter das Erlernen von zwei Fremdsprachen in der Primarstufe für die Mehrheit der Schüler "als absolut machbar ohne Risiko einer Überbelastung".

Und er empfiehlt gleich noch die richtige Reihenfolge. Wenn Schüler mit deutscher Muttersprache zuerst Französisch und dann Englisch lernen, ist die Motivation für das Erlernen der zweiten Fremdsprache höher, als wenn die Reihenfolge umgekehrt ist.

"Das ist so, weil Englisch morphologisch viel einfacher ist, es hat weniger Konjugationen. So lernt man in den ersten Jahren einfacher Englisch. Wenn man dann später mit Französisch beginnt, hat man den Eindruck, nicht voranzukommen und nicht das gleiche Niveau zu erreichen wie mit dem Englischen. Umgekehrt hat man diesen Eindruck nicht. Die Wahrscheinlichkeit, fakultativ noch eine weitere Fremdsprache zu lernen, ist höher, wenn man zuerst Französisch lernt und dann englisch."

Kein Frieden im Sprachenstreit

"Wir haben festgestellt, dass zweisprachige Kinder, die zu Hause zum Beispiel auch Albanisch, Türkisch oder Portugiesisch sprechen, motivierter sind, Französisch zu lernen als einsprachige Kinder. Vorkenntnisse in einer anderen Muttersprache helfen beim Fremdsprachenlernen. Allerdings müssen ihre Vorkenntnisse im Fremdsprachenunterricht auch erkannt und als Ressource genutzt werden.“Diese Resultate sollten doch Wasser auf die Mühlen der Romandie und der zweisprachigen Kantone sein, die es bedauern, dass Französisch nicht mehr die erste Fremdsprache in allen deutschsprachigen Kantonen sein soll. Doch es ist kaum wahrscheinlich, dass jene Kantone, die dem Englischen den Vorzug gegeben haben, nun zurückkrebsen.

Unterdessen sind die Gegner der Abschaffung der zweiten Fremdsprache in der Primaschule mit verschiedenen Vorstössen im eidgenössischen Parlament zum Gegenangriff angetreten. Die Regierung hat versprochen zu handeln, wenn Kantone Lösungen anstrebten, "die zu einer Benachteiligung der zweiten Landessprache führen könnten" - wie zum Beispiel nur die Beibehaltung von Englisch auf der Primarstufe – "und dadurch den nationalen Zusammenhalt und die notwendige Verständigung zwischen den Sprachgemeinschaften gefährden würden".

Lateinische Sprachen im Visier

In Graubünden, dem einzigen dreisprachigen Kanton in der Schweiz, will eine Volksinitiative, dass in den deutschsprachigen Teilen des Kantons auf Primarstufe Englisch als einzige Fremdsprache unterrichtet wird. So würden Italienisch und Romanisch - die zwei andern Sprachen des Kantons – verdrängt.  Das Volk kann 2015 über diese Initiative abstimmen.

Französisch steht in den andern Kantonen, die "nur eine Fremdsprache auf Primarstufe" verlangen, auf dem Spiel. Im Kanton Luzern ist die Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative gerade beendet worden, in Nidwalden wurde im Mai eine lanciert. Gleiche Schritte könnten in weiteren Kantonen folgen, in denen diese Forderung mit parlamentarischen Vorstössen vorangetrieben wurde.

Bevor Entscheidungen getroffen werden, wollen die Kantone die Resultate zum Unterricht von zwei Fremdsprachen auf der Primarstufe abwarten. Diese sind für 2015 vorgesehen.

Nur in drei von 17 deutschsprachigen Kantonen  - Baselstadt und Baselland sowie Solothurn – wird Französisch vor Englisch unterrichtet. In allen französischsprachigen Kantonen ist Deutsch die erste Fremdsprache. In den zweisprachigen Kantonen wird Englisch als zweite Fremdsprache unterrichtet. Im italienischsprachigen Kanton Tessin sind drei Fremdsprachen obligatorisch: als erste Französisch, dann Deutsch und schliesslich Englisch.


(Übertragen aus dem Italienischen: Christine Fuhrer), swissinfo.ch

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