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Fussball-Studie


Kopfverletzungen: FIFA und Swiss League stecken Köpfe zusammen




Schweizer Zusammenstoss:  Philippe Montandon (links) vom FC Schaffhausen und  Xavier Margairaz vom FC Zurich kämpfen um den Ball. (Keystone)

Schweizer Zusammenstoss:  Philippe Montandon (links) vom FC Schaffhausen und  Xavier Margairaz vom FC Zurich kämpfen um den Ball.

(Keystone)

Trotz einer Reihe von schockierenden Kopfverletzungen während der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien bestreitet der Weltfussballverband (FIFA) Vorwürfe, er nehme die Gesundheit der Spieler nicht ernst. Vor kurzem wurde eine Studie in der Schweizer Liga gestartet.

Christoph Kramer, Javier Mascherano und Pablo Zabaleta spielten trotz ihren Kopfverletzungen. Die schärfste Medienkritik löste jedoch die Gehirnerschütterung von Alvaro Pereira aus. Der Teamarzt erlaubte ihm, weiter zu spielen. Nach dem Vorfall verlangte die FIFPro, welche die Interessen der Profispieler vertritt, nach neuen Massnahmen zum Schutz der Spieler.

Der Chefarzt der FIFPro sei "gelinde gesagt schockiert" gewesen, als er sah, wie Kramer trotz seiner Verletzung weiter spielen musste, sagte FIFPro-Sprecher Raymond Beaard gegenüber swissinfo.ch. Es sei offensichtlich gewesen, dass Kramer nicht in der Lage war, weiter zu spielen.

"Wir haben den Eindruck, dass in diesem Moment nicht wirklich Massnahmen ergriffen wurden, um die Gesundheit der Spieler zu schützen", sagte Beaard: "Früher wurden Spieler mit einer Kopfwunde und einem Verband auf dem Spielfeld bejubelt. Doch Fussball hat sich in den vergangenen 20-30 Jahren dramatisch verändert. Das Spiel wurde schneller und Zusammenstösse haben heute weit gravierendere Auswirkungen. Wir wissen zudem mehr über die Folgen von Kopfverletzungen und Gehirnerschütterungen und über deren Risiken."

"Unangemessene" Kritik?

"Es ist sehr schwierig, eine medizinische Diagnose ab TV-Bildern zu machen und sie könnte irreführend sein", sagt Jiri Dvorak, Chefarzt an der Zürcher Schulthess-Klinik und Berater der FIFA gegenüber swissinfo.ch. "Nehmen Sie das Beispiel von Christoph Kramer. Das Fernsehpublikum hat den Vorfall im TV gesehen, aber der Schiedsrichter und die Ärzte konnten ihn nicht sehen. Sie rannten zum Spieler und dieser hatte ihnen versichert, es sei alles in Ordnung", so Dvorak.

"Die deutschen Team-Ärzte sind sehr erfahren und Kramer nannte keine Symptome und durfte darum weiterspielen. Doch in den folgenden zehn Minuten realisierte Kramer die Symptome und informierte die Ärzte darüber. Es ist nicht ungewöhnlich, dass man Symptome erst mit einer gewissen Zeitverzögerung bemerkt."

Ist die Kritik also nicht fair? "Die FIFA führt seit 20 Jahren Studien durch mit dem Ziel, das Spiel sicherer zu machen und den Fussball als gesundheitsfördernde Aktivität zu fördern. Ich würde nicht sagen unfair, sondern unangemessen."

Dvorak betonte weiter, die FIFA nehme Kopfverletzungen "sehr ernst" und verweist auf ausgedehnte Studien in den Jahren 2001 bis 2005, welche Kopf-an-Kopf, Kopf-an-Ball und Ellbogen-an-Kopf-Zusammenstösse analysierten.

2006 hat die FIFA aufgrund dieser Studien eine neue Regel eingeführt, wonach Spieler vom Feld gewiesen werden, die absichtlich den Ellbogen an den Kopf eines Gegenspielers rammen. Eine Regel, die laut FIFA zu einer Halbierung der schweren Kopfverletzungen geführt hat.

Schweizer Studie

In der Tat wird beim Fussball der Kopf öfters eingesetzt, als der Name des Spiels vermuten lässt. Laut der FIFA sind 13% der Verletzungen bei einer Weltmeisterschaft Kopf- oder Halsverletzungen.

Der im Jahr 2012 erschienene Dokumentarfilm Head Games: The Global Concussion Crisis untersuchte die Folgen wiederholter Kopfverletzungen im Sport. Der Film konzentrierte sich auf American Football und Eishockey, aber auch auf Fussball, Boxen und Wrestling:

Neben der Prävention ist die Evaluation der am besten geeigneten Behandlung bei Kopfverletzungen entscheidend. Vor diesem Hintergrund haben Forscher der Universitätsklinik und der Schulthess- Klinik Zürich in Zusammenarbeit mit der FIFA ein Projekt ins Leben gerufen.

Dieses erfasst alle Spielerinnen und Spieler der Schweizer Top-Ligen im Männer- und Frauenfussball in der Saison 2014/15. Das sind insgesamt rund 520 Spielerinnen und Spieler.

"Wir unterziehen sie einer Basisuntersuchung des neurologischen Systems, inklusive Gleichgewichtssinn, Koordination, Augenbewegungen und neuropsychologische Leistung", sagte Projektleiterin Nina Feddermann-Demont vom Universitätsspital Zürich gegenüber swissinfo.ch.

"Im Falle einer Kopfverletzung, werden wir Folge-Tests durchführen. Die Unterschiede zwischen den beiden Tests sind der Schlüssel zur Beantwortung der Frage, wann der Spieler das Training wieder aufnehmen kann. Die Verfügbarkeit von Basisdaten ist entscheidend bei der Bestimmung der Auswirkungen einer Kopfverletzung, denn die meisten neurologischen Funktionen unterscheiden sich von Spieler zu Spieler ", sagte Feddermann-Demont.

"Wir haben eine 24/7 Hotline für die Team-Ärzte. Für uns ist es wichtig, eng mit ihnen zusammen zu arbeiten, denn sie sind es, welche die Spieler am besten kennen.

Keine Wiederholung in Russland

Ein weiteres Thema sind die Rechtsansprüche von Spielern der American Football League. Mehr als 4500 ehemalige Spieler oder Familienmitglieder haben Klagen über umgerechnet 700 Millionen Franken Schadenersatzansprüche wegen Gehirnerschütterungen eingereicht. Im Januar verweigerte ein Bundesrichter, auf die Klagen einzutreten, da nicht genügend Geld vorhanden sei, um die Ansprüche von 20'000 pensionierten Spielern decken zu können.

Die FIFPro beabsichtige nicht, Klagen einzureichen, sagte Raymond Beaard: "Wir kümmern uns um die Gesundheit der FIFPro-Spieler. Das ist ein Problem, das ohne die Androhung von rechtlichen Schritten gelöst werden muss. Oberste Priorität muss die Gesundheit der Spieler haben."Fussball-Verletzungen

Was aus der Schweizer Studie und den Forderungen der FIFPro wird, bleibt abzuwarten, aber Beaard hofft, dass sich die Ereignisse in Brasilien an der WM 2018 in Russland nicht wiederholen werden. "Wir machen keine Schuldzuweisungen. Was wir wollen sind Fussballspiele, bei denen man nicht befürchten muss, dass ein Spieler umfällt oder wegen einer Fehlbehandlung unter lang anhaltenden Verletzungen leidet."

Der Schutz vor Kopfverletzungen im Fussball wird durch die Tatsache kompliziert, dass Kopfbälle dass ein fester Bestandteil des Spiels sind.

Jede Bestrebung, die Spieler vor Kopfverletzungen zu schützen, muss ohne Änderung der Spielregeln auskommen.

Mehrere Kopfbedeckungen wurden zwar entwickelt, aber eine unabhängige Studie hat festgestellt, dass keines der auf dem Markt erhältlichen Produkte genügen Schutz gegen Verletzungen bieten.

Eine Studie der McGill Universität ergab, dass mehr als 60%, dass der Fussballer auf College-Niveau während einer einzigen Saison über Symptome einer Gehirnerschütterung berichteten. Diese Daten zeigen, dass Kopfverletzungen beim Fussball häufiger sind als meistens angenommen wird.

(Quelle: American Association of Neurological Surgeons)


(Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch

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